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21/12/2016 21:32 CET | Aktualisiert 21/12/2017 06:12 CET

Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

Mit Existenzialismus verbinde ich zuallererst Paris, Rollkragenpullover, Jazz und freie Liebe. Eine philosophische Richtung, welche die Gegenkultur der 68er beeinflusste. "Ihr Lebensgefühl war von einem hoffnungsvollen Idealismus durchdrungen", schreibt Sarah Bakewell in Das Café der Existenzialisten (C.H. Beck Verlag, München 2016). Und: "Ob sie Bücher von Camus, Beauvoir und Sartre mit sich herumtrugen oder nicht, sie befolgten zwei Grundprinzipien Sartres: Streben nach persönlicher Freiheit und politischen Aktivismus."

Als Sarah Bakewell erstmals Sartre und Heidegger las, konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass die Eigentümlichkeiten der Persönlichkeit oder Details aus dem Leben eines Philosophen bedeutsam sein könnten. Die gängige Haltung war damals, dass es nicht auf das Leben, sondern auf die Ideen ankam. Heute ist sie der gegenteiligen Ansicht und das ist ein wahres Glück, denn ihr verdanken wir dieses ganz wunderbare Buch.

Das Café der Existenzialisten

Einerseits legt Sarah Bakewell mit Das Café der Existenzialisten eine meisterhafte Kollektivbiografie von Edmund Husserl, Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Karl Jaspers und Maurice Merleau-Ponty vor; andererseits führt sie auch spannend und gekonnt in den Existenzialismus ein.

Diesem vorangegangen war die Phänomenologie, die als Methode empfahl: "Ignoriere den Wirrwarr der Begriffe, und richte deinen Blick auf die Dinge, damit sie sich dir offenbaren." Das war etwas ganz Anderes als die Beschäftigung mit all den Grundfragen der Erkenntnis, die immer wieder bei der selben Frage landeten: "Ich denke, dass ich etwas weiss, aber wie kann ich wissen, dass ich weiss, was ich weiss?", die Sarah Bakewell wunderbar trocken so kommentiert: "Schwierige Probleme und sinnlose dazu."

Weitere Vorläufer waren Kierkegaard und Nietzsche, beide von einem tiefen Widerspruchsgeist erfüllte Querdenker. "Sie definierten die menschliche Existenz als Vollzug von Entscheidungen, als Handeln und Selbstbehauptung und stellten die Angst und die Herausforderungen des Lebens in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Philosophie war für sie nicht nur ein Beruf. Sie war das Leben selbst - das Leben eines Individuums."

Der Zauberer von Messkirch

Und da war Martin Heidegger, der Zauberer von Messkirch, der grosse Umstürzler der Philosophie. "Wir schweben nicht über dem grossen und vielgestaltigen Geflecht der Welt und schauen darauf hinunter. Wir sind in diese Welt 'hineingeworfen'. Und diese 'Geworfenheit' muss unser Ausgangspunkt sein." Und das meint unter anderem, dass Nützlichkeit der Kontemplation vorgeht, dass "das In-der-Welt-sein und das Mitsein vor dem Alleinsein" kommt.

Als Sarah Bakewell mit Anfang zwanzig erstmals Heidegger las, spürte sie eine magische Anziehungskraft. "Mein Blick auf die Welt wurde von seinem schieren Staunen darüber beeinflusst, dass es tatsächlich etwas gibt und nicht vielmehr nichts." Auch heute noch fühlt sie sich davon angezogen, doch gleichzeitig drängt es sie, sich von Heideggers Diktum: "Denken ist die Einschränkung auf einen Gedanken" zu befreien, denn sie glaubt ans genaue Gegenteil.

"Das Leben erscheint mir viel zu kostbar, als dass man sich vor seiner Vielfalt verschliessen sollte, um in die Tiefe zu bohren und unter Tage zu bleiben, wie Hannah Arendt Heideggers Denkstil einmal beschrieb." Das Café der Existenzialisten legt davon eloquent Zeugnis ab.

Aufregende Denker

Das Café der Existenzialisten ist auch ein faszinierendes Geschichtsbuch, reich an skurillen Details, wie etwa diesem: Nach der Machtübernahme der Nazis im Frühjahr 1933 verliessen viele Juden Deutschland über die grüne Grenze in die damals noch sichere Tschechoslowakei, "auf einem Weg, der fast zu phantastisch klingt, um wahr zu sein: Eine deutsche Sympathisantenfamilie lebte an der Grenze in einem Haus, dessen Eingang in Deutschland und dessen Hinterausgang in der Tschechoslowakei lag. Sie empfingen ihre Gäste am Tag, bewirteten sie und liessen sie nach Einbruch der Dunkelheit zur Hintertür hinaus."

Erst wenn man aus der gewohnten Routine herausgerissen wird, beginnt man ernsthaft über das Leben und die Frage, warum man eigentlich weiterlebt, nachzudenken. Und die Antworten sind natürlich verschieden. Überaus inspirierend finde ich Jaspers' Ansatz, gemäss dem das Wesen des Philosophierens das "Hinausgehen über die Geborgenheit" sei.

"Wir müssen uns die Existenzialisten keineswegs als exemplarische Persönlichkeiten zum Vorbild nehmen", meint Sarah Bakewell und präsentiert uns genügend und nicht immer erfreuliche Details, damit wir dieser Gefahr nicht erliegen. "Aber", fährt sie fort, "sie sind aufregende Denker, und deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihnen."

Das Café der Existenzialisten ist ein Glücksfall. Gescheit, unterhaltsam und höchst lehrreich.