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01/04/2016 12:42 CEST | Aktualisiert 02/04/2017 07:12 CEST

Eine Jesidin verteidigt die demokratischen Werte

Handout . / Reuters

"Weil ich Jesidin bin und die demokratischen Werte verteidige, erhalte ich Todesdrohungen." Mit diesem Satz beginnt die Fernsehjournalistin und Filmemacherin Düzen Tekkal, 1978 als eines von elf Kindern einer jesidischen Einwandererfamilie in Hannover geboren, ihr Buch Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen (Berlin Verlag 2016).

Düzen Tekkal hat einen Film über die Verbrechen des IS gedreht. Eine große Kinokette will ihn nicht zeigen, aus Angst vor Anschlägen. Drohungen kommen von muslimischen Hardlinern.

"Anfangs galt, was ich tue, als mutig, Inzwischen heißt es, ich begebe mich in Gefahr. Ich gehe ein persönliches Risiko ein, wenn ich die Wahrheit sage. Die Frage ist: Wenn ich der Angst gehorche und mich still verhalte - geht es mir dann besser? Die Antwort lautet: Nein."

Eine solche Haltung ist heutzutage selten. Wer nicht mutig sein will, dem (oder der) wird Verständnis entgegengebracht. Woher also hat Düzen Tekkal ihren Mut? "Der Völkermord, den der IS an den Jesiden im Nordirak verübt hat und den ich mit eigenen Augen gesehen habe, hat mich mutig gemacht."

Im Gegensatz zu vielen nicht so Mutigen weiß Düzen Tekkal, wer sie ist und wo sie dazu gehört. Sie ist Jesidin und hat von ihrem Vater eine feste Werte-Identität übernommen. "Ich habe schon als Kind gelernt: Wenn du gefragt wirst, ob du verrückt bist, bist du auf dem richtigen Weg."

Sie zeigt ihren Film regelmäßig in Schulen und spricht anschließend mit den Schülern darüber. Als sie einmal gefragt wird, ob es im Krieg auch Schönes gebe, antwortet sie mit Ja, denn dort würden die eigenen Probleme klein.

"Es gibt keinen Platz zum Jammern mehr. Eben das ist vielleicht auch der Grund, warum manche Jugendliche aus Europa in den Krieg ziehen. Meist sind sie nicht alltagstauglich. Sie haben Schule, Ausbildung oder Studium abgebrochen und tun sich schwer, eine sinnvolle Aufgabe im Leben zu finden. Oft können sie mit Papierkram und Behörden nicht umgehen. Für viele ist Krieg einfacher, so krass das klingt."

Düzen Tekkal ist der Auffassung, dass uns die Schule stärker prägt, "als wir uns selbst zugestehen." So würden wir uns etwa an Lehrer, die uns gefördert haben noch Jahre später erinnern. Und natürlich auch an die, welche uns ungerecht behandelt haben. "Die Verantwortung von Lehrern ist groß."

Auch wenn ich durchaus zustimme, halte ich den Glauben an Schulen als Wertevermittler für naiv. Ich jedenfalls habe meine Werte von zuhause und von der Straße; Schulweisheiten fand ich noch nie besonders attraktiv.

Dass Düzen Tekkal das anders sieht, hat wohl auch damit zu tun, dass sie gerne zur Schule gegangen ist. "Schule war für mich ein bisschen wie Verliebtsein. Ich habe mich gefreut, ich hatte Herzklopfen. Ich habe mich oft gemeldet, ich wollte drankommen."

Sie ist wissensdurstig, liebt das Lesen und will auch andere dafür gewinnen. "Wir müssen überlegen, wie wir es schaffen, den Kindern die Welt der Bücher nahezubringen."

Die deutsche Welt erlebt sie als sauber, klar und strukturiert, die Welt zu Hause als "laut, es gab viel zu viel von allem, zu viele Geschwister, zu viel Essen, zu viel Drama." Sie will kein Entweder/Oder, sie braucht beides.

Im Privaten ist das ohne weiteres möglich, doch wie soll das im Gesellschaftlichen gehen? Indem man diese Werte-Hierarchie akzeptiert: zuerst Bürger, mit den entsprechenden Rechten und Pflichten; dann erst Kultur, Religion und sonstige Überzeugungen.

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