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10/12/2016 08:35 CET | Aktualisiert 10/12/2017 06:12 CET

Die offene Gesellschaft und ihre Freunde

"Wollen wir eine offene Gesellschaft sein, geleitet von Freiheit und Menschenrechtsidealen, oder eine geschlossene Gesellschaft, die ihre Identität vor gefühlten äusseren Bedrohungen sichert? Und was sind wir bereit, dafür zu tun?" Diesen und anderen Fragen widmet sich der Band Die offene Gesellschaft und ihre Freunde (Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2016), herausgegeben von Alexander Carius, Harald Welzer und Andre Wilkens.

"Gefühlte äussere Bedrohungen" suggeriert, dass es sich bei diesen Bedrohungen nicht um von Fakten geleitete handelt. Ganz so, als ob sich Gefühle von rationalem Denken gross beeinflussen lassen würden. Das tun Gefühle zwar eher selten, doch gelegentlich tun sie eben doch. Dann nämlich, wenn das nüchterne Denken konkretes, praktisches Handeln nach sich zieht und dieses dann wiederum die Gefühle beeinflusst.

"Die offene Gesellschaft ist unter Druck. Überall in Europa erstarken rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien, Feinde einer offenen Gesellschaft sitzen in den Parlamenten fast aller europäischer Länder, in manchen sogar in der Regierung, Ausgrenzungswünsche nehmen zu, und es breitet sich eine unangenehme Kultur des Hasses in Verhalten und Begriffen aus, die zunehmend auch die Mehrheitsgesellschaft infiltriert", lese ich in der Einleitung.

Ich teile diese Einschätzung. Doch was genau eine offene Gesellschaft ist, was mit Freiheit genau gemeint ist, hat sich mir auch nach der Lektüre dieses Bandes, der ganz unterschiedliche Beiträge versammelt, nicht wirklich erschlossen

So singt etwa Andre Wilkens ein (natürlich nicht unkritisches) Loblied auf die EU, der er eine "zivilisierende Kraft" attestiert, ein Eindruck, der sich mir, betrachte ich mir ihre in der Öffentlichkeit in Erscheinung tretenden Repräsentanten (von Oettinger bis Juncker), nicht unbedingt aufdrängt.

Andererseits weist Naika Foroutan darauf hin, dass es nicht "um einen Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt, beziehungsweise zwischen den westlichen Werten und den dazu als inkompatibel konstruierten Werten des Islam" gehe, sondern um "einen akuten Konflikt zwischen Europa und sich selbst." Nun gut, das Eine schliesst das Andere ja nicht aus.

Die überforderte Nation

"Wohin wir driften, wer Deutschland abschafft und warum die Flüchtlinge nicht hier sind, um uns zu nutzen" lautet der Untertitel von Richard David Prechts Beitrag "Die überforderte Nation", der mit ein paar wenigen Sätzen die gegenwärtig vorherrschende Politik auf den Punkt bringt: "Der Motor unserer politischen Entwicklung, nicht nur beim 'Krieg gegen den Terror', ist der Affekt und nicht die Vernunft. Nicht durchdachte Zukunftsszenarien bestimmen unser politisches Handeln, sondern die Entrüstungsindustrie der Massenmedien."

Tanja Dückers spricht sich gegen Obergrenzen für Flüchtlinge aus, weil "zu deren Umsetzung stabile Grenzen etabliert werden" müssten und behauptet: "Der Schengen-Raum hat sich damit erledigt." Rainer Hank hingegen fragt, was eigentlich eine Grenze ist: "Es ist die Linie, die innen und aussen scheidet, Zugehörige von Nichtzugehörigen trennt und Orientierung bietet. Kindern muss man 'Grenzen setzen'. Wer die Grenze auf das Bild des geschlossenen Schlagbaums reduziert, hat nichts verstanden."

So verschieden werden die Dinge in diesem Band gesehen, in dem noch viele weitere divergierende Auffassungen zum Ausdruck gebracht werden. Hervorzuheben sind insbesondere "Für ein Land der Unangepassten" von Van Bo Le-Mentzel; "Zwei, die reden" von Ingo Schulze sowie das Gespräch "Der Punkt, an dem es weh tut, oder: Wie funktioniert Widerstand?"" zwischen Ilija Trojanow und Harald Welzer.

Die offene Gesellschaft und ihre Freunde zeigt, was in unserer (noch) offenen Gesellschaft möglich ist: dass ganz unterschiedliche Meinungen nebeneinander Platz haben.