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19/03/2016 06:24 CET | Aktualisiert 20/03/2017 06:12 CET

Das kalte Feuer des Fanatikers: Von den Ursachen und Folgen des Terrors

zabelin via Getty Images

"Das kalte Feuer des Fanatikers" hat Erich Fromm die Geisteshaltung von Terroristen bezeichnet, die zuerst andere und dann schlussendlich sich selbst töten. Diese Leidenschaftlichkeit ohne Wärme und voller Verachtung, die nach den Anschlägen vom letzten November im Pariser Bataclan "bei uns allen - Opfern, Hinterbliebenen, Zeugen - ein quälendes Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins ausgelöst hatte", davon und wie sie sich damit auseinandersetzt, schreibt Gila Lustiger in Erschüttert. Über den Terror (Berlin Verlag 2016).

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Wir Menschen vergessen schnell. Und müssen das auch, sonst können wir nicht weiter leben. Doch gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, müssen wir uns auch erinnern. Um der Opfer und ihrer Angehöriger, und um des Lebens Willen.

Die Autorin Gila Lustiger, 1963 in Frankfurt am Main geboren, lebt seit 1987 in Paris. Erschüttert über die Attentate vom 13. November 2015, stürzt sie sich auf alle Informationen, derer sie habhaft werden kann. "Ich war informationssüchtig geworden, und mein Suchtmittel war im digitalen Zeitalter sofort verfügbar."

Es fehlte etwas


Mir ist es ebenso gegangen. Ich hielt mich zu der Zeit in Bangkok auf, verbrachte jedoch die meiste Zeit im Internet oder vor dem Fernseher. Obwohl mit Auskünften zugeschüttet und auch durchaus gängig informiert, fehlte da was, das ich jedoch nicht zu benennen wusste.

Gisela Lustiger hat offenbar ähnlich empfunden, doch sie hat es nicht dabei belassen, sondern entschloss sich, den Ursachen nachzugehen. "Ich musste mir selbst ein Bild machen, um herauszubekommen, was mir damals (bei den Unruhen im Jahre 2005) nicht erzählt oder was ich einfach nicht zu lesen und zu hören imstande gewesen war."

Durch die Nichte einer Freundin, die als Polizistin bei der Drogenfahndung im Einsatz war, erhält sie Zugang zur Kriminalpolizei. "Mehrere Wochen tauchte ich ein in die Welt der Drogenhändler und Drogensüchtigen, der Mörder, Opfer, Zeugen und Kleinkriminellen, Prostituierten, Zuhälter und Freier."

Miteinander reden


Dass wir miteinander reden sollen, lautet eines der gängigen Mantra der Wohlmeinenden, doch wie soll das gehen, mit Menschen, die (so geschehen in 2005) Schulen und Bibliotheken, Stätten der Begegnung und des Voneinander-Lernens , niederbrennen und Lehrer attackieren?

"Wie kam es, dass kaum einer richtig Notiz davon nahm, dass Bibliotheken zerstört und Bibliothekare angegriffen wurden? Ja, wie kam es, dass es keinen von uns beunruhigte?", fragt Gisela Lustiger. Weil niemand die Randalierer in den Vororten wirklich ernst genommen hatte - bis sie die Redaktionsräume von Charlie Hebdo stürmten.

"Mit der gleichen verblendeten Herablassung, mit der die deutsche Zivilgesellschaft damals auf die pöbelnde, laute SA herabsah, war unser Blick ganz kurz über diese Versager, Sozialhilfeempfänger, Schulabgänger gestreift, die da in den Vororten das Kulturgut anzündeten, das wir so gnädig gewesen waren, ihnen zur nutzbringenden Weiterbildung zu überlassen."

Und wo war die Politik?


Und die Politik, wo blieb die? "Der Umstand, dass keiner der Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus den französischen Vororten mit einer klaren Forderung an die politischen Instanzen herangetreten ist, weder 2005 noch danach, kann nur als absoluter Konkurs derjenigen Parteien angesehen werden, die sich den Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit auf die Fahne geschrieben haben."

Gisela Lustigers Auseinandersetzung mit dem Terror verzichtet auf einfache Erklärungen und Schuldzuweisungen und versucht stattdessen, sich dem zu stellen, was ist. Und zu fragen, was die Lage erfordert. Dazu gehört auch, die Krise der Erziehung anzusprechen. Nicht wie es Pädagogen, sondern wie es Hannah Arendt tut.

"Arendt unterscheidet in 'Die Krise der Erziehung' zwischen der Autorität des Lehrers und seiner Qualifikation. Während seine Qualifikation darin besteht, dass er die Welt, über die er belehrt, kennt, beruht seine Autorität darauf, dass er für ebendiese Welt die Verantwortung übernimmt."

Erschütterung ist ein aufwühlendes, wichtiges, ja ein notwendiges Buch.

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