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05/12/2015 09:10 CET | Aktualisiert 05/12/2016 06:12 CET

Das ist ja irre! Henryk M. Broders deutsches Tagebuch

Unter den Chronisten des Weltgeschehens, die in deutscher Sprache schreiben, ist der 1946 in Kattowitz geborene und heute als Reporter bei der Welt angestellte Henryk M. Broder nicht nur einer der meinungsstärksten, sondern auch einer der prägnantesten, schlauesten und witzigsten.

Sei neuestes Buch, Das ist ja irre! (Knaus Verlag, München 2015) heißt im Untertitel Mein deutsches Tagebuch und umfasst die Zeit von Januar bis Juli 2015.

Was Broder vorgeschwebt hat, das liefert er auch. "Ein Buch als Chronik des laufenden Irrsinns, der im Gewand der Normalität und dem Gestus 'Wir retten die Welt' daherkommt. Dabei will ich nicht ausschließen, dass ich der Irre vom Dienst bin und diejenigen, die ich für gaga halte, pumperlgsund sind.

Wer oder was irre ist, hängt davon ab, wer in einer Gesellschaft das Sagen und die Deutungshoheit hat."

Das ist ja irre! ist in erster Linie ganz wunderbar unterhaltende (und nötige) Aufklärung. So erfährt man etwa, dass man so recht eigentlich so ziemlich gar nichts darüber weiß, was die Kanzlerin eigentlich in der DDR gemacht hat. Ja, dass offenbar nicht einmal sie selber es weiß.

Und man lernt, dass 'Steini' (Frank-Walter Steinmeier) unentwegt durch die Welt düst und allerorten Worthülsen von sich gibt, die nur ganz Wohlmeinende als Diplomatensprache qualifizieren.

Die Steini-Rumfliegerei hat mich an einen Witz über den einstmals ähnlich umtriebigen Hans-Dietrich Genscher erinnert, der angeblich von Henry Kissinger stammen soll: Eine Boeing 747 startet in New York, eine andere 747 gleichzeitig in Köln-Bonn.

In beiden sitzt Genscher. Die beiden kollidieren über dem Atlantik. Nur einer überlebt: Genscher.

Henryk M. Broder zeichnet unter anderem aus, dass er sich klar und deutlich ausdrückt und sich damit wohltuend von den politisch Korrekten abhebt. "Der Islam habe mit dem Islamismus nichts zu tun, behaupten sie in vorsätzlicher Verkennung von Ursache und Wirkung.

Noch witziger wäre es, wenn sie jeden Zusammenhang von Alkohol und Alkoholismus leugnen würden."

Das ist ja irre! ist ein höchst nützliches Buch, weil es einem etwa Aussagen in Erinnerung ruft, die man sich immer vor Augen führen sollte, wenn man etwa Justizminister Heiko Maas , "der bevor er Minister geworden ist, nie aus dem Saarland herausgekommen ist", sagen hört, es gebe kein Grundrecht auf innere Sicherheit. Und da hatte ich doch bisher immer geglaubt, für die innere Sicherheit zu sorgen, sei die eigentliche Kernaufgabe einer Regierung.

Genau so nützlich ist es, daran erinnert zu werden, worum es bei der Griechenland-Rettung wirklich gegangen ist. "Das Geld ging an die Banken, die sich mit Krediten an Griechenland verspekuliert hatten.

Alte faule Kredite wurden mit frischem guten Geld abgelöst." Und auch daran, dass Jean-Claude Juncker "zwei Dezennien lang europäische Solidarität gepredigt und alles dafür getan hat, dass sich das Großherzogtum Luxemburg zu Lasten der anderen europäischen Staaten bereichern konnte."

Henry M. Broder macht mit diesem Buch wieder einmal klar, was deutscher Journalismus auch sein kann (der englische ist es): pointiert, reflektiert, originell, fundiert und ohne die übliche Scheu, anzuecken.

Wussten Sie, dass Außenminister Steinmeier, der sich auf seinen Auslandsreisen häufig mit Vertretern der "Zivilgesellschaft" trifft, zwischendurch auch Stammeskonflikte am Oberlauf des Amazonas schlichtet? Oder dass die Kanzlerin schon so oft gehört hat, sie sei die mächtigste Frau der Welt, dass sie es mittlerweile selber glaubt.

Das war vor der Flüchtlingskrise.

Der begnadete Polemiker Broder teilt aus, und nicht zu wenig. "Wulffs Vermächtnis als Bundespräsident besteht aus fünf Wörtern: 'Der Islam gehört zu Deutschland'". Die Spezialität seines Nachfolgers Gauck seien "Nullsätze mit Erfolgsgarantie."

Das ist ja irre! ist auch deswegen ein höchst verdienstvolles Buch, weil es unter anderem über die selten vorhandene sachliche Kompetenz der Volksvertreter aufklärt. Mehr als man selber wissen die offenbar auch nicht. Manchmal sogar weniger. Ermutigend ist das nicht gerade.

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