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02/12/2015 05:06 CET | Aktualisiert 02/12/2016 06:12 CET

Als Dolmetscherin bei der Asylbehörde

JOE KLAMAR via Getty Images

Dolmetscher sollen, was gesagt wird, von der einen in die andere Sprache übertragen. So, wie es gesagt wird. Ohne etwas hinzuzufügen, ohne etwas auszulassen. In den Worten der ehemaligen Dolmetscherin, Shumona Sinha: "Meine Rolle war es, zu verschwinden. Alle meine Bemühungen richteten sich darauf, nicht vorzukommen."

Shumona Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. In ihrem Roman Erschlagt die Armen! (Edition Nautilus, Hamburg 2015) berichtet sie in literarischer Form von ihrer Arbeit als Dolmetscherin bei der französischen Asylbehörde. Nach der Veröffentlichung verliert sie ihre Stelle.

Die Antragsteller, die die Autorin schildert, erzählen vieles, doch selten die Wahrheit. Und so übersetzt sie täglich deren Jammern und Lügen, weil das offensichtliche Elend für die Behörden nicht ausreicht, um Asyl zu gewähren.

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"Sie durften meine Arbeit kritisieren, weil eine echte Frau nicht arbeitet. Keine Frau, die sie von Nahem oder Weitem kannten, keine Nachbarin im Dorf, war so tief gesunken, dass sie sich der Welt aussetzte und ihren Lebensunterhalt alleine verdiente, als gäbe es auf der Welt keine Männer mehr! Und dann erdreistete sich diese Frau, sie, die Männer, auszufragen."

Anzunehmen, dass Antragsteller immer wahrheitsgetreu auf die ihnen gestellten Behördenfragen antworten, wäre naiv, doch davon auszugehen, dass routinemässig gelogen wird, wäre auch nicht realistisch. Die Dialoge, die Shumona Sinha schildert, grenzen gelegentlich an absurdes Theater.

Der angebliche Christ

Etwa der angebliche Christ, der nach den christlichen Festtagen befragt, zur Antwort gibt:

"Ich war sehr beschäftigt ... Die Terroristen bedrohten mich. Die Terroristen lassen die Leute aus den Minderheiten nicht in Ruhe. Ich musste mein Leben retten ... Für mich gab es nichts zu feiern."

"Okay. Aber erzählen Sie uns ein wenig mehr über Ihre Religion. Zum Beispiel wer Jesus nach seiner Geburt besucht hat."

"Versteh nicht."

"Es gab diese drei, diese drei Personen, die Jesus nach seiner Geburt aufgesucht haben. Wer sind sie?"

"Ich hatte viele Probleme, ich war sehr beschäftigt, die Terroristen haben mich bedroht ... Ich habe nicht gesehen, wer Jesus besucht hat."

Was Shumona Sinha als Dolmetscherin verwehrt ist, zeigt sie in diesem dünnen, sprachlich wohl formulierten (die Originalfassung erschien auf Französisch, für die gelungene Übersetzung zeichnet Lena Müller) Band: Ihre Gefühle, ihre Einschätzungen, ihre Meinung.

Als Herr K., der Mann, der sie eingestellt hat, sie nach dem Leben als Dolmetscherin befragte, "zu den Beziehungen untereinander, zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern, unseren Gemeinsamkeiten und Meinungsverschiedenheiten", hielt sie sich nicht zurück, redete sie mit ihm, wie man laut denkt. "Das Leben ist ein öffentliches Schwimmbad. Schmutzig und voller Eindringlinge. Man stösst sich an denen, die man nicht begehrt."

Die Asylverfahren schildert sie als Volkstheater. "Ein chaotisches, keifendes Volkstheaterstück. Geschichten, die vorne und hinten nicht stimmen." Doch sie sagt auch. "Aber wer bin ich, dass ich es wage, über sie zu sprechen? Ich stehle ihre Geschichten. Ich überzeichne das Elend und die Hässlichkeit. Ich bin eine Rausch-Piratin. Ich möchte mich berauschen."

Erschlagt die Armen! ist ein radikales und notwendiges Buch.

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