BLOG
10/02/2017 11:22 CET | Aktualisiert 11/02/2018 06:12 CET

Bevor wir unser erstes Geld verdient haben, stehen wir schon vor dem Nervenzusammenbruch

Marcelo Del Pozo / Reuters

Ich lerne schon die ganze Zeit, mein Leben lang, fast ununterbrochen. Zwar habe ich immer gern gelernt, doch jetzt als Abiturient wächst mir das Ganze über den Kopf. Denn das ganze Schuljahr, jeder Arbeitsauftrag und jede Fragestellung zielt auf Prüfungsvorbereitung.

Die meisten Lerninhalte sind auf stumpfe Wissenswiedergabe gepolt. Weniger individuelle Stärken und Schwächen sind gefragt, als im Durchschnitt mitzulaufen.

Für die meisten Schüler heißt Abitur: optimieren, vorbereiten, lernen. Doch nicht das, was für sie wichtig ist, sondern das was beim Abschluss gefragt wird. Klappe halten und bestehen heißt die Devise.

Alles was zählt ist die Endnote, um später das Wunschstudium beginnen zu können. Doch egal, ob ich Anwältin, Grundschullehrerin oder Psychologin werden will - dank Zulassungsbeschränkungen ist nur die Note gefragt und nicht die Fähigkeiten.

Schon von jung an werden Zertifikate gesammelt - Schule, Praktika, Ausland, Bachelor, Master. Schüler leisten heute wahnsinnig viel. Schon in der 5. Klasse sind 30 Schulstunden Normalität - dazu kommen Referate, Hausaufgaben, Prüfungen. So werden wir die Generation Burnout. Schon jeder 20. Gymnasiast ist von dem Syndrom betroffen. Das ist einer pro Klasse.

Der Druck auf die Kinder ist immens

Schon in der dritten, vierten Klasse fängt der Druck an. Denn die Eltern haben Angst, dass sich die Schüler ihre Zukunft verbauen.

Sie fragen sich, wie früh eine Schulaufgabe eigentlich angesagt sein muss, ob alle Parallelklassen für ein faires Ergebnis nicht zur selben Zeit dieselbe Schulaufgabe schreiben müssten und üben mit diesen Fragen Druck auf die Lehrer aus.

Lehrer setzen durch Noten und Selektion Schüler unter Druck und der steigende Druck der Schüler verstärkt wiederum die Ängste der Eltern. Ein Teufelskreis entsteht.

Auch die Lehrer leiden. Ich allein kenne drei Lehrkräfte die mit Burnout Syndromen zu kämpfen hatten. Alle leiden unter diesem Schulsystem. Ich habe schon von vielen Grundschullehrern gehört, die in der 3. und 4. Klasse nicht mehr unterrichten wollen, weil der Übertritts-Druck zu groß ist.

Mehr zum Thema: Falsche Vorbilder und Anreize - wir haben gelernt wegzuschauen und das Unrecht auf der Welt auszusitzen

Grundsätzlich sollten die Eltern und Lehrer versuchen das Potential ihrer Kinder zu erkennen und zu fördern. Aber um den Teufelskreis zu durchbrechen, müssen wir alle uns einer großen Aufgabe stellen: Keine Schuldsuche, sondern Lösungsansätze.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

In der Schule könnte bereits jetzt einiges geändert werden. Schon mit kleinen Schritten würden wir viel erreichen.

Es wäre hilfreich wenn Schüler und Lehrer sich regelmäßig gegenseitig Feedback geben würden. Dadurch könnten sich beide enorm weiterentwickeln und ihr volles Potential entfalten.

Um den Unterricht generell zu verbessern, muss natürlich noch mehr reformiert werden. Hier ist die Politik gefragt: Wir brauchen mehr fächer- und projektübergreifenden Unterricht in dem wir unsere Kreativität entfalten können.

Durch praxisorientiertere Arbeiten könnte man die Hälfte der Prüfungen streichen und zusätzlich Druck von Schülern und Lehrern nehmen. Auch mit der Notengebung sollte man so spät wie möglich anfangen.

Schule muss demokratisch werden

Wir wollen mehr mitbestimmen, wir brauchen mehr Wahlmöglichkeiten, wir sollten unsere eigenen Fähigkeiten austesten und anwenden dürfen. Die Schule muss demokratisch werden. Noch ist sie hierarchisch geordnet, oben steht der Direktor, unten die Schüler.

Kein Schüler darf, wenn er das Schulgelände betritt, das Gefühl haben den demokratischen Sektor der Bundesrepublik Deutschland zu verlassen.

In der Schule muss Demokratie gelernt und gelebt werden. Und das ist mehr, als die Entscheidung, ob die Wände der Cafeteria grün oder blaue gestrichen werden.

Mehr zum Thema: Sie renovierten eine alte Schule und konnten nicht fassen, was sie hinter den Tafeln fanden

Schule muss viel praxisbezogener werden - Steuererklärungen, Erste-Hilfe- oder Kochkurs. Wir sollten mehr fürs Leben lernen, beispielsweise durch Praktika. Es ist wahnsinnig wichtig die vier Wände der Schule zu verlassen.

Doch alles steht und fällt mit dem Lehrer. Gute retten, schlechte zerstören. Lehrer sind wahnsinnig wichtig. Deshalb müssen sie sich an der Schule und in der Klasse wohlfühlen. Der Job sollte ihr Traumberuf sein, ausgewählt werden sollten sie nicht nach Notenschnitt, sondern durch praxisnahe Eignungstests.

All das könnte dabei helfen, dass wir die großen Zusammenhänge besser verstehen, eigene Projekte entwickeln, in der Gruppe Entscheidungen fällen und mehr Verantwortungsgefühl übernehmen.

Dafür sollte doch die Schule da sein. Denn Bildung ist mehr als pures Auswendiglernen.

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.