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24/11/2015 04:10 CET | Aktualisiert 24/11/2016 06:12 CET

Ich stieg zu einem Muslim ins Auto, das hat mein Leben verändert

Robert Warren via Getty Images

Ein offener Brief von einer Israeli an ihren muslimischen Taxifahrer von Uber

Als ich von meinem SAT-Test kam und mein Handy anschalte, lese ich, dass weitere vier Israelis niedergestochen wurden. Das wurde zu unserer traurigen Normalität. Ich gehe also dazu über, mir ein Taxi des Unternehmens Uber für meinen Weg nach Hause anzufordern.

Binnen einer Minute erhalte ich eine Textnachricht, die mir mitteilt, dass mein Fahrer Mohammad bereits unterwegs sei. Mohammad, er muss Moslem sein, denke ich...

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Als amerikanische Israeli hätte ich vielleicht zögern sollen. Es wäre nicht wirklich ungerechtfertigt, oder? Religion meines Fahrers hin oder her: Ich bin ein 1,52 Meter großes, ein 17 Jahre altes Mädchen, das sich allein in das Taxi zu einem Fremden setzt.

Dennoch war ich optimistisch - ich habe einfach angefangen, Arabisch zu sprechen und hoffte, ein Gespräch mit meinem Fahrer beginnen zu können. Was während meines Nachhauseweges tatsächlich passierte, hat meine Erwartungen jedoch weit übertroffen.

Als ich in das Auto eingestiegen bin, hat Mohammad mich gefragt, woher ich gerade komme. Ich sagte ihm, dass ich gerade den SAT-Test absolviert habe.

Das war der Anfang

„Tut mir leid, ich weiß nicht, was das ist. Ich bin nicht sonderlich gebildet. Ich komme nicht von hier", sagte er in gebrochenem Englisch mit einem starken Akzent. Das war mein Einstieg.

„Woher kommen Sie?", fragte ich.

„Afghanistan."

„Wirklich? Ich habe vor kurzem erst angefangen, Arabisch zu lernen."

Er lächelte. „Kif halak?"

Als ich am ersten Tag in meinem Arabischkurs saß, was erst wenige Wochen her ist, erklärte mein Lehrer, warum es besonders für uns als Juden so wichtig ist, Arabisch zu lernen. Er erklärte, dass die Moslime demütige Menschen seien, und indem wir ihre Sprache lernen, zeigen wir ihnen, dass wir um sie bemüht sind.

Um ehrlich zu sein, war ich mehr als skeptisch, das zu hören. Mir erscheinen sie alles andere als demütig. Aber was weiß ich schon?

„Ich spreche tatsächlich nicht gut Arabisch. Wir sprechen Persisch. Aber ich kenne ein bisschen was durch den Koran", sagte er.

Er war ganz offensichtlich sehr interessiert an mir. Es dauerte also nicht lang, bis herauskam, dass ich auch Hebräisch spreche.

„Du bist also Jüdin?", fragte er mich. „Ja, bin ich", antwortete ich ohne zu zögern.

Wir diskutierten über Religion

Ehe ich mich versah, diskutierten wir über den Sabbat, den Messias, die Tora und den Koran. Er war so begeistert von allem, was ich erzählte und er wusste so wenig über das Judentum. Er fragte mich nach dem Sabbat und warum wir ihn feiern.

Ich erklärte ihm, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf und sich am siebten Tage erholte, was wir ihm gleichtun. Ihm gefiel diese Geschichte sichtlich und er fand, dass das auch ein guter Grund sei.

Wir waren uns einig, dass weder der Koran, noch die Tora jemals jemanden dazu auffordern, zu töten und dass nur radikale Gläubige so etwas tun. Als er mir erzählte, dass Jesus der christliche Messias war und David der Messias der Juden, korrigierte ich ihn.

„David war nicht unser Messias. Tatsächlich warten wir noch immer auf den Messias", erklärte ich. „Wirklich? Das tun wir auch! Was passiert also, wenn der Messias tatsächlich kommt?" Er war absolut aufgeregt. „Nun ja, er erweckt alle Toten und es wird Frieden herrschen."

Hier sind wir nun, ein Moslem und eine Jüdin, die unschuldig unsere eigenen Religionen diskutieren und uns gegenseitig die Fragen des anderen beantworten - ohne irgendwelche Vorurteile.

Viele Ähnlichkeiten zwischen unseren Religionen

Er war überrascht, wie viele Ähnlichkeiten zwischen unseren Religionen bestehen, und mir ging es da nicht anders. Und dann hat er sich mir noch ein Stück weiter geöffnet.

„Weißt du, ich bin davon ausgegangen, dass Amerika der großartigste Ort auf der Welt sein würde... Zuhause denken alle so."

„Ja, ich weiß. Israelis denken genauso... Aber so toll ist es nicht, oder?", sagte ich. „Nein, das ist es wirklich nicht. Ich bevorzuge Afghanistan. Ja, natürlich haben wir unsere Sicherheitsprobleme, aber wir lieben einander. In Afghanistan kann man arbeiten, um seine Familie zu versorgen. Hier arbeite ich und kann nicht mal mich selbst ernähren."

„Ja, Amerika ist einfach anders..."

„Und hier denken die Leute, dass wir alle Terroristen sind. Wenn sie meinen Namen lesen, Mohammad, dann möchten Sie nicht von mir gefahren werden."

Und in diesem Moment brach mein Herz für ihn und sein Volk.

„Warum möchtest du überhaupt Arabisch lernen?", fragte er mich daraufhin. „Weil ich nicht denke, dass ihr alle Terroristen seid", antwortete ich.

Er lächelte.

Ich lächelte.

Eine Brücke des Verständnisses

Und ganz einfach so bauten wir eine Brücke des Verständnisses. Und dennoch brach, während wir miteinander sprachen, in Israel ein weiterer Krieg aus.

Ich werde Mohammad nie vergessen, den Taxifahrer von Uber, der sich mir gegenüber öffnete und mich daran erinnerte, dass wir alle einfach nur Menschen sind. Und ich hoffe, dass Mohammad, ein Moslem, der zuvor nichts über gute oder schlechte Juden wusste, immer gut über uns Juden denken wird.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der The Times Of Israel erschienen und wurde von Ramona Biermann aus dem Englischen übersetzt.

Vielleicht würde uns das manchmal helfen: Forscher haben einen Weg gefunden, Religiosität und Rassismus einfach abzuschalten

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