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06/04/2016 16:59 CEST | Aktualisiert 07/04/2017 07:12 CEST

Vorteile fürs Kind durch Langzeitstillen

Hanna R.

Wenn ich ein Baby habe, möchte ich es Stillen. Das war für mich immer unbestreitbar. Mit weiteren Fragen zum Thema hatte ich mich bis vor Kurzem nicht beschäftigt. Auch nicht in der Schwangerschaft. Wir hatten auch kein Milchpulver oder Fläschchen "nur für den Fall" zu Hause. Für mich war so klar, dass ich mein Baby stillen würde, ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass etwas nicht funktionieren könnte.

Als der Rubbelbatz dann geboren wurde, suchte er wie selbstverständlich nach der Brust. Die Hebamme riet mir, mich seitlich hinzulegen und ihn neben mich. Ganz selbstverständlich schob ich sein Köpfchen in Richtung Brustwarze und ganz selbstverständlich dockte er an und trank. Ein merkwürdiges Gefühl. Aber auch ein ganz normales. Und obwohl es anfangs manchmal weh tat, nie ein beängstigendes Gefühl.

Ansonsten ging ich immer davon aus, dass der Kleine dann, wenn er anfängt zu essen, von selbst aufhören würde, zu trinken. Wenn er so weit ist. Dass er schon wissen wird, wann der richtige Zeitpunkt ist und wann er keine Muttermilch mehr braucht

Allerdings war dieser vage Zeitpunkt in meinem Kopf irgendwann innerhalb seiner ersten zwei Lebensjahre. Ich hatte mir noch nie die Frage gestellt, ob es denkbar oder gut wäre, auch darüber hinaus zu stillen. Ob es gar natürlich wäre. Bis ich vor ein paar Tagen zufällig über einen Artikel zum Thema "Langzeitstillen" gestolpert bin.

Nach sechs Monaten Abstillen für die Unabhängigkeit

Schon länger war mir allerdings im näheren Umkreis eine für mich unverständliche Entwicklung aufgefallen: Während anfangs die meisten Mütter, die ich kenne, gestillt haben - ist ja schließlich das Beste für das Kind - sind jetzt die meisten entweder am Klagen, wie anstrengend das ist oder schon am Abstillen. So, als wäre mit den ersten sechs bis neun Monaten "ihre Pflicht getan" und jetzt müssen die Kinder lernen, alleine klar zu kommen.

Meinem Empfinden nach wird das auch in unserer Gesellschaft oft so kommuniziert und als normal empfunden. Eine Mutter darf sich nicht "aufopfern" und "braucht irgendwann wieder ihre Ruhe". Ich wage es oft nicht so direkt anzusprechen, weil im Endeffekt jeder für sich entscheiden muss und ich niemandem ein schlechtes Gewissen einreden möchte, aber ich frage mich dann immer zwei Dinge: Braucht sie das wirklich, ihre Unabhängigkeit? Hat sie ein "Recht" darauf? Zählen ihre Bedürfnisse mehr als die des Babys? Und: Hat sie dann wirklich mehr Ruhe?

Vermutlich denkt da jeder anders, aber für mich gehen die Bedürfnisse meines Babys vor

Denn im Gegensatz zu ihm bin ich in der Lage, diese gedanklich in die Zukunft zu verschieben. Ich weiß, dass ich nicht verhungere, wenn ich nicht sofort etwas zu essen bekomme; dass ich auch später meine Emails abrufen kann oder mit meinen Eltern telefonieren.

Ich weiß, dass eine Zeit kommen wird, in der er mich weniger braucht und in der ich mich selbst wieder wichtiger nehmen kann. Er dagegen ist mit Haut und Haar auf uns angewiesen. Er kann seine Bedürfnisse nicht selbst befriedigen und auch deren Dringlichkeit nicht einordnen. Alles, was er kann, ist uns um Hilfe zu bitten. Und irgendwann aufhören, zu fragen, wenn nichts passiert.

Für mich kommt es nicht in Frage, ihm die Muttermilch wegzunehmen, solange er sie noch braucht. Denn neben den positiven Bestandteilen der Muttermilch und der Tatsache, dass er sie so viel besser verdauen kann, als feste Nahrung, bedeutet Stillen für ihn auch Nähe, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit.

Ja, natürlich kann ich meinem Baby auch anders Trost spenden. Aber nichts ist so innig, so intuitiv und allumfassend wie das Trinken an der Brust. Es ist das erste, womit ich mein Baby getröstet habe, als es in diese Welt gekommen ist. Nichts, was ich ihm danach an Beruhigungsstrategien beibringe, kommt dem gleich.

Langzeitstillen

Warum also wollen trotzdem viele Mütter, dass das Baby möglichst schnell unabhängig wird? Selbst isst? Von Brei lebt oder von der Flasche? Ich glaube, neben dem "egoistischen" Gedanken ist auch noch ein gesellschaftlicher Druck. Denn schnell bekommt man die "Wie, du stillst noch?"-Frage gestellt, wenn das Kind länger als sechs Monate an der Brust trinkt.

Nochmal sechs Monate und man erntet schon häufig schräge Blicke und spätestens nach zwei Jahren ganz bestimmt. Kein Wunder, denn die wenigsten Frauen in Deutschland stillen länger als vier bis sechs Monate und nur ein winziger Prozentsatz länger als zwei Jahre.

Zudem ist es einfach so 'normal', so früh abzustillen, dass wahrscheinlich die wenigsten Mütter überhaupt über Sinn oder Unsinn nachdenken. Sie übernehmen es einfach so, wie sie sehen. Denn ich bin mir sicher, dass alle Mütter das Beste für ihr Kind wollen und wenn sie sich ausgiebig informieren würden und gleichzeitig ohne Druck von Außen auf ihr Bauchgefühl hören, würden viele anders entscheiden.

Langzeitstillen ist natürlich

Denn offensichtlich ist das nicht in allen Ländern so. Im Gegenteil. Vor allem in weniger entwickelten Ländern, in denen Kinder noch "natürlicher" aufwachsen und die Eltern auf ihre Intuition angewiesen sind, in denen Flaschenmilch nicht beworben wird und keine merkwürdigen Gerüchte über das Stillen kursieren, werden Kinder ganz selbstverständlich viele Jahre gestillt.

Offenbar liegt das auch in unseren Genen, denn der Saugreflex hört nicht nach ein paar Lebensmonaten auf, sondern erst nach bis zu sieben Lebensjahren. Wenn es also unserer Biologie entsprechen würde, nach vier bis sechs Monaten von fester Nahrung zu leben, würde auch der Saugtrieb aufhören.

Auch die WHO empfiehlt übrigens, sechs Monate lang voll zu stillen und dann weiterhin bis mindestens zum 2. Lebensjahr der Kinder

Leider in Deutschland sehr selten der Fall. Das anthropologische, also natürliche Abstillalter liegt, je nach Kind zwischen 2,5 und sieben Jahren.

Langzeitstillen ist gesund

Entgegen anders lautender Gerüchte ist auch nach sechs Monaten die Muttermilch weiterhin sehr gehaltvoll. Um ein Vielfaches nahrhafter sogar, als "richtige" Nahrung. Das heißt, durch Stillen ist gewährleistet, dass mein Kind nicht nur genügend Kalorien zum Wachsen bekommt, sondern auch alle wichtigen Nährstoffe, wie z.B. Eisen, Kalzium, Magnesium usw.

Nicht umsonst heißt es, ein Baby soll im ersten Jahr hauptsächlich von Milch leben. Für mich ist es angesichts dieser Richtlinie fragwürdig, immer mehr Mahlzeiten komplett durch Brei zu ersetzen. Außerdem bekommt mein Kleiner so auch immer genügend Flüssigkeit, auch und vor allem wenn er mal krank ist und nichts zu sich nehmen möchte. Denn die Brust geht dann meistens trotzdem bzw. umso besser.

Auch bietet die Muttermilch im zweiten Lebensjahr nochmal ein Extra an Antikörpern für die Immunabwehr des Kindes. Die Konzentration ist sogar ähnlich hoch wie im Kolostrum, der Vormilch die ein Baby in den ersten Lebenstagen erhält.

Auch für meine Gesundheit ist das Stillen nicht negativ

Solange ich mich ausgewogen ernähre, sind genug Nährstoffe für alle da. Ich gehe da weiterhin auf Nummer sicher und nutze LaVita Saft auch in der Stillzeit. Und ob ihr es glaubt oder nicht, meine Gesundheit verbessert sich sogar durch das Stillen: Solange der Rubbelbatz nämlich so fleißig trinkt, bleibt die Histaminintoleranz weiterhin fern - und wer weiß, vielleicht hat mein Körper sie danach ja auch einfach "vergessen"?

Langszeitstillen ist praktisch im Alltag

Wenn man so hört, wie gut das Langszeitstillen für das Baby ist, könnte man meinen, ich mache das hauptsächlich ihm zuliebe. Aber Hand aufs Herz, es ist auch für mich im Alltag eine unglaubliche Erleichterung. Ich muss nie planen, wann er Hunger bekommt, keinen Brei oder Milchpulver mit mir herumschleppen, keine Nährstofftabellen studieren oder nach Möglichkeiten suchen, wo wir uns hinsetzen und füttern können. Einfach Brust raus und los geht's.

Genauso, wenn der kleine Kerl aus irgendeinem Grund schwer zu beruhigen ist: Brust raus, Kind still. Von der Figurfreundlichkeit mal ganz zu schweigen - denn wenn man zwei ernährt, darf man auch für zwei essen! Und nicht zuletzt wären da diese wundervollen Stillhormone.

Ich weiß nicht, wie Frauen, die nicht stillen, diesen permanenten Schlafentzug überleben und trotzdem noch lächeln

Ich dagegen, eigentlich schon im Zombie-Modus und vergesslich wie eine 90-jährige, grinse immer noch grenzdebil täglich über meinen unverschämt putzigen und witzigen kleinen Sohn, der nachts mal wieder jede Stunde aufgewacht ist. Und mache den Haushalt. Und geh mit ihm raus. Und koche. Und treffe mich mit Freunden. Die Hormone sorgen übrigens auch dafür, dass ich seit nunmehr 17 Monaten keinen Zyklus mehr habe. Alle weiblichen Leser wissen, wie cool das ist.

Mütter, traut euch!

Unterm Strich bleibt zu sagen: Was mir intuitiv schon klar war, wenn auch nicht in der völligen zeitlichen Konsequenz, ist also auch noch gesund und richtig für mein Baby: dann Abstillen (lassen), wenn er so weit ist. Auch wenn das länger dauern kann, als unsere Gesellschaft in Deutschland es auszuhalten vermag.

Und allen Müttern, die sich jetzt denken, ich bin eine Attachment-Parenting-Spinnerin auf einsamer Flur, möchte ich unten ein paar weitere Erfahrungsberichte zum Langzeitstillen empfehlen. In der Hoffnung, dass noch mehr Mütter lernen, wieder auf ihre Intuition zu vertrauen und sich von dem, was andere denken, weniger unter Druck setzen lassen. Es ist unser Leben und das unserer Kinder. Wie wir das gestalten, geht niemanden sonst etwas an.*

- Ein wirklich lesenswerter Bericht über das Stillen in der Schwangerschaft bzw. Tandemstillen danach, d.h. ein älteres und ein jüngeres Kind

- Das Mädchen der Frühlingskindermama stillte sich selbst mit 28 Monaten ab und ihren älteren Sohn nach 20 Monaten

- Juli schreibt, wie sie ihre kleine Carli auch nach 13 Monaten gerne weiter stillt

- Zweifach-Mama Sylvie erzählt hier vom Langzeitstillen

- Auf etwas humorvollere Art berichtet Frida von 2kindchaos über die 'peinlichen' Momente des Langzeitstillens

- In drei Teilen erzählt "Mutter Stiefchen", wie sich ihre Einstellung zum Stillen gewandelt hat

- Anita beschreibt auf ihrem Blog mamanatur ihren Weg zum Langzeitstillen und wie sie sich trotz allem nicht immer ganz wohl damit fühlt

- Auf mamisblog könnt ihr Renates Weg verfolgen - sie hat sich informiert und so das nötige Selbstbewusstsein erlangt, sich gegen Kritiker zur Wehr zu setzen

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Habt ihr vielleicht auch eine Geschichte zu erzählen, die anderen Müttern Mut machen kann, ihre Babys länger zu stillen?

*An alle "Normalo-Mütter", die entweder die Flasche gegeben oder früh abgestillt haben: Ich schreibe diesen Artikel nicht, um irgendjemanden zu verurteilen oder ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich weiß, dass es viele verschiedene Gründe gibt, warum Mütter nicht oder nicht länger stillen. Unsere Gastautorin Maria z.B. hätte gerne länger gestillt, musste aber wegen Problemen mit der Brust plötzlich auf Flaschenmilch umsteigen. Trotzdem hoffe ich, dass die eine oder andere vielleicht dazu angeregt wird, doch nochmal darüber nachzudenken.

Die Autorin betreibt den Blog Rubbelbatz.de

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