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22/04/2016 14:16 CEST | Aktualisiert 29/04/2017 07:12 CEST

Alles Gute zum 80. Geburtstag, Mr. Glen Campbell!

Phil McCarten / Reuters

Glen Campbell verknüpfen die meisten deutschen Musikkonsumenten mit seinem Hit "Rhinestone Cowboy" - dabei hat der am 22. April 2016 80 Jahre alt gewordene Musiker weit mehr zu bieten, als diesen Evergreen.

Die frühen 70er Jahre waren keine sehr gute Zeit für Glen Campbell. Seine Alben trabten urplötzlich nicht mehr schnurstracks in Richtung oberste Chartsregionen, blieben im kommerziellen Nirwana hängen. Werke wie „Houston (I'm Comin' To See You)", das Legenden- Tribut „I Remember Hank Williams" oder das gemeinsam mit Tennessee Ernie Ford entstandene „Ernie Sings & Glen Picks" bescherten dem erfolgsverwöhnten Musiker zwar wohlwollende Kritiken - aber: keine Hits. Einer wie Glen Campbell konnte sich damit natürlich nicht zufrieden geben.

Mit „Rhinestone Cowboy" zurück in den Sattel

Das 1975 erschienene Album "Rhinestone Cowboy" markiert gleichzeitig Höhe- und Wendepunkt in seiner Karriere. Höhepunkt, weil die Single nahezu weltweit in die Charts preschte. Wendepunkt, weil Campbell - auf dem Coverfotos den weiß gekleideten Cowboy gebend - ohne Berührungsängste mit Soul, Westcoast und Pop flirtete. Das in Los Angeles aufgenommene Album hält unter anderem Songs aus der Feder von Randy Newman ("Marie"), Barry Mann, Cynthia Weil ("We're Over") und vier Titel seines West-Coast-Produzentenduos Dennis Lambert und Brian Potter bereit. Den grandiosen Titeltrack steuerte indes der durch verschiedene Beatsongs zu Hit-Ehren gekommene Larry Weiss bei.

Mit allen stilistischen Wassern gewaschen

Als Campbell "Rhinestone Cowboy" auflegte, war er bereits ein Routinier im zweiten oder dritten Karriere-Frühling. Nicht nur, weil "Rhinestone Cowboy" bereits das 13. Solo-Album in seiner Vita darstellt. Sondern vor allem, weil der aus einem Provinznest in Arkansas stammende Sonnyboy viele Jahre lang als Studiomusiker in Los Angeles alle musikalischen Hürden nahm.

Er war Teil der legendären "Wrecking Crew", ein Dutzend Super-Musiker, die für alle Songs und Genres stets die perfekten Töne drauf hatten: von Elvis und Sinatra über die Monkeys bis hin zu den komplexen Arrangements der Phil Spector-Produktionen. Über 40.000 Songs hat diese Musiker-Crew eingespielt. Erfahrungen, die Glen Campbell zu einem absoluten Meister an der Gitarre reifen ließen. Ob rabiater Rock ´n´ Roll, vertrackter Jazz oder sanfter Pop - er hatte die Griffe und Akkorde parat.

DIe Antwort auf Lennon und McCartney

Überdies mit charakteristischer Stimme und aparter Optik gesegnet, war da eine Solo-Karriere fast schon unausweichlich. Doch schon in den 60er Jahren waren Hits launische Schurken. Sie ließen sich nicht berechnen, nicht konzipieren. So dauerte es bis 1967 und seinem sechsten Album "Gentle On My Mind", bis er seinen ersten Volltreffer landete.

Mehr noch: Der seidige, träumerische Titelsong katapultierte Campbell fast aus dem Stand in höchste Superstar-Regionen. Bald schon folgten: eine eigene TV-Show, Titelstorys, Grammys, Kinorollen, Huldigungen, kurz: die volle mediale Dröhung. Vor allem aber legte der blonde Musiker mit dem akuraten Seitenscheitel einen Klassiker nach dem nächsten auf.

Die besten davon entstanden in der Zusammenarbeit mit dem Songwriting-Genie Jimmy Webb - Songs wie das todtraurige „By The Time I Get To Phoenix", das beschwingte „Galveston" und vor allem das unerreichte, mystische "Witchita Lineman". Campbell und Webb. Das war die Country gewordene Antwort auf John Lennon und Paul McCartney.

Phönix aus der Asche

Privat lief es dagegen nicht immer rund. Der Vater von acht Kindern war vier Mal verheiratet; und wie so viele im Showbizz, kämpfte auch er seinen Kampf gegen die üblichen Dämonen Alkohol und Drogen. Nicht immer mit Erfolg.

Es gab peinliche Schlagzeilen und den einen oder anderen kleinen Skandal. In die 90er Jahre wollte darüber hinaus seine Musik nicht mehr so recht passen, er war out, hip waren längst rockende Cowboys wie Garth Brooks. Doch wer weiß: Vielleicht setzt sich langfristig Qualität immer wieder durch. Jedenfalls durfte er im neuen Jahrtausend seine künstlerische Rehabilitation erleben. Am eindrucksvollsten zeigte sich dies bei den 45. CMA-Awards, als sich die gesamte Country-Gemeinde vor ihm, vor seiner Musik verneigte.

Seit 2011 kämpft Glen Campbell allerdings einen Kampf, den er nicht gewinnen kann: gegen seine Alzheimer-Erkrankung. Doch selbst in diesem finsteren Kapitel seines Lebens, vertraut er auf die Magie der Musik. Seiner Musik. Er tourte weiter, nahm weitere Alben auf und singt - wie in dem berührenden Titel "I'm Not Gonna Miss You" - gegen diese heimtückische Geissel an.

Vielleicht ein kleines bißchen sarkastisch, niemals aber verbittert, dafür zu jedem Ton ergreifend. Seine eigene Erinnerung mag schwinden. Doch an ihn werden sich auch noch in vielen Jahren die Musikfans erinnern. Beileibe nicht nur an "Rhinestone Cowboy".

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