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14/03/2016 12:00 CET | Aktualisiert 15/03/2017 06:12 CET

Was eine Prostituierte am Frankfurter Bahnhof für einen Obdachlosen tat, machte mich sprachlos

Gunda Windmüller

Ich schaute meinem Atem nach. Der warme Dampf formte eine Wolke und zerstob sofort in der Kälte. Von einem Bein auf das andere tretend schaute ich frustriert zur Gleisanzeige hoch: ICE 521 nach München Hbf, Verspätung - ca. 55 Minuten.

Viel genervter konnte ich eigentlich nicht sein. Hunger hatte ich auch. Und Durst. Alles Mist, ich schloß die Augen und versuchte mich kurz am Selbstmitleid zu wärmen.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich einen kleinen Jungen mit einem Nutella-Crêpe in der Hand an mir vorbeilaufen. Meine Laune verbesserte sich schlagartig.

Ich machte mich auf den Weg in die Haupthalle des Frankfurter Bahnhofs - jetzt musste ich nur noch diesen Crêpestand finden, dann wäre alles gut. Zeit genug hatte ich ja, haha.

Um mich herum schien die Laune auch nicht besser zu sein, dick eingewickelte Menschen drängten mit sauren Mienen zwischen den Buden an mir vorbei. Meine Laune sank wieder ein Stückchen, irgendwie war diese abweisende Stimmung ansteckend. Aber da war er! Der Crêpestand, ich reihte mich in die Schlange ein.

Als ich gerade überlegte, ob ich nicht doch lieber Crêpe mit Marmelade hätte, hörte ich eine quäkige helle Stimme links neben mir: "Einen Crêpe mit Nutella" rufen. Ich blickte der Stimme nach und sah einen älteren Mann mit abgeranzten Klamotten in einem Rollstuhl sitzen. "Einen Crêpe mit Nutella, den hätte ich so gern", rief er erneut und dann noch Anderes, was ich gar nicht mehr verstehen konnte. "Ja, Du schon wieder!" sagte der Crêpe-Verkäufer, "aber hast Du denn auch vier Euro dabei? Ich kann es Dir leider nicht umsonst geben", bedauerte er und klappte einen Käsecrêpe für eine ältere Dame zusammen.

Der obdachlose Mann im Rollstuhl war direkt neben mich gerollt und grinste durch die Plastikverkleidung ins Innere des Standes. "Och, ich hätte so gern einen Crêpe mit Nutella!"

Ich blickte auf meine Hand, in der ich die abgezählten vier Euro bereits festhielt. Ach, Gunda, dachte ich. Worauf wartest Du?

Als ich gerade zu meinem Portemonnaie greifen wollte, um das Geld für einen weiteren Crêpe herauszuholen, drängte sich eine grell geschminkte Frau neben mich.

Sie trug einen Rock, der ein paar Zentimeter unter ihrer Scham endete, Lackstiefel. Ihre blonden Haare fielen aus einem nachlässig geknoteten Dutt. Natürlich konnte ich nicht sicher sein, aber sie wirkte wie eine Prostituierte.

"Peng" machte es, als sie vier Euro auf die Plastiktheke legte - ich sah auf ihre aufgesprungenen Hände, da zog sie sie schon wieder zurück.

"Danke, Schatz, danke! Das ist so lieb von Dir!", rief der Mann im Rollstuhl. Die Frau ging ohne etwas zu sagen wieder weg.

Kurze Zeit später zog der Obdachlose selig seinen Nutella-Crêpe von der Theke und rollte davon.

Und ich stand da, mit meinen vier Euro in der Hand und schämte mich ein bisschen. Schämte mich, für die Sekunde, in der ich gezögert hatte, bevor ich die vier Euro für diesen netten Mann hingelegt hatte - der eigentlich viel mehr Grund für schlechte Laune hatte, als ich.

Aber dann war ich auch berührt. Von der Direktheit, mit der diese Frau, die ihr Geld offensichtlich härter verdienen musste als ich, jemandem einen Gefallen getan hatte.

Ich blickte mich noch einmal um. Noch immer wetzten schlecht gelaunte Menschen an mir vorbei, noch immer stank es nach Anis, noch immer hatte mein Zug Verspätung. Es war immer noch kalt. Aber das war mir gerade egal.

Denn ich hatte gerade einen Moment erlebt, der so selten geworden ist. So selten, dass wir es manchmal gar nicht merken, wenn es dann doch passiert. Und wenn, dann wagen wir kaum darüber zu reden, weil uns das Wort zu groß geworden ist. Schade eigentlich.

Es heißt: Menschlichkeit.

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