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11/02/2016 10:19 CET | Aktualisiert 11/02/2017 06:12 CET

Was bleibt, wenn die Liebe geht

Gunda

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Die Liebe ist ein launenhaftes Geschöpf. So kann es passieren, dass sie auf einmal weg ist. Denn manchmal geht sie ganz unbemerkt, schleicht sich einfach von dannen. Manchmal steht sie auch ewig mit dem Mantel im Türrahmen und wenn man denkt, man hätte sie noch auf ein Bier überredet, geht sie doch. Manchmal springt sie auch aus dem Fenster.

Egal wie, wenn sie geht, kann man sie nicht aufhalten.

Liebe: Was bleibt?

Man muss alleine zurückbleiben. Vielleicht nicht einsam, aber alleine. Und dann, irgendwann, wenn man verstanden hat, dass sie wirklich weg ist, bleibt die Frage: Was hat sie dagelassen? Was bleibt, wenn die Liebe weg ist?

M, weißt Du noch? Wir wollten einen Roman zusammen schreiben. Wir haben mit dem Schluss angefangen und damit dann auch wieder aufgehört. Auch wir beide hatten nur einen Anfang und einen Schluss. Es ging alles viel zu schnell zu Ende. Ich verstehe das bis heute nicht. Dein Text war übrigens viel charmanter, ich kann's Dir zeigen, ich habe das grüne Büchlein noch.

Es gibt diese Lieben, für die wurde das Wörtchen "unerfüllt" erfunden. Lieben, die nicht haben sein sollen, wie man Jahre später in ein Bier seufzen kann. Die Lieben, die nicht zur richtigen Zeit kamen. Die gescheitert sind, weil man in dem Moment einfach etwas anderes wollte.

Lieben, die nur einen kurzen Moment hatten. Einen Moment, nur einen Hauch vielleicht. Aber auch ein Hauch kann Dinge umpusten.

Ach, K, wir haben dieses eine Album gehört, immer wieder. Wir lagen in den Semesterferien auf meinem Bett, mit einer Flasche Rotwein, wir zwei jungen Hüpfer, und sagten uns große Wörter mit Ironie und Verve. Einen Tag später schriebst Du mir eine Email: "Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?" Da hätte Goethe nun mal ausnahmsweise recht, meintest Du dazu.

Wenn man dann an diese Lieben denkt, plantscht man im schaumigen Bad der Fast-Erinnerung und darf sich fühlen wie eine Romanfigur. Wie Goethes Lotte bei Thomas Mann, die Jahre nach ihrem Affärchen mit dem Dichter ihre blassrosa Bänder nutzt um Dinge zu binden, die sich nicht binden lassen. Wie die unerfüllte Liebe. Wir hatten alle schon unsere Lotte-Momente.

Aber es gibt auch Lieben, die gehen wie sie gekommen sind. Zur Begrüßung haben sie höflich angeklopft, drinnen die Schuhe ausgezogen und wenn sie gehen, nehmen sie auch noch eine Tüte Müll mit. Lieben, bei denen man kaum merkt, dass sie da waren, sähe man nicht noch die Kuhle auf dem Sofakissen.

W, Du bist schon lange verheiratet. Lange nach der Zeit, wo du so enttäuscht von mir warst. Weil ich eine Email geschrieben hatte. Einfach nur eine Email. Deine Frau trug ein wunderschönes Kleid bei Eurer Hochzeit, dass hatte ich Dir danach auch noch bei Facebook mitgeteilt.

Das sind Lieben, die ganz unauffällig in Erinnerung bleiben. Als Stückchen Nougat. Süß und schnell vergessen, mit einem Nachgeschmack des schlechten Gewissens. Darf man gemein zu etwas sein, dass einem nicht wehgetan hat? Es tut mir leid, wirklich.

Bei machen Lieben hingegen weiß man, dass mehr von ihnen bleibt. Denn Narben bleiben. Wir alle hatten diesen einen Narbenschläger im Leben. Was man alles so aushalten kann, wenn man verliebt ist. Das lehren einen diese Lieben.

J, Du bist mein Monster. So nennt dich mein bester Freund bis heute. Es ist mehr als zehn Jahre her, als ich dich auf einer Party rappen sah und mich wunderte, warum mich dieser arrogante Kerl beachtete. Kurze Zeit später war es zu spät für Fragen. Da war ich dir, man muss es vielleicht so pathetisch sagen, fast schon verfallen. Bis ich es schaffte, mich zu lösen. Von einer Beziehung, die so schmerzhaft war, wie sonst keine. Alle paar Jahre sehe ich dich irgendwo. Ich weiß dann nie, ob ich es mir nicht vielleicht nur einbilde. Aber ich will auch nie genau genug hingucken, um Gewissheit zu haben. Nur in meinem Augenwinkel bist Du für mich sicher.

Es gibt diese Lieben, die sind so heftig, dass sie einem den Boden unter den Füßen wegspülen. Man kann sich nicht wehren. Lieben, bei denen man mit jeder Faser glaubt, ohne diesen Menschen nicht leben zu können. Das es doch geht, lernt man erst viel später.

Lieben, die man braucht, weil man den Blick dieses Menschen braucht. Weil man nicht mehr alleine auf die Welt blicken kann, weil der eigene Blick farblos geworden ist. Lieben, bei denen man unaufhörlich dem Anderen erzählen will, was man erlebt.

Das sind die schmerzhaften, die stürmischen Lieben. Die Lieben, die nie sehr lange dauern, weil so früh schon alles Geschirr kaputtgeschlagen wurde. Lieben, bei denen man bangt, dass sie nicht so viel dalassen.

G, ich lag auf einer Dachterrasse in Südfrankreich, unter der unerbittlichen Sonne dort und versuchte, Gitanes zu rauchen und nicht an dich zu denken. Was du mir bedeutet hast, kann ich in Gedichten nachlesen, die ich in den Nächten darauf schrieb. Was ich dir bedeute, wollte ich wissen bis zu dem Zeitpunkt, wo ich dich nie mehr sehen wollte. Heute ist es mir, endlich, völlig egal.

Aber es gibt auch die langen Lieben, von denen man doch glauben muss, dass sie so viel dalassen, alleine, weil sie so lange dauerten.

A, wer hätte gedacht, dass wir so enden? Wer hätte gedacht, DASS wir enden? Wir haben uns etwas aufgebaut, so nanntest du es. Und dann haben wir es erst Stück für Stück, dann ganz eingerissen.

Es gibt Lieben, an die man glaubt, weil sie so passen. Weil sie alles, was vorher war, NICHT sind und das muss dann doch halten, oder? Lieben, die so zuverlässig sind, dass man sich fallen lässt. Und denkt, so ließe es sich immer aushalten. Bis das dann auch nicht mehr trägt. Und man einer Abrissbirne, die man selbst nicht mehr steuert, in Zeitlupe beim Zerstören zuschauen kann.

H, Du denkst, ich habe alles weggeschmissen. Das stimmt nicht. Es gibt zum Beispiel Dinge, die ich nicht mehr sagen kann. Ich werde sie nie mehr sagen können, es sind jetzt Tabus. Kleine Wörter nur, die man so als Paar zusammen erfindet und reimt und sich sagt. Du weißt schon. Kleine Klebewörter für das Getriebe der Liebe. Und es gibt auch Dinge, die ich nicht mehr sehen kann, ohne dich zu spüren. Warmes Stroh, grasende Esel, einen Deich mit einer Brise. Ich will mich dann immer umdrehen und dir etwas zurufen. Aber du bist nicht mehr hinter mir.

Was bleibt also, wenn Tränen getrocknet sind, wenn Ärger versiegt, wenn es warm und weich ist in den Armen eines Anderen?

Es gibt so viele Lieben, aber sie lassen alle etwas zurück. Sie haben aus uns einen anderen Menschen gemacht. Das merkt man, wenn die Liebe wiederkommt. Denn sie erkennt einen erst gar nicht wieder. Sie ist neu für uns. Wir sind neu für sie. Es ist immer wieder neu, es ist immer wieder anders.

Dafür kann, muss man vielleicht, allen alten Lieben dankbar sein.

Am 14. Februar ist Valentinstag. Die Huffington Post widmet sich eine Woche lang dem Thema „Modern Love".

Was bedeutet Liebe in einer vernetzten Welt: man ist nur so verliebt wie das Facebook-Profil es zeigt? Der nächste Partner ist nur einen Wisch weg? Wir daten über Kontinente hinweg?

Was bedeutet Liebe für euch? Sendet eure Texte an blog@huffingtonpost.de.

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Video: Bewegendes Video zeigt, dass wahre Liebe keine Grenzen kennt

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