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09/10/2015 13:14 CEST | Aktualisiert 24/04/2017 14:00 CEST

Wie eine Begegnung in der U-Bahn mein Weltbild zerstörte

HuffPost

Ich gehörte immer zu der Sorte Mensch, die man als Gutmensch bezeichnet. Liberal, tolerant, bisschen öko, möglicherweise mal die Grünen gewählt, "Herzlich Willkommen, liebe Flüchtlinge" und "Nazis Raus!". Doch diese Zeiten sind vorbei. Mit einem Schlag. All das, was mein Weltbild über Jahre geformt hatte. Ich musste erkennen: Ich bin kein Gutmensch mehr.

Und ich möchte das Erlebnis, was mich dazu bewegt hat, teilen. Ich möchte, dass ihr hinhört. Ich möchte, dass ihr euch ein Beispiel nehmt. Ich möchte nicht umsonst gelitten haben.

Hier ist meine Geschichte:

Ich ging viel zu spät von der Arbeit los. Eigentlich hatte ich vorgehabt, den früheren Zug zu nehmen. Doch dann kam noch so viel dazwischen, dass es schon dunkel war, als ich endlich das Büro verlassen konnte.

Als ich meinen Koffer über den Pflasterweg vor meiner Arbeit zog, blickte ich auf die Uhr: Nur 10 Minuten bis die S-Bahn kam! Mir blieb nichts anderes übrig, als die Abkürzung durch das Industriegebiet zu nehmen. Mir wurde bei dem Gedanken daran schon mulmig.

Um diese Uhrzeit war dort kein Büro mehr beleuchtet, kein Mensch mehr unterwegs. Einzig im nahegelegenen Flüchtlingswohnheim brannte noch Licht und mir schallte fremdes Männerlachen entgegen.

Ich knöpfte meine Jacke zu und lief los. Der Koffer ließ sich nur schwer über den unebenen Gehweg ziehen, aber immerhin tauchte bald der Lichtkegel am Eingang der S-Bahn-Station vor mir auf. Jetzt galt es nur noch, heil durch den Tunnel zu kommen und dann hoffentlich bald sicher in der Bahn zu sitzen.

Die Beleuchtung im Tunnel war mir unheimlich. Gelbes, schwaches Licht strahlte von der Decke - mein Blick suchte angestrengt nach dem richtigen Aufgang zum Gleis.

Ich wollte gerade meinen schweren Koffer die Treppen hinaufwuchten. Da passierte es.

Ich spürte plötzlich, wie jemand von hinten angerannt kam. Aus dem Augenwinkel sah ich eine dunkle Gestalt. Es war einer der Flüchtlinge. Ein großer, dunkelhäutiger Mann, sein Arm streifte meinen Ärmel.

Er sagte kein Wort. Kein einziges Wort. Und dann tat er das Unaussprechliche. Etwas, das sich kein deutscher Mann bei mir getraut hat. Ich sah wie er seine große Hand ausstreckte. Und ja, er tat es wirklich. Ohne Hemmungen, als wäre es für ihn ganz selbstverständlich.

Er wagte es tatsächlich, meinen Koffer zu nehmen und ihn für mich die Treppe hochzutragen. Ohne dass ich ihn darum gebeten hatte.

Oben angekommen stellte er meinen Koffer ab. Und setzte seiner Unverschämtheit noch einen drauf. zu. Er grinste mich an und - stellen Sie sich das vor! - winkte mir zu.

Entsetzt stieg ich die Treppe hinauf. Kurz bevor ich den Absatz erreichte, machte der Mann eine kleine Verbeugungsgeste. Er schien sich nicht einmal für seine Dreistigkeit zu schämen. Unschuldigen Frauen einfach so zu helfen! Wo kommen wir denn da hin? Wie stehen denn jetzt die deutschen Männer da?

Die S-Bahn fuhr ein. "Nichts wie weg", dachte ich mir und zerrte mein Gepäck in das sichere Abteil.

Als die Bahn abfuhr und ich meinen Angreifer auf einer Bank draußen noch warten sah, musste ich dann klar erkennen: Da saß ein Gutmensch. Ich hätte eher nicht geholfen.

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