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08/10/2015 10:39 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 07:12 CEST

Warum ich wegen Flüchtlingen 51 Facebook-Freunde verloren habe

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Richtig gute Freunde habe ich nicht viele. Damit meine ich Freunde, die mit mir durch dick und dünn gehen. Freunde, deren Gedanken ich lesen kann, wenn ich sie nur anschaue. Freunde, mit denen ich so viel gemeinsam habe, dass es manchmal fast unheimlich ist. Richtig gute Freunde hat wohl niemand viele.

Facebook-Freunde allerdings habe ich jede Menge. Leute, mit denen ich mal in der Schule befreundet war. Leute, die ich auf einer Party kennengelernt habe. Oder einfach die kleine Schwester eines Bekannten, der ich früher mal Nachhilfe gegeben hab.

Jetzt habe ich 51 dieser Freunde verloren. Und das hatte einen ganz konkreten Anlass: Die Flüchtlingskrise.

Die Flüchtlingskrise bewegt viele Menschen in unserem Land. Es gibt kaum jemanden, der dazu keine Meinung hat. Kaum jemanden macht das Schicksal dieser Menschen nicht betroffen.

Auch in meinem Freundeskreis wird das Thema besprochen. Und meine guten Freunde und ich sind uns im Prinzip einig: Eine menschenfeindliche, rassistische Einstellung geht gar nicht!

Leider sehen das nicht alle meine Freunde so. Das hat mir die Flüchtlingskrise nun vor Augen geführt. Ich habe entschieden: Wer menschenfeindliche oder populistische Beiträge über Flüchtlinge und Asyl postet, liket oder teilt, fliegt. Ohne Bewährung. Ein falscher Satz und du bist raus.

Es hat mich überrascht, welche Menschen mir ihr hässliches Gesicht gezeigt haben. Es waren nicht die üblichen Verdächtigen.

Da ist die kleine Schwester einer Bekannten, die mir sonst durch ungefragte Facebook-Live-Berichterstattung von Helene-Fischer- oder Tote-Hosen-Konzerten auffällt, aber gleichzeitig aktuell der Meinung ist, dass Syrer, die von Ungarn weiter nach Deutschland wollen, Wirtschaftsflüchtlinge sind.

Dann gibt es den frisch gebackenen Vater, der auf dem Profilbild mit seinem Kind kuschelt und einen populistisch-blöden Status der NPD weiterverteilt, genauso wie eine ganze Reihe von Personen, die der Meinung sind, dass ja wohl erst einmal den armen deutschen Rentner und Arbeitslosen geholfen werden müsse. Vor allem Letztere wären vor einem halben Jahr bei ihnen vermutlich noch als Sozialschmarotzer durchgegangen.

Auch Abiturienten, die sich für „Patrioten, aber keine Nazis" halten, und damit zeigen, dass

sie genau das Gegenteil sind, habe ich in meinem Newsfeed entdeckt.

Daher habe ich das einzige gemacht, was mir übrig blieb: Ich habe jeden einzelnen von Ihnen aus meiner Freundesliste gelöscht. Es ist traurig, aber die Anzahl meiner Freunde hat sich dadurch ganz schön reduziert.

Und obwohl ich weiß, dass es niemanden zur Besinnung bringen wird, wenn ich ihn "entfreunde" - es war mir dennoch wichtig, dieses kleine Zeichen zu setzen.

Ich möchte mit niemandem befreundet sein, der gegen Flüchtlinge hetzt oder mit Pegida sympathisiert. Auch wenn er das nur bei Facebook tut. Und auch wenn es ein ganz schöner Schock war, zu sehen, wie viele Leute, die ich immer für nett und liberal gehalten hatte, so eine Einstellung teilen: Ich bin für diese Erkenntnis richtig dankbar.

Die Flüchtlingskrise hat mir gezeigt, was meine sogenannten "Freunde" wirklich denken. Jeder kann schließlich behaupten, offen und tolerant zu sein. Die Flüchtlingskrise aber war der Gradmesser, an dem sich gezeigt hat, was dahintersteckt. Jetzt kenne ich die Wahrheit und dafür bin ich dankbar.

Denn nichts ist schlimmer als Menschen, die herzlich und offen wirken und in Wirklichkeit ganz andere Gedanken hegen. Solche Menschen sind keine guten Freunde. Weder bei Facebook, noch im richtigen Leben.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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