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06/11/2015 11:23 CET | Aktualisiert 06/11/2016 06:12 CET

Seit einem Erlebnis bei Aldi gehe ich anders mit anderen Menschen um

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Es war ein anstrengender Tag. Stundenlang war ich auf einer Tagung mit Namensschild am Revers herumgelaufen und hatte immer wieder lächelnd meine Hand ausgestreckt und mich vorgestellt. Dabei hatte ich eine beachtliche Zahl an Visitenkarten gesammelt, zufrieden steckte ich sie in meine Tasche und freute mich auf den Feierabend.

Auf dem Heimweg schaute ich bei Aldi vorbei. Ich griff mir ein paar Kleinigkeiten und reihte mich in die gefühlt längste Kassenschlange der Welt ein. Doch als ich gerade dabei war, dem üblichen Reflex nachzugeben und mein Handy herauszuholen, wurde ich hellhörig.

Denn vor mir wurde auf einmal recht laut geredet. Ein mittelalter Anzugträger wollte von einer älteren Dame mit einem vollen Einkaufswagen vorgelassen werden. "Sorry, aber sie haben es bestimmt nicht so eilig wie ich", sagte er. Die Dame schaute verblüfft: "Und woher wollen Sie das wissen?" Ein langgezogenes "Ähm" des Anzugträgers folgte. "Naja, sorry, aber sie sehen jetzt einfach nicht sehr busy aus. Ich bin Anwalt. Und sie?"

"Ich?", die Stimme der Frau kiekste schon ein bisschen, "Ich bin Krankenschwester. Und gerade jetzt mache ich den Wocheneinkauf für mich und meine Familie und meine pflegebedürftige Mutter. Nachher habe ich übrigens Spätschicht. Noch Fragen?"

Klasse, dachte ich mir. Und musste den Impuls, zu applaudieren, unterdrücken. Denn die kleine Ansprache hatte ihre Wirkung getan. Der Anwalt pfiff nur kurz abschätzig durch seine zusammengepressten Zähne und blieb stehen wo er war.

Dem hat sie's aber gegeben, dachte ich noch anerkennend als mir im selben Augenblick auffiel, dass ich noch immer mein Namensschild am Revers trug. Und dann wurde mir plötzlich klar, dass ich eigentlich gar nichts kapiert hatte.

Denn eigentlich brachte dieses Schildchen, mit meinem Namen, meinem Beruf und meinem Arbeitgeber darauf genau das zum Ausdruck, was der Anwalt eben gesagt hatte: Du bist wichtig, wenn Du einen Job hast. Du bist jemand, wenn Du sagen kannst, was Du machst. Was du beruflich machst. Und ich musste an die vielen Visitenkarten in meiner Tasche denken. Ein kleiner Stapel, den ich vorhin noch durchgegangen war und bei jeder Karte zuallererst auf den Titel, dann erst auf den Namen geschaut hatte.

Klar, wenn wir gefragt werden, was wir machen, antworten wir immer mit unserem Beruf. Mit dem, womit wir Geld verdienen. Aber tun wir uns damit nicht sogar selbst Unrecht?

Denn es gibt so viel Arbeit, die verrichtet wird, aber eben nicht entlohnt wird. Die trotzdem wichtig ist. Kinder großziehen, Eltern pflegen. Einen Fußballverein trainieren, Lernbehinderte betreuen, im Chor singen, Museumsführungen anbieten. Die Liste ist lang.

Diese Arbeit, die wir in andere Menschen investieren, ist mindestens so wichtig wie die Arbeit, die wir für Geld machen. Aber wir schätzen sie nicht genug.

Wie kann es denn sonst sein, dass wir zwar beeindruckt sind, wenn jemand einen schicken Titel hat, aber oft nur wenig interessiert nicken, wenn jemand sagt, er kümmere sich um Kinder und Haushalt. Oder er pflege einen Angehörigen.

Denn jeder, der eine solche Arbeit schon mal miterlebt hat, weiß, das es mit das Härteste ist, das man machen kann. Körperlich und seelisch. Und doch akzeptieren wir solche Aufgaben in unserer Gesellschaft nicht als vollwertige Arbeit. Es ist nichts, was man auf eine Visitenkarte drucken würde.

Dabei sind Krankenschwestern so wichtig. Sie kümmern sich - bei viel zu geringer Bezahlung - um Menschen, die in einer ganz verletzlichen Position sind. Weil sie krank sind.

Sie müssen es aushalten, wenn sie Menschen leiden sehen. Wenn Menschen nicht gesund werden, wenn Menschen sterben. Sie sind mit vollem Einsatz dabei, bei einem Job, der sowohl körperlich als auch seelisch etwas abverlangt, was die wenigsten freiwillig geben würden.

Oder Erzieher. Auch Erzieher werden schlecht bezahlt. Viele nehmen diesen Beruf und seine Bedeutung gar nicht ernst. Denken vielleicht, da gehe es nur um ein bisschen spielen, darum Kinder zu unterhalten. Dabei fällt mir kaum eine wichtigere Aufgabe in einer Gesellschaft ein, als sich um Kinder zu kümmern. Dafür zu sorgen, dass sie in einem liebevollen Umfeld Regeln erlernen. Kreativ sein können, Selbstbewusstsein entwickeln. Sich mit Hingabe um Kinder zu kümmern, die nicht die eigenen sind, ist schon ziemlich bewundernswert.

Genauso wie es bewundernswert ist, sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern. Den eigenen Vater oder die Mutter in einem Zustand zu umsorgen, den man eigentlich nie erleben wollte. Hilflos, krank, schwach. Den eigenen Eltern den Mund abzuwischen, auf das Klo zu helfen, mit ihnen zu sprechen, wenn vielleicht schon kaum mehr etwas durchdringt: Das ist unfassbar hart. Jeder, der diese Arbeit auf sich nimmt, gebührt unwahrscheinlicher Respekt.

Warum haben wir so wenig Bewunderung für diese Arbeit übrig? Warum nehmen wir "soziale Arbeit" so wenig ernst?

Ich grübele immer noch über diese Fragen nach, als ich plötzlich durch ein lautes "Näxte!" merke, dass ich an der Reihe bin. Während der Kassierer die Artikel über den Scanner zieht, nehme ich mir vor, ein paar Dinge in meinem Leben zu ändern.

Ich möchte ab jetzt andere Fragen stellen. Und für mehr Antworten offen sein. Denn eine Visitenkarte, die sagt erstmal gar nichts.

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