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09/11/2015 12:16 CET | Aktualisiert 09/11/2016 06:12 CET

Er wäre fast gestorben. Was er dann zu sagen hatte, hat mich zu einem radikalen Schritt bewogen

Michael Marquand via Getty Images

Ich weiß, eigentlich möchte niemand über dieses Thema sprechen. Wir schieben es erfolgreich weg. Weit weg. Wir haben die Alltagsmauern so hoch gezogen, dass wir selbst kaum mehr hinüberblicken können.

Das schützt uns. Wir sind so gut darin geworden, zu tun, als gäbe es dieses Thema nicht, dass uns schon fast die Sprache fehlt, darüber zu reden. Aber wenn doch mal jemand darüber spricht, dann trifft es uns ins Mark.

So ging es mir gestern. Eine Kollegin hatte mich gebeten, auf einen Termin zu gehen, eine Buchpräsentation. Da saß ich nun inmitten eines Saales voller Journalisten, Fotografen, Kamerateams. Wir alle wussten, warum wir hier waren. Aber der professionelle Auftrag schützte uns. Er half, das Thema von uns zu halten. Nicht zu nah an uns zu lassen.

Aber er schützte nicht lange. Denn Guido Westerwelle sprach so berührend über die Erlebnisse während seiner lebensbedrohlichen Krankheit, dass meine Mauern plötzlich wackelten. Er sprach vom Leben. Er sprach vom Tod.

Und ganz plötzlich, es muss ein beiläufiger Satz von ihm gewesen sein, ich kann mich gar nicht genau erinnern, waren meine Mauern weg. Die Mauern, die schützen sollen vor der Erkenntnis: Das Sterben lauert immer und überall. Es kann uns treffen, jederzeit. Es kann uns das Liebste nehmen, was wir haben. Die Kollegen, den Freund, die Nachbarin.

Ich weiß das. Wir allen wissen das. Aber wir könnten kaum leben, wenn wir ständig daran denken würden. Und trotzdem bin ich dankbar, dass mir in diesem Moment die Mauern wegbrachen. Denn Guido Westerwelle sprach auch und vor allem vom Leben. Vom kleinen Glück, das Leben ist.

Warum wir nicht sterben wollen. Er sprach davon, wie es war, das erste Mal nach seiner Stammzellentransplantation auf die Straße zu gehen. "Das Grün, das Licht, die Bäume", sagte er. Ja, dachte ich, "das Grün, das Licht, die Bäume". Das Leben.

Und er sprach von der Dankbarkeit für dieses Leben, dieses zarte, zähe Leben. Und er sprach von der Dankbarkeit gegenüber dem Spender, der ihm mit seiner Spende das Leben gerettet hat.

Eine Spende, für die wir uns alle registrieren lassen könnten. Und es doch oft nicht tun. Ich mich auch nicht. Ich kann gar keinen guten Grund nennen. Vielleicht hatte ich unterbewusst Angst, vielleicht erschien es mir nie wichtig genug. Ich weiß es nicht. Gestern habe ich auf jeden Fall meine Meinung geändert.

Nach der Veranstaltung lief ich durch das Licht, über bunte Blätter, durch den warmen Novembertag. Und dann habe ich mich umgehend in der Spenderdatei der DKMS registrieren lassen.

Nein, das ist natürlich kein heroischer Akt. Er hat mich nichts gekostet. Die Wahrscheinlichkeit, jemals als Spenderin in Frage zu kommen, ist sehr gering. Aber falls doch, kann eine Spende Leben retten. Ein Leben retten! Diesen Satz muss man sich einmal mit Abstand vorsagen.

In keinem Land der Welt gibt es im Vergleich zur Bevölkerungszahl eine so hohe Zahl an Spendenwilligen. Wer in Deutschland einen Spender braucht, hat Glück. Aber es ist auch klar: Mit jeder weiteren Registrierung in der Spenderdatei, mit jeder weiteren Typisierung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Spender zu finden.

Und dabei können wir alle helfen. Wenn wir nur einmal, ganz kurz, über die Mauern schauen und uns fragen:

Ist es das nicht wert?

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Mehr Dinge, die glücklich machen, gibt es hier.

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