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02/11/2015 11:29 CET | Aktualisiert 02/11/2016 06:12 CET

Das können Deutsche von Muslimen lernen

Screenshot Instagram

Novembernebel. Ich bin gerade neu eingezogen, 5. Stock, mitten in Neukölln. Jetzt stehe ich vor der Haustür und hole die Zeitung rein. Der Nebel ist noch so dicht, ich kann kaum die Bushaltestelle an der Kreuzung erkennen.

Ich drehe mich schnell um und haste die Treppen wieder hoch, „warm werden", denk ich mir. Vor meiner Wohnungstür angekommen, schaue ich noch schnell zu den Nachbarn rüber, „muss mich wohl mal vorstellen", murmle ich innerlich, da sehe ich den Schlüsselbund, der außen an der Tür hängt.

Kurz zögere ich. Doch dann gehe ich zur Tür und drücke die Klingel, die mühsam losscheppert. Erst nichts, dann schnelle Schritte. Die Tür öffnet sich einen Spaltbreit und eine ältere muslimische Frau im Kopftuch lugt hervor: „Sie haben den Schlüssel draussen steckenlassen", sage ich. „Oh", sie nickt und zieht den Schlüssel ab, „Danke, Danke".

„Kein Problem, freut mich, sie kennenzulernen", und schon bin ich selbst wieder in meiner eigenen Wohnung.

Kaffee kochen. Und dann ein hastiger Blick auf die Uhr, „zu spät dran, Mist", denke ich mir, als ich mir meine Mütze aufsetze und die Wohnungstür aufreiße. Doch da hängt etwas an der Klinke. Eine kleine Plastiktüte. Ich nehme sie ab und schaue hinein: zwei kleine Päckchen, in Alufolie gewickelt. Darin: Börek und Baklava.

Ich brauche ein bisschen, bis ich es kapiere. Und dann freue ich mich einfach sehr: ein Dankeschön meiner Nachbarn!

Auf dem Weg zum Bus, im Bus und auch danach habe ich heute über diese kleine Geste nachgedacht. Mit welcher Selbstverständlichkeit sich meine Nachbarn so überschwänglich bei mir bedankt haben. Für eine winzig kleine Aufmerksamkeit.

Und natürlich, ich fühle mich auch ertappt. Denn ich selbst hätte mich nie so bedankt. Ich hätte kurz „Danke" gesagt. Ich wäre aber nicht sofort in die Küche geeilt und hätte ein Dankeschön zusammengestellt - ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass ein kleines „Danke" vielleicht nicht ausreichen könnte.

Und jetzt frage ich mich, wie es kommt, dass mich diese Geste so beschäftigt? Dass ich sie als so etwas Besonderes wahrnehme? Im Islam gilt Dankbarkeit als eine der wichtigsten Charaktereigenschaften - eine tägliche, lebenslange Pflicht.

Aber mir scheint, dass wir uns hier in Deutschland in einer Kultur eingenistet haben, die Dankbarkeit zwar als sozialen Reflex ernst nimmt, aber nicht als echtes Gefühl. Und nicht als ernstzunehmende Pflicht. Den anderen, aber auch uns selbst gegenüber.

Man bedankt sich, weil es sich so gehört. Manchmal sagt man schon „Danke", bevor man auch nur einen Grund dazu hat. Mit „Danke" macht man nichts falsch, deswegen ist „Danke" zwar allgegenwärtig, aber auch willkürlich. „Danke" ist Pflicht, aber „Danke" ist auch leer.

Ich will gar nicht so weit gehen, zu sagen, dass die kleine Gabe meiner muslimischen Nachbarn etwas anderes war, als eine antrainierte Höflichkeit, eine Sitte. Tradition, wie Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht wird.

Aber das ist auch gar nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass diese Geste zum Ausdruck bringt, wie ernst wir Dankbarkeit nehmen sollten. Wie wichtig Dankbarkeit für unser Miteinander ist. Denn das, glaube ich, haben wir verlernt. Da können wir uns einiges abschauen.

Denn Dankbarkeit ist so unfassbar wichtig. Ein „Dankeschön" tut uns nicht nur gut, wenn wir es hören. Ein „Dankeschön" tut auch so gut, wenn wir es empfinden. Das machen wir uns nur leider viel zu selten klar.

Und das ist nicht einfach so dahergesagt: In vielen wissenschaftlichen Studien wurde genau dieser Aspekt untersucht.

Michael McCollough von der Southern Methodist University in Dallas und Robert Emmons von der University of California in Davis haben ein entsprechendes Experiment mit mehrerer Hunderten Teilnehmern gewagt.

Sie teilten die Teilnehmer in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe wurde gebeten, ganz normal Tagebuch zu führen. Die zweite Gruppe sollte notieren, was in ihrem Leben schief gelaufen war. Und die dritte Gruppe schließlich sollte jeden Abend aufschreiben, wofür sie an dem Tag dankbar gewesen ist.

Die dankbaren Teilnehmer vermeldeten nach Abschluss des Experiments die erfreulichsten Nachrichten: Sie hatten weniger Stress, waren weniger depressiv, hatten mehr Energie, fühlten sich optimistischer.

Emmons, Buchautor von „Thanks! How the new science of gratitude can make you happier", erklärte dazu: „Wenn wir sagen, dass wir für etwas dankbar sind, heißt das nicht, dass in unserem Leben alles toll ist. Es heißt nur, dass wir uns unseres Glücks bewusst sind."

Und das führt, nach Emmons Untersuchungen, auch zu einem besseren Immunsystem, einem kreativeren Geist und verbesserten sozialen Beziehungen. Einem angenehmeren Miteinander.

Mehr Dankbarkeit also. Eine kleine Tüte mit Börek und Baklava. Und ich nehme mir fest vor: Ab jetzt möchte ich Dankbarkeit ernster nehmen. Meinen Mitmenschen gegenüber, mir selbst gegenüber. Denn Dankbarkeit macht auch glücklicher. Uns und andere. Denn es gibt viel, für das es sich lohnt dankbar zu sein.

Und wenn es nur die netten türkischen Nachbarn sind. çok teşekkürler!

Ein von sude (@sudesevenn) gepostetes Foto am

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