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05/08/2015 15:00 CEST | Aktualisiert 05/08/2016 07:12 CEST

An den coolen Jungen aus der 11. Klasse: Ich wünschte, ich hätte das schon damals gewusst

Hallo Philipp,

jetzt haben wir uns, ach-frag-nicht, seit zig Jahren nicht mehr gesehen. Dich nicht mehr sehen zu müssen, darauf habe ich mich die ganze Oberstufe lang gefreut.

Gerade habe ich mir zum ersten Mal seit dem Abitur dein Gesicht angeschaut. Auf Facebook. Es gab nur ein Bild deines Gesichts. Der Rest deiner Profilfotos sind FC Köln-Wappen und ein Bild des Sängers der "Böhsen Onkelz".

Es wäre jetzt unfair, das zu kommentieren. Du kannst Dich nicht wehren und, viel kannst Du für Dein Gesicht ja vermutlich auch nicht. Lass mich nur das sagen: In manchen Momenten glaube ich an ausgleichende Gerechtigkeit.

Was bleibt von der Coolness?

Von Deiner abgeklärten Coolness ist nicht mehr ganz viel übrig geblieben. In der 11. Klasse warst du quasi der Ober-Pavian der coolen Jungs. Man lief dir hinterher, lachte über alle deine Witze und feierte deine Manneskraft, die es dir ermöglichte, einen ganzen Kasten Kölsch zu trinken. Aufrecht und allein. Applaus, Applaus.

Damals, vor all den Jahren, wurde man für so eine Leistung noch gefeiert. Ich weiß noch, wie mein Kumpel Benjamin mir ehrfürchtig davon erzählte.

Ich fand dich auch eine ganze Zeit lang recht cool. Was auch immer das so heißt, bei Jugendlichen. Die haben da ein Gespür für, einen Radar. Und bei dir schlug der Coolness-Radar immer besonders heftig aus. Wer sich an dir orientierte, konnte entweder ganz viel falsch machen oder aber auf der Coolness-Skala einige Klassen überspringen.

Du wusstest selbstverständlich, welche Gabe dir da zugeflogen war. Und du hast das ausgenutzt. Leute, die du nicht mochtest, konntest du mit einem Augenbrauenheber auflaufen lassen. Ein cooler Kommentar im Bio-Unterricht und die arme Lisa beschloss, nie mehr ein Referat zu halten.

Dabei hattest du selbst nicht so ganz viel auf dem Kasten. Zum Unterricht beigetragen hast du jedenfalls nie besonders viel. Und das mit dem Englisch-LK war auch nur theoretisch eine gute Idee. Aber das machte ja alles nichts. Denn du hast von deiner Coolness gelebt. Du brauchtest keine Bestätigung. Du warst dir selbst genug. Dir selbst genug, und den Motten das Licht.

Und selbst war man gar nicht cool

Ich habe das nie so ganz verstanden. Denn ich war in der 11. Klasse so alles andere als cool. Mit meinem Aussehen damals würde ich heute zwar als Mega-Hipster durchgehen. Aber zu der Zeit war ich nur das merkwürdige, ständig diskutierende Mädchen, das immer so viel im Philosophie-Unterricht sagen wollte.

Kurz und knapp: Ging gar nicht.

Während ich mich also tagein, tagaus in ein fernes Leben sehnte, konntest du deines ausgiebig feiern.

Jeden Samstag mit den ganzen Bierkästen, nachmittags bei Karolin, die immer sturmfrei hatte. Und montags bis wittwochs in der Raucherecke, wo sechs Pausen nicht für deine Saufgeschichten vom Wochenende reichten.

Ich war schon ein bisschen neidisch auf deine Lässigkeit. Denn mein Leben war anstrengend. Ich musste jeden Tag ein Stück weit dafür kämpfen, so zu sein, wie ich wollte. Und ich weiß noch ziemlich genau, wie unendlich froh ich war, als dieser Kampf dann irgendwann aufhörte.

Einen Kampf, den du nicht gekämpft hast. Zumindest damals nicht. Du hattest ja alle Freiheiten. Und jetzt schaue ich mir dein Bild an und wünschte, ich hätte damals schon gewusst, was ich heute weiß.

In einer Studie der University of Virginia wurde vor kurzem festgehalten, dass die Typen, die in der Schule so furchtbar cool waren, im späteren Leben oft nicht mehr so auf der Sonnenseite stehen. "Pseudoreifes Verhalten", so nennen es die Wissenschaftler, sei schuld daran.

Je mehr man in Jugendjahren auf cool macht, sich also älter verhält als man ist, desto mehr wird man gezwungen, diese Eskapaden zu steigern. Und das ist dann irgendwann nicht mehr cool.

Ich wünschte, mir wäre das damals schon so klar gewesen. Ich schaue mir noch einmal deine Profilfotos an.

Und jetzt würde ich gerne allen uncoolen zurufen: Lasst den coolen Jungen in der elften Klasse links liegen.

Den hängt ihr ganz bald ab.


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