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04/03/2015 04:54 CET | Aktualisiert 04/05/2015 07:12 CEST

Sorgen in "Goodbye Deutschland": In Toronto gibt es keine Currywurst

Thinkstock

Liebes Tagebuch

Es gibt da im Fernsehen eine Serie, die wäre früher in unserer Anfangszeit, als wir uns kennenlernten, noch undenkbar gewesen. Es wird über Menschen berichtet, die Deutschland verlassen, um dann etwas im Ausland auf die Beine zu stellen.

Ganz klar, es gibt immer Menschen, die, egal wo sie sind, etwas beruflich erreichen, fleißig sind und etwas aus ihrem Leben machen. Das gilt auch für einige von denen, die dort gezeigt werden. Etliche aber, das glaubst Du nicht, die scheitern schon, bevor sie überhaupt begonnen haben. Die Irrfahrt des Odysseus mutet dagegen wie eine Urlaubsreise an.

Das geht dann ungefähr so, während die Kamera bereits läuft: Robert 40 Jahre ist arbeitslos und bekommt Hartz 4. Elke seine Frau ist 38, von Beruf Hausfrau und kümmert sich um die 3 Kinder Tick, Trick und Track. Zuletzt hat Robert vor 3 Jahren als LKW-Fahrer gearbeitet und möchte sich jetzt beruflich verändern. Er hat zwar keinen Schulabschluss und auch sonst nichts gelernt, sieht sich aber als Schreiner oder Dirigent bei einem Orchester. Sollte das nicht klappen, dann in jedem Fall als Führungsperson in einem Computerunternehmen.

Beide haben noch knapp 400 Euro auf dem Konto, ein Satz Flugtickets für alle inklusive Freddy, dem Hund und Anton dem Kater, und sie wandern morgen nach Kanada aus.

Dort angekommen stellen sie fest, dass man da kein Deutsch spricht, sondern Englisch und Französisch.

Das ist jetzt echt dumm gelaufen, denn Roberts Kumpel Andreiwitsch hat ihm ein paar Brocken Jugoslawisch beigebracht, weil er dachte, das wäre für Kanada sinnvoll.

Ok, aber letztendlich kein Problem, sie wissen ja, das sie etwas Neues aufbauen wollen, lassen sich nicht entmutigen und da sie noch 400 Euro in der Portokasse haben, sehen sie kein Problem für die nächsten 48 Stunden.

Nachdem sie den Zoll verlassen haben, stellen sie fest, dass die Tiere nicht da sind. Der Hund und der Kater bleiben beim Zoll 3 Monate in Quarantäne. Da es auch keinen gültigen Impfpass gibt, kostet der ganze Spaß etwa 1500 kanadische Dollar pro Tier-Nase.

Elke, unsere gestandenen Hausfrau weiß sich auch in dieser Situation zu helfen und behauptet, die Tiere seien ihr zugelaufen und sie fühle sich deswegen nicht verantwortlich für sie. Nachdem also alle Formalitäten geklärt sind und das Tierheim in Toronto in 3 Monaten Zuwachs bekommt, machen sich die restlichen 5 der Familie auf in ein Hotel für die erste Nacht.

Billig muss es sein und möglichst im Zentrum. Dummerweise haben sie sich nicht vorher informiert und irren 2 Stunden mit dem Taxi durch die Stadt, was sie schon einmal 100 Euro kostet, bis sie etwas Passendes finden. Auf Elkes Frage an ihren Mann, warum er sich nicht vorher im Internet erkundigt habe wo sie übernachten könnten, meint dieser, er habe nicht gewusst, dass es Internet auch in Kanada gibt.

Tick, Trick und Track sind todmüde und leicht quengelig. Deshalb nehmen sich die 5 ein Einzelzimmer in einem 1-Sterne-Hotel mit Blick auf den Hinterhof und einer Gardine als Zimmertür. Da es bei den Kindern nicht mehr drauf ankommt, schlafen die in der Wanne. Elke macht es sich im Wandschrank gemütlich und Robert legt sich ins Bett. „Eigentlich sind der erste Tag und die Nacht super gelaufen", ruft Elke durch die Schranktür, „wir wollten schon immer nach Kanada und haben das jetzt endlich verwirklicht".

Am nächsten Tag geht's los und ab in die Zukunft.

Zu Fuß wollen sie sich bei den verschiedenen Arbeitgebern vorstellen, die Roberts Kumpel Andreiwitsch auf einer jugoslavischen Webseite für sie rausgesucht hatte. Jetzt müssen sie aber feststellen, dass Toronto etwas größer ist als Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet. Überhaupt dachte Robert an diesem Punkt, sie wollten doch nach New York.

Elke setzt sich aber wieder durch. Sie mieten sich 3 Fahrräder und für die beiden Jüngsten Rollschuhe, weil das billiger ist und die beiden sich hinten ans Fahrrad hängen können. Das Geld wird langsam knapp, denn sie stellen fest, dass das Essen auch in Toronto etwas kostet. Sie sind ja extra im Winter hierhergekommen, weil da alles billiger sein sollte. Auf dem Weg zum ersten neuen Arbeitgeber, der nichts von ihnen weiß, obwohl Andreiwitsch zugesagt hatte, ihn zu benachrichtigen, stellen sie fest, wie schwierig es ist, mit Fahrrädern und Rollschuhen durch den Schnee zu fahren.

Robert ist ganz verzweifelt, alles hat sich gegen seine Familie verschworen, das Wetter, der neue Job und überhaupt, in Toronto gibt es weder Döner noch Currywurst.

Zufällig kommen sie an einer Schule vorbei und wollen die drei Kinder anmelden. Sie haben zwar keine Aufenthaltsbewilligung, wie sie gerade feststellen, denn Elke dachte, dass die Reisepässe reichen. Die Kinder verstehen und sprechen kein Wort Englisch. Die Schulleiterin bemüht sich trotzdem, freundlich zu bleiben.

Robert wird langsam sauer und haut ihr sein Jugoenglisch um die Ohren. "I reele neet yur helpowitsch, athaweis Ei tu nicht wissen, how dings ahre gohing forwartowitsch." Soviel Gastunfreundlichkeit hätte er nicht erwartet und er weiß auch nicht, warum es im Winter Schnee gibt. Jetzt hat er sich extra Fahrräder ausgeliehen, etwas in die Zukunft investiert und jetzt gönnt man ihm nicht mal die Einschulung seiner Kinder.

Das lässt sich auch Elke nicht bieten. In Deutschland hätten ihre Kinder in einigen Jahren eine sichere Zukunft als Hartz-4-Empfänger gehabt und sie haben alles riskiert und auf eine Karte gesetzt, um sich hier in diesem Land zu etablieren.

Robert versteht die Welt nicht mehr. Jetzt haben sie doch alles unternommen und nichts unversucht gelassen, um sich hier ihre Zukunft aufzubauen. Dass es so hart wird, damit konnte ja keiner rechnen.

Weil beide keine Lust mehr haben, fahren alle mit dem Taxi ins Hotel. Leider wissen sie aber die Adresse nicht mehr und müssen erst mal eine Stunde suchen, denn Robert kann sich so schlecht Straßennamen merken und Elke stellt fest, dass ihr Analphabetentum im Ausland ein echtes Handicap ist. Da sie nur noch 50 Euro haben, rufen sie die deutsche Botschaft an und sagen sie möchten nach Hause, es gebe einen familiären Notfall, der sie unvorhergesehen getroffen habe.

Auf die Frage des Botschaftsangestellten, wer denn die Tickets zahlt, macht ihm Robert klar, dass er keinen Hartz-4-Empfänger kennt, der sich den Luxus von Flugtickets leisten könne. Sie würden aber gerne mit dem Fernsehteam zur Botschaft kommen um, den Menschen in Deutschland vor laufenden Kameras zu zeigen, wie deutsche Staatsbürger hängen gelassen werden.

3 Stunden später sind die Tickets im Hotel und davor wartet eine Limousine der Botschaft. 34 Stunden später sind sie wieder in Castrop-Rauxel und erzählen allen, dass sie kurz in Kanada zum Shoppen waren.

So, das war es erst einmal, mein liebes Tagebuch. Andere Geschichten werden sicherlich noch folgen. Von Nobbi, der in Afrika ein Solarium eröffnen möchte oder Martin, der durch einen Autounfall Probleme mit dem Gleichgewicht hat, aber in Brasilien als Seiltänzer arbeiten will.

Nicht zu vergessen auch Hein, der es in den Bandscheiben hat, aber gerne wieder in Italien auf dem Bau als Maurer aushelfen möchte, kein Italienisch spricht und auch sonst sprachlich völlig unbegabt ist, dort aber seine große Liebe Natasche kennen und lieben gelernt hat. Natascha kommt aus der Ukraine, hat kein Visum, hält sich illegal in Italien auf, mag auch keine Kinder, aber beide planen eine gemeinsame Zukunft mit Zuwachs.

Dein Günter


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