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25/11/2015 13:22 CET | Aktualisiert 16/02/2017 03:50 CET

Diese Sache tun alle Frauen, ohne dass du davon erfährst

  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text seht ihr im Video oben

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Es gibt da diese Sache, die jedes Mal passiert, wenn ich über Frauenprobleme spreche oder schreibe. Sachen wie Dresscodes, die "Vergewaltigungskultur" an amerikanischen Colleges oder Sexismus. Da kommen dann solche Kommentare: Gibt es keine wichtigeren Themen auf der Welt? Ist das wirklich so eine große Sache? Bist du da nicht ein bisschen übersensibel? Bist du sicher, dass du das rational genug siehst?

Jedes. Einzelne. Mal.

Und jedes Mal rege ich mich auf. Warum verstehen sie das nicht?

Ich glaube, ich habe herausgefunden, warum.

Sie haben keine Ahnung.

Sie haben keine Ahnung von Deeskalation. Minimierung. Stillem Hinnehmen.

Verdammt, obwohl wir Frauen alle damit leben, sind selbst wir uns nicht immer dessen bewusst. Aber wir haben es alle schon getan.

Wir haben alle gelernt, wie wir eine unangenehme Situation abwehren können - entweder durch unseren Instinkt oder durch Ausprobieren. Wie man es vermeidet, einen Mann zu verärgern oder uns selbst in Gefahr zu bringen. Wir haben alle schon bei diversen Gelegenheiten einen unpassenden Kommentar ignoriert. Wir haben alle schon eine völlig unangebracht Anmache einfach weggelacht. Wir haben alle unsere Wut heruntergeschluckt als wir kleingemacht oder belächelt wurden.

Es fühlt sich nicht gut an. Es fühlt sich eklig an. Schmutzig. Aber wir machen es, um uns nicht in Gefahr zu bringen, nicht gefeuert zu werden, nicht als Zicke verschrien zu sein. Wir wählen also meist den Weg der geringsten Unsicherheit für uns.

Das ist nichts, worüber wir jeden Tag sprechen. Wir erzählen unseren Partnern und Ehegatten und Freunden nicht jedes Mal davon, wenn es passiert. Denn es passiert so oft, so durchgängig, dass es etwas geworden ist, mit dem wir einfach leben.

Vielleicht haben sie also keine Ahnung.

Vielleicht wissen sie nicht, dass wir im zarten Alter von 13 Jahren fremden Männern entfliehen mussten, die auf unsere Brüste starrten. Vielleicht wissen sie nicht, dass Männer, die unsere Väter hätten sein können, uns anmachten, als wir an der Kasse arbeiteten.

Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass der Junge aus dem Englisch-Unterricht, mit dem wir nicht ausgehen wollten, uns wütende Nachrichten geschickt hat, weil wir ihn verschmäht hatten.

Vielleicht wissen sie nicht, dass unser Chef uns regelmäßig den Hintern tätschelt. Und wahrscheinlich wissen sie nicht, dass wir die meiste Zeit mit fest zusammengebissenen Zähnen lächeln.

Dass wir wegschauen oder so tun als würden wir es nicht bemerken. Sie haben wahrscheinlich keine Ahnung, wie oft diese Dinge passieren. Dass diese Dinge zu einer Art Routine geworden sind. So erwartbar, dass wir sie selbst kaum noch bemerken.

So routiniert, dass wir schon fast unbewusst ignorieren und minimieren.

Keine unterdrückte Wut und Angst und Frustration zeigen. Ein schnelles, oberflächliches Lächeln oder ein abgehacktes Lachen und schon können wir mit unserem Tag weitermachen.

Wir deeskalieren. Wir minimieren es. Innerlich und auch äußerlich, minimieren wir. Wir müssen das tun. Es nicht einfach gut sein zu lassen, würde uns viel häufiger in eine Lage der Konfrontation bringen als uns lieb ist.

Wir lernen in jungen Jahren, wie man das macht. Wir haben dem keinen Namen gegeben. Wir haben nicht einmal darüber nachgedacht, dass andere Mädchen das Gleiche machen. Aber wir haben uns selbst die Kunst der Deeskalation beigebracht. Wir haben durch Beobachtung und schnelle Risiko-Analyse gelernt, wie wir reagieren sollten und wie nicht.

"Das ist die Realität, eine Frau in unserer heutigen Welt zu sein. Sexismus weglachen, weil wir glauben, dass das unsere einzige Option ist.

Wir haben eine kleine mentale Checkliste. Wirkt er reizbar, verärgert? Sind andere Menschen in der Nähe? Ist er vernünftig und versucht nur, einen (ziemlich dämlichen) Witz zu machen?

Wenn ich etwas sage, setze ich damit meine Bildung/meinen Job/meinen Ruf aufs Spiel? In wenigen Sekunden entscheiden wir, ob wir etwas sagen oder nicht. Ob wir ihn damit konfrontieren oder uns wegdrehen, höflich lächeln oder so tun als hätten wir das nicht gehört/gesehen/gefühlt.

Es passiert die ganze Zeit. Und es ist nicht immer klar, ob die Situation gefährlich oder harmlos ist.

Es ist der Chef, der etwas Unangebrachtes sagt oder tut. Es ist der Kunde, der unser Trinkgeld rausholt, während wir uns vorbeugen, um ihn zu umarmen. Es ist der männliche Freund, der ein bisschen zu viel getrunken hat und versucht uns herumzukriegen, obwohl wir klar gesagt haben, dass wir nicht interessiert sind. Es ist der Typ, der sauer wird, weil wir ihm ein Date verweigern. Oder einen Tanz. Oder einen Drink.

Wir sehen, wie es unseren Freundinnen passiert. Wir sehen es so oft und in so vielen Szenarien und Momenten, dass es Normalität geworden ist. Und wir denken gar nicht darüber nach.

Bis zu dem einen Mal, das beinahe gefährlich für uns geworden wäre. Bis wir erfahren, dass der "Freund", der uns angemacht hat, am nächsten Tag der Vergewaltigung beschuldigt wurde. Bis der Chef sein "Versprechen" wahr macht, uns zu küssen, wenn er uns an Silvester alleine in der Küche antrifft.

Diese Male stechen heraus. Das sind die Male, von denen wir unseren Freunden, unseren Partnern und unseren Ehemännern erzählen.

Aber all die anderen Male? All die Male, wenn wir uns unsicher oder nervös fühlten, aber nichts passiert ist? Diese Male kommen wir einfach raus und denken nicht weiter darüber nach.

Das ist die Realität, eine Frau zu sein in unserer Welt.

Das ist Sexismus weglachen, weil wir das Gefühl haben, keine andere Wahl zu haben.

Das ist uns physisch krank zu fühlen, weil wir "mitspielen" mussten, um da rauszukommen.

Das ist Scham und Reue empfinden, wenn wir diesen einen Kerl nicht zur Rede gestellt haben. Der eine, der einschüchternd wirkte, aber wahrscheinlich harmlos war. Wahrscheinlich.

Das ist das Telefon in der Hand haben, den Finger auf dem Anrufen-Button, wenn wir abends allein nach Hause gehen.

Das ist unsere Schlüssel zwischen die Finger der Faust stecken, wenn wir eine Waffe auf dem Weg zum Auto brauchen.

Das ist lügen und behaupten, dass wir einen Freund haben, nur damit ein Typ ein "Nein" akzeptiert.

Das ist in einer überfüllten Bar oder sonst einem überfüllte Ort sein und sich umdrehen, um zu sehen, wer einem da eben an den Arsch gefasst hat.

Das ist wissen, dass wir selbst wenn wir ihn entdecken, wahrscheinlich nichts sagen werden.

Das ist in dem riesigen, leeren Parkhaus "hallo" zu einem Typen zu sagen, der uns grüßt. Das ist so zu tun, als würden wir es nicht hören, dass er uns beschimpft, weil wir nicht stehen geblieben sind, um mit ihm zu plaudern. Was? Bist du dir zu gut, um mit mir zu reden? Hast du ein Problem? Pffft... Schlampe.

Das ist unseren Freunden oder Eltern oder Gatten nichts zu sagen, weil es nur eine alltägliche Tatsache ist, ein Teil unseres Lebens.

Das ist die Erinnerung, an das eine Mal als wir angegriffen, misshandelt oder vergewaltigt wurden, die uns verfolgt.

Das sind die Geschichten unserer Freundinnen, die uns weinend davon erzählen, wie sie misshandelt, angegriffen oder vergewaltigt wurden.

Das ist feststellen, dass die Gefahren, die wir wahrnehmen, nicht nur in unserer Vorstellung bestehen. Weil wir zu viele Frauen kennen, die angegriffen, misshandelt oder vergewaltigt wurden.

"Vielleicht wird mir langsam klar, dass es niemandem hilft, wenn man solche Situationen einfach weglacht oder totschweigt."

Vor kurzem ist mir klar geworden, dass viele Männer sich dieser Tatsache vermutlich nicht bewusst sind. Sie haben vermutlich von Dingen gehört, die passiert sind, sie haben vermutlich Situationen gesehen und sind eingeschritten. Aber sie haben wahrscheinlich keine Ahnung, wie häufig es passiert. Das es einen großenteil dessen ausmacht, was wir sagen oder tun und wie wir es tun.

Vielleicht müssen wir mehr erklären. Vielleicht müssen wir aufhören, es uns selbst gegenüber zu ignorieren und es in unseren Köpfen zu minimieren.

Die Männer, die mit den Schultern zucken oder abschalten, wenn eine Frau über Sexismus in unserer Kultur spricht? Sie sind keine schlechten Menschen. Sie haben einfach nie unsere Realität gelebt. Und wir sprechen nicht über den alltäglichen Kram, den wir erleben und mitbekommen. Wie sollen sie es also wissen?

Vielleicht haben deshalb die guten Männer in unserem Leben keine Ahnung, dass wir mit diesen Sachen täglich zu tun haben.

Vielleicht ist es so normal geworden, dass uns gar nicht klar ist, dass wir es ihnen hätten sagen sollen.

Mir ist klar geworden, dass sie den Umfang dessen nicht kennen und nicht immer verstehen, dass es unsere Realität ist. Also ja, wenn ich mich über den Kommentar, den jemand über das enge Kleid einer Frau macht, aufrege, verstehen sie es nicht immer. Wenn ich über den alltäglichen Sexismus wütend werde, den ich überall sehe und erlebe... wenn ich höre, was meine Tochter und ihre Freundinnen erleben... sie begreifen nicht, dass es die kleine Spitze eines riesigen Eisbergs ist.

Vielleicht begreife ich, dass man von Männern nicht erwarten kann, dass sie verstehen, wie allgegenwärtig Sexismus ist, wenn wir nicht anfangen, ihnen davon zu erzählen und sie darauf hinzuweisen, wenn es passiert. Vielleicht wird mir langsam klar, dass es niemandem hilft, wenn man solche Situationen einfach weglacht oder totschweigt.

Wir deeskalieren.

Wir sind uns unserer Verletzbarkeit sehr bewusst. Wir sind uns bewusst, dass wenn er wollte ....? Dieser Typ auf dem Parkplatz könnte uns mit links überwältigen, wenn er wollte.

Männer, das bedeutet es, eine Frau zu sein.

Wir werden sexualisiert, noch bevor wir überhaupt verstehen, was das bedeutet. Wir entwickeln uns zu Frauen während unser Kopf noch unschuldig ist. Wir werden angestarrt und angemacht, bevor wir mit einem Auto fahren dürfen. Von erwachsenen Männern.

Wir fühlen uns unwohl, aber wir wissen nicht, was wir tun sollen, also machen wir einfach weiter. Wir lernen in jungen Jahren, dass wir, wenn wir in jeder unangenehmen Situation unsere Stimme erheben, uns eventuell in Gefahr bringen.

Wir sind uns bewusst, dass wir das kleiner, physisch schwächere Geschlecht sind. Dass Jungs und Männer viel stärker sind als wir und uns, wenn sie wollen, überlegen sind. Also minimieren und deeskalieren wir.

Wenn also das nächste Mal eine Frau darüber spricht, wie unangenehm es ihr ist, sexistisch angemacht zu werden, ignorier sie nicht. Hör zu.

Das nächste Mal, wenn deine Frau sich darüber beschwert, im Büro "Schätzchen" genannt zu werden, zuck nicht apathisch mit den Schultern. Hör zu.

Das nächste Mal, wenn du von einer Frau hörst oder liest, die sexistische Sprache ankreidet, halte sie nicht für lächerlich. Hör zu.

Das nächste Mal, wenn deine Freundin dir sagt, dass die Art wie ein Mann mit ihr geredet hat, Unwohlsein bei ihr ausgelöst hat, tu es nicht ab. Hör zu.

Hör zu, denn deine Realität ist nicht dieselbe wie ihre.

Hör zu, denn ihre Sorgen sind nicht übertrieben oder aufgeblasen.

Hör zu, denn die Wahrheit ist, dass jemand, den sie persönlich kennt, irgendwann und irgendwie misshandelt, belästigt oder vergewaltigt wurde. Und sie weiß, dass sie immer in der Gefahr lebt, dass es auch ihr passieren könnte.

Hör zu, denn selbst eine beiläufige Bemerkung von einem fremden Mann kann kleine Wellen der Angst durch ihren Körper jagen.

Hör zu, denn vielleicht versucht sie einfach zu verhindern, dass ihre Töchter ihre eigenen Erlebnisse erneut durchleben.

Hör zu, denn Zuhören hat noch nie geschadet.

Hör. Einfach. Zu.

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Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

Video: Gentlemen sind frauenfeindlich: Männer, die Frauen anlächeln, können auch Sexisten sein

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