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20/02/2015 09:13 CET | Aktualisiert 22/04/2015 07:12 CEST

Auf der Suche nach dem 'Medienkartell' (3): Wenn Gegenwind weh tut

Das "Handelsblatt" bemühte jüngst fünf Wirtschaftsforscher, die sich über die "fünf Irrtümer des Hans-Werner Sinn" ereiferten. Dorothea Siems von der „Welt" eilte daraufhin „Deutschlands klügstem Professor" zur Seite. Ein Mediengrabenkampf aus dem Bilderbuch.

dpa

Es gibt eine Krankheit namens Trigeminusneuralgie, eine zum Glück seltene Entzündung der Gesichtsnerven. Schon ein kleiner Reiz, beispielsweise ein Windstoß, kann dem Leidenden extreme Schmerzen bereiten.

Es mag etwas unsensibel klingen, aber ich fühlte mich beim Lesen eines Kommentars in der Welt daran erinnert. Und da war letzte Woche Großalarm.

Es geht um folgendes: „Unter der Überschrift 'Der falsche Prophet' ließ das "Handelsblatt" jüngst fünf Wirtschaftsforscher aufmarschieren, die sich über die "fünf Irrtümer" des Hans-Werner Sinn ereiferten." Die Welt wiederum ließ ihre Redakteurin Dorothea Siems aufmarschieren, um „Deutschlands klügstem Professor" (Bild) zur Seite zu eilen.

Ein Mediengrabenkampf aus dem Bilderbuch

Eigentlich nicht der Rede wert. Man könnte das als kleine Übung in Sachen Meinungsfreiheit begreifen. Die Welt ist immer auf der Seite der oberen Zehntausend und den Wirtschaftsphilosophien, die dieser Klientel den Wohlstand sichern. Und auch die haben das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Doch der Ton macht ja die Musik. Und in dem hat sich Springers Qualitätszeitung doch etwas vergriffen. Schon Überschrift und Teaser brüllen einen an: Eine „beispiellose Attacke" sei das. Der „prominente Ökonom" solle „mundtot" gemacht werden.

Man erinnere sich bitte. Es war Hans-Werner Sinn, der bis zum Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 den Ton in Deutschland vorgab (Privatisieren! Deregulieren! Löhne runter! Handelshemmnisse abbauen!). Er war und ist das Sprachrohr einer recht einseitigen Wirtschaftslehre, die sich nicht um soziale Verantwortung schert, Wertneutralität vortäuscht, sich aber regelmäßig in die Politik einmischt.

Eine Einseitigkeit, die sich über Jahrzehnte an deutschen Universitäten einnistete (und nicht nur dort). Nicht umsonst bildeten sich Vereinigungen wie das 'Netzwerk für plurale Ökonomik'.

Diese Diskurshoheit verschob sich in den letzten Jahren schon deshalb, weil die Realität nun mal nahe legte, das grenzenlose Vertrauen in den (freien) Markt in Frage zu stellen. Es ist aber nicht so, dass Sinn mit seinen Thesen heute mutterseelenallein dasteht. Den hiesigen Eliten dürften seine Positionen nach wie vor genehm sein.

Und so klingt es unfreiwillig komisch, wenn dieser Kopf des Ökonomie-Mainstreams bei Dorothea Siems zu einem mutigen Provokateur mutiert, der den (Markt-) Ungläubigen die Meinung geigt.

Was im Handelsblatt steht ist keine „Attacke", sondern Kritik. Und „beispiellos" ist sie schon gar nicht. (Siehe hier, hier, hier, hier und hier. Unter anderem.)

Dass ein bisschen Gegenwind ausreicht, um in der Axel-Springer-Straße hysterische Empörung auszulösen, ist erstaunlich

Und dass Sinn „mundtot" gemacht werden soll, ist eine exklusive Sicht der Dinge, die mit keinem Wort belegt wird. Nimmt ihm jemand seinen Posten als Leiter des Ifo Instituts weg? Verliert er seine Professur an der Uni München? Darf er keine Fernsehinterviews mehr geben? Wird er von unserer Regierung mit Internetverbot unter Hausarrest gestellt? Soll er öffentlich auf dem Alexanderplatz ausgepeitscht werden?

Nein, Hans-Werner Sinn kann, wird und darf auch in Zukunft alles sagen und schreiben, was er will. Und wir können alle froh sein, nicht in einem Land zu leben, wo man den Begriff 'mundtot' auf der zweiten Silbe betont.

Der ganze Artikel ist eigentlich das übliche Geschäft. Sich drüber aufzuregen wäre, als würde man sich bei einem AC/DC-Konzert über die Lautstärke beschweren. Lachen musste ich aber doch an folgender Stelle:

„Ökonomie ist keine Naturwissenschaft. Sie arbeitet mit Modellen, die zwangsläufig nie die ganze Realität abbilden." Ja, aber genau das suggerieren Sinn und die Seinen immer wieder. Und genau dagegen wehren sich andere schon seit Jahren, erst seit der großen Krise hört man ihnen etwas besser zu. Für Wirtschaftsredakteure der Welt war selbige vor 2008 vermutlich bedeutend schöner.


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