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07/04/2016 14:25 CEST | Aktualisiert 08/04/2017 07:12 CEST

Meine Tochter hat sich getötet: Bitte sprecht mit euren Kindern über Sex

rehtaeh parsons charges

Vor drei Jahren gab meine Tochter Rehtaeh Parsons ihren tapferen Kampf gegen die Dämonen auf - und beendete ihr Leben.

Auch wenn ich am liebsten einfach nach Hause gehen und mich im Schutz der Dunkelheit zusammenkauern möchte, gibt es zu viele Gründe, die dagegen sprechen. In den vergangenen drei Jahren habe ich viel gelernt über Gerechtigkeit, sexuelle Gewalt und darüber, worauf wir unser Hauptaugenmerk legen sollten - vor allem, wenn wir darauf aufmerksam machen wollen, was es unsere Gesellschaft kostet, wenn wir sexuelle Gewalt tolerieren.

Wenn selbst spezialisierte Anwälte und Therapeuten sowie Hilfszentren für Vergewaltigungsopfer der Meinung sind, dass es mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt, wenn Opfer zur Polizei gehen, um Anzeige zu erstatten, dann kann man mit Gewissheit behaupten, dass auf unser Strafjustizsystem kein Verlass ist.

Dieses System muss gehörig hinterfragt werden, ob man das nun zugeben will oder nicht. Es geht hier nicht mehr nur um die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern von #DueProcess (das Recht, dass vor einem Urteil ein ordentliches Gerichtsverfahren stattfinden muss) und den Befürwortern von #WeBelieveSurvivors (die Opfer von sexueller Gewalt unterstützen).

Es geht um #WeLostFaith (wir haben das Vertrauen verloren).

Ich will jedoch gar nicht über Jian Ghomeshi oder Bill Cosby sprechen oder darüber, dass der Richter Robin Camp einem Vergewaltigungsopfer Vorwürfe gemacht hat, weil es seine Beine nicht geschlossen halten konnte oder dass ich mit Bestürzung feststellen musste, dass alle Feministinnen, die ich in den vergangenen drei Jahren kennengelernt habe, Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhalten haben, weil sie im Internet ihre Meinung geäußert hatten.

Stattdessen will ich darüber sprechen, was man meiner Meinung nach dagegen tun könnte.

rehtaeh parsons

Rehtaeh Parsons war 17 Jahre alt, als im April 2013 die lebenserhaltenden Maßnahmen, welche die Folge ihres Selbstmordsversuchs waren, eingestellt wurden.

Ein paar Monate nach Rehtaehs Tod bat mich ein Hilfszentrum für Opfer von sexueller Gewalt, in eine ländlich gelegene Stadt in Nova Scotia zu kommen und ein Gespräch mit einigen Schülern zu führen.

Während der Diskussion stellte ein Therapeut der Klasse (die aus ungefähr 30 Mädchen und einem Jungen bestand) eine sehr aufschlussreiche Frage: "Wie viele von euch finden, dass ein Mädchen selbst schuld ist, wenn es zu einer Party geht und zu viel trinkt und ein paar Jungs dann 'Sex' mit ihr haben?"

Sofort ging die Hälfte aller Hände in die Höhe.

"Dass unseren Söhnen und Töchtern nichts über unsere Gesetze beigebracht wird, hat dazu geführt, dass meine Tochter sich vor drei Jahren im Bad erhängt hat."

Das, was Rehtaeh passiert ist, kann genauso gut auch schon einem anderen Kind an dieser Schule oder an jeder anderen Schule passiert sein.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was passiert, wenn andere Schüler die Identität des Opfers herausfinden; dieses Mädchen oder dieser Junge wird dafür verantwortlich gemacht, verspottet, gehasst und schikaniert, bis er oder sie schließlich in den Selbstmord getrieben wird.

Passend zum Thema:

Ein Vergewaltigungsopfer packt aus: "Großbrüstige Blondinen verdienen die Vergewaltigung"

Nur die wenigsten von ihnen erzählen es ihren Eltern und gehen zur Polizei. Die meisten von ihnen verbringen einen großen Teil ihres Lebens damit, sich selbst Vorwürfe zu machen, vor allem diejenigen, die auf diese Frage hin ihre Hand gehoben haben.

Man kann mit einer anderen Person keinen Geschlechtsverkehr haben, wenn diese Person dem nicht zugestimmt hat oder nicht in der Lage ist, ihre Zustimmung zu erteilen. Im kanadischen Strafgesetzbuch (Paragraph 273.1) wird diese Zustimmung klar definiert und außerdem werden konkrete Situationen aufgelistet, in denen eine solche Zustimmung ungültig ist:

  • Wenn die Zustimmung durch die Aussagen oder Handlungsweisen einer Person erfolgt ist, bei der es sich nicht um den Kläger oder die Klägerin handelt
  • Wenn der Kläger oder die Klägerin nicht in der Lage ist, der Handlung zuzustimmen
  • Wenn der oder die Angeklagte den Kläger oder die Klägerin zur Teilnahme an der Handlung gebracht hat, indem er ein Verhältnis des Vertrauens, der Macht oder der Autorität missbraucht hat
  • Wenn der Kläger oder die Klägerin durch seine oder ihre Aussagen oder Handlungsweisen der Teilnahme an der Handlung widerspricht, oder
  • Wenn der Kläger oder die Klägerin nach seiner oder ihrer Zustimmung zur Teilnahme an einer sexuellen Handlung durch seine oder ihre Aussagen oder Handlungsweisen ausdrückt, dass er oder sie nicht weiter an der Handlung teilnehmen will.

Hierbei handelt es sich nicht um eine Reihe von Richtlinien sondern um unser Gesetz. Es ist irrelevant, ob man das Gesetz kennt oder nicht. Dass unseren Söhnen und Töchtern nichts über unsere Gesetze beigebracht wird, hat dazu geführt, dass meine Tochter sich vor drei Jahren im Bad erhängt hat.

"Der beste Weg, um sexuelle Gewalt zu bekämpfen, führt nicht über Gerichte. Sexueller Gewalt beugt man am effektivsten vor, indem man mit jungen Menschen darüber spricht."

Ein paar Monate später rief mich ein Reporter wegen einiger Vorträge an, die ich über die Themen Einwilligung zum Sex, sexuelle Belästigung und Mobbing in Toronto gehalten hatte.

Eltern hatten ihn angerufen und sich darüber beschwert, dass meine Vorträge für High Schools unangemessen seien. Es gibt Eltern, die - meist aus religiösen Gründen - der Meinung sind, dass Gespräche über Sex Sache der Familie sein sollten und zu Hause mit den eigenen Kindern geführt werden sollten. Ich verstehe das ja, aber ...

Wenn 15-jährige Jungs 15-jährige Mädchen vergewaltigen und diesen Mädchen dann von anderen 15-jährigen Mädchen die Schuld dafür zugeschoben wird, dann sprechen zu viele von uns mit ihren Kindern zu Hause eben nicht über Aufklärung und über die Zustimmung zum Sex.

Der beste Weg, um sexuelle Gewalt zu bekämpfen, führt nicht über Gerichte. Sexueller Gewalt beugt man am effektivsten vor, indem man mit jungen Menschen darüber spricht.

Viele von ihnen wollen sich auch gerne über das Thema Sex in beiderseitigem Einvernehmen unterhalten. Sie können und wollen sich dafür einsetzen, dass sexueller Gewalt vorgebeugt wird und dass danach - nicht, wie üblich - die Opfer dafür verantwortlich gemacht werden. Ich weiß, dass sich viele junge Menschen gerne einsetzen würden, einige tun es sogar bereits.

In Ontario haben Tessa Hill und Lia Valente, zwei Schülerinnen aus der 8. Jahrgangsstufe, es geschafft, die Premierministerin von Ontario, Kathleen Wynn, davon zu überzeugen, dass das Thema Zustimmung zum Sex in den neuen Lehrplan für den Sexualkundeunterricht mit aufgenommen werden muss.

Sie haben auch eine Kurzdokumentation darüber erstellt, wie sexuelle Belästigung von den Medien toleriert wird und sie haben als jüngste Gewinnerinnen den YWCA Toronto's Women of Distinction Award erhalten.

Vor einigen Jahren hielt ich in Ottawa einen Vortrag und ein Lehrer der örtlichen High School brachte einige seiner Schüler als Zuhörer mit.

Nach dem Vortrag hatte ich die Gelegenheit, mit ihnen darüber zu sprechen, wie wichtig es ist, einzugreifen, um dadurch Vergewaltigungen oder Gewalttaten zu verhindern. Sie schienen wirklich nette junge Männer zu sein und ich bin nach wie vor überwältigt von den Ideen, die ihnen einfielen.

"In den vergangenen drei Jahren ist mir klar geworden, dass die wirksamste Waffe zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen höchstwahrscheinlich die Einstellung von jungen Männern ist."

Als der Lehrer mich anrief und mich bat, an seiner Schule einen Vortrag zu halten, erzählte er mir auch von den Projekten, die sie durchführten.

Den Vortrag hielt ich im Herbst 2014 und ich werde nie vergessen, wie ich in die Schule kam und die Poster sah. Poster zum Thema Zustimmung zum Sex, Poster dazu, dass man sich für andere einsetzen muss, Poster über Gewalt gegen Frauen und über die Rolle, die Männer bei der Aufklärung über Mobbing und Missbrauch haben.

Die Jungs, die meinen Vortrag gehört hatten, gründeten eine Gruppe namens ManUp. Mittlerweile verbreiten sie meine Botschaft auch in anderen High Schools in Ottawa und sie stoßen damit auch in anderen Gebieten auf reges Interesse.

Wofür setzt sich ManUp ein? In einem Interview mit der Online-Zeitung Ottawa Community News berichtet Ben Noor, Schüler der 12. Klasse und Mitglied der Gruppe, über die Ziele von ManUp:

"... wir wollen Schülern und jungen Männern unserer Gemeinde die Botschaft übermitteln, dass wir die Gewalt gegen Frauen beenden müssen. Wir wollen die Vorstellung davon, was in unserer Gesellschaft einen Mann ausmacht, verändern ... Ein Mann widerspricht, wenn er einen sexistischen oder abwertenden Kommentar über Frauen hört. Ein Mann informiert andere Männer darüber, wie gesunde Beziehungen aussehen. Ein Mann steht nicht tatenlos daneben, wenn er Zeuge von Gewalt wird. Ein Mann ist kein passiver Zuschauer."

Wie wichtig ist diese Gruppe von jungen Männern? Ich für meinen Teil beschäftige mich oft mit dem Gedanken, dass Rehtaeh vielleicht noch am Leben wäre, wenn einer dieser Jungs da gewesen wäre, als sie Hilfe brauchte.

Weil er nicht einfach dabeigestanden wäre und zugeschaut hätte. Angesichts ihres Zustands wäre ihm klar gewesen, dass sie wohl kaum in der Lage gewesen ist, ihre Einwilligung zum Sex abzugeben.

Ich wünschte, ein junger Mann wie Ben wäre da gewesen und hätte auf meine Tochter aufgepasst.

Die wirksamste Waffe

In den vergangenen drei Jahren ist mir klar geworden, dass die wirksamste Waffe zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen höchstwahrscheinlich die Einstellung von jungen Männern ist.

In den vergangenen drei Jahren ist mir klar geworden, dass wir die Einstellung dieser jungen Männer mit Beispielen von Tugendhaftigkeit, Mitgefühl, Warmherzigkeit, Toleranz, Vertrauen, Freundlichkeit, Mut und Tapferkeit prägen müssen, weil ihre Einstellung sonst von Ignoranz, Rassismus, Sexismus, Hass und Wut geprägt wird.

Was wäre mit Rehtaeh Parsons passiert, wenn nur einer der Jungs, der in dieser Nacht dabei war, über das Thema Zustimmung zum Sex und seine Rolle bei der Verhinderung von sexueller Gewalt Bescheid gewusst hätte?

Passend zum Thema:

Männer, jede Frau hat ein Safeword. Es heißt "Nein".

Nach Rehtaehs Tod bekam ihre Mutter einige Nachrichten von einem der Jungs auf Facebook. Die letzte Nachricht lautete: "Ich bereue alles, was passiert ist. Ich will nicht mein Leben lang als Vergewaltiger bezeichnet werden, es ist meiner Meinung nach das Verletzendste, was man zu jemandem sagen kann."

Er ist nicht der Meinung, dass er eine Vergewaltigung begangen hat, weil er nicht weiß, was eine Vergewaltigung ist. Aus irgendeinem Grund kennt er die Grenzen zwischen normalem Verhalten und Missbrauch nicht und keiner hat ihn über den Unterschied aufgeklärt.

Rehtaeh Parsons musste dafür bezahlen, dass sie nichts falsch gemacht hat, außer zu glauben, dass sie in Gesellschaft von anderen Teenagern ihrer Gemeinde sicher sei.

"Ich hatte keine Ahnung, dass sexuelle Übergriffe in unserer Kultur toleriert werden, bis diese Tatsache die Person zerstörte, die mir mehr bedeutete als jeder andere. Ich gebe es zu und ich muss damit leben. Wenn du dir einmal darüber bewusst wirst, siehst du es überall."

Unsere mangelnde Bereitschaft, junge Menschen mit einzubeziehen und ernsthaft mit ihnen über Themen wie Sex und die Einstimmung dazu, Grenzen und Vergewaltigung zu sprechen, hat meiner Tochter das Leben gekostet.

Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das mit dem Charakter einer Person zu tun hat und das bedeutet auch, dass man sehr viel unternehmen kann, um diesem Verbrechen vorzubeugen. Deshalb ist es unglaublich wichtig, dass wir mit unseren jungen Männern und Frauen sprechen und ihnen nicht nur einbläuen, wo die Grenzen liegen, sondern auch, wessen Schuld es ist, wenn diese Grenzen überschritten werden.

Ich hatte keine Ahnung, dass sexuelle Übergriffe in unserer Kultur toleriert werden, bis diese Tatsache die Person zerstörte, die mir mehr bedeutete als jeder andere. Ich gebe es zu und ich muss damit leben. Wenn du dir einmal darüber bewusst wirst, siehst du es überall.

Es gab Zeiten, in denen Vergewaltiger nicht zu ihrer Tat stehen mussten und geschützt wurden, weil in unserer Kultur sexuelle Übergriffe toleriert werden, doch diese Zeit ist lange vorbei. Dies hat sich dank der sozialen Medien geändert. Früher wurden die Namen von Männern, die Frauen missbrauchen, auf Toilettenwände geschmiert, doch jetzt werden diese Namen auf Twitter veröffentlicht.

Wir können zwar behaupten, dass dies unverantwortlich, kriminell, unfair und ungerecht ist, doch letzten Endes sind wir selbst dafür verantwortlich, weil wir nicht gehandelt und den Opfer geglaubt haben, als es nötig gewesen wäre.

rehtaeh parsons Familienfoto

Ich habe Wochen gebraucht, um diesen Beitrag zu verfassen. Ich habe angefangen und den Artikel fertig geschrieben und dann habe ich ihn wieder gelöscht und noch einmal neu geschrieben. Es ist unmöglich, die letzten drei Jahre zusammenzufassen, ohne dabei wütend zu klingen.

Zum Schluss möchte ich alle Eltern von Jungen im Teenager-Alter noch um etwas bitten: Stellt euch vor, dass euer Sohn seinen Schulabschluss macht und dass ihm alle Türen offen stehen und er ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlagen möchte. Auf die Universität gehen, einen Job finden, heiraten und euch Enkelkinder schenken. Die Orte, die er besuchen wird und die Freunde, die er finden wird.

Und dann stellt euch vor, wie schwer es für ihn sein wird, all diese Dinge zu tun, wenn man bei einer Google-Suche nach seinem Namen als ersten Treffer die Tatsache findet, dass er an der Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens beteiligt war.

Das ist bei allen vier Jungs, die Rehtaeh angegriffen haben, der erste Treffer. Ungerecht, unfair, unverantwortlich ...

Vermeidbar.

Wenn du glaubst, dass dies deinen Sohn sowieso niemals betrifft, liegst du falsch.

Wenn du glaubst, dass dein Sohn niemals etwas mit Vergewaltigungswitzen, Liedern über Vergewaltigungen, Umfragen auf Facebook über gewalttätigen Sex und sexuellen Anzüglichkeiten gegenüber Frauen auf offener Straße zu tun haben wird oder diesen Dingen tatenlos zusehen wird, dann liegst du völlig falsch.

Vor drei Jahren ging ich einen Krankenhausflur entlang und erfuhr, welchen Preis es hat, dass sexuelle Übergriffe toleriert werden. Bitte sprecht mit euren Kindern über Themen wie Grenzen, einvernehmlichen Sex, gesunde Beziehungen und sexuelle Gewalt.

Sie werden euch zuhören. Da bin ich mir ganz sicher.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post Canada erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Was mit Rehtaeh Parsons in Kanada passierte, kann jederzeit auch in Deutschland vorkommen, glaubt Sabrina Tophofen, die als Kind selbst Opfer sexueller Gewalt geworden ist und sich für Frauen- und Kinderrechte einsetzt.

Sie findet, dass Täter härter bestraft werden müssen, damit Opfer überhaupt den Mut aufbringen, Anzeige zu erstatten.

Ein großes Problem sieht Tophofen auch in der mangelnden Aufklärung von Kindern und Jugendlichen.

“Wir sind weltweit in der Verantwortung, alles dran zu setzen, dass Taten wie Vergewaltigung und Missbrauch jeglicher Art verhindert werden. Kinder müssen schon in der frühesten Kindheit wissen, dass niemand das Recht hat, sie anzufassen, wenn sie es nicht wollen.”

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