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10/11/2017 05:10 CET | Aktualisiert 10/11/2017 05:15 CET

Ich bin 32 Jahre alt und verheiratet - und ich hatte noch nie einen Orgasmus

Getty Images

Dieser Text erschien ursprünglich bei Glamour

Da es in diesem Artikel um ein sehr persönliches Thema geht, möchte die Autorin lieber anonym bleiben.

"Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen und du versprichst mir, dass du mich nicht dafür verurteilst?", fragte ich meine Freundin, als wir an einem Samstag gemeinsam beim Brunchen waren.

Ich hatte bereits ein paar Cocktails getrunken und sie hatte mir gerade erzählt, dass sie mit einem Typen, den sie erst kürzlich kennengelernt hatte, eine verrückte Sexnacht verbracht hatte. Sie nickte und ich holte tief Luft. "Okay, also ich hatte noch nie einen Orgasmus."

Sie hätte sich fast an ihrem Cocktail verschluckt. Wir waren schon seit mehr als sechs Jahren miteinander befreundet und ich spreche eigentlich nie über mein Sexleben.

Wir gingen meine sexuelle Vergangenheit durch

Da ich seit ein paar Jahren verheiratet bin, spreche ich erst recht nicht mehr darüber. Doch seit einiger Zeit ließ mich der Gedanke nicht mehr los, dass ich vielleicht etwas sehr Wichtiges verpasste.

Und ich wollte wissen, was andere darüber dachten.

"Entschuldige, aber wie bitte? Nicht einmal, wenn du es dir selbst machst?", fragte meine Freundin. "Auch dann nicht", antwortete ich ihr.

Und dann gingen wir meine komplette sexuelle Vergangenheit durch: Dass ich mit 18 zum ersten Mal Sex hatte, dass ich bisher mit 12 Männern geschlafen habe und dass ich auch schon einmal einen Vibrator ausprobiert habe.

Ich tat mir selbst leid

Meine Freundin hatte viele Fragen und sie gab mir auch einige Tipps: Ich sollte meinen Mann bitten, mich oral zu befriedigen. Ich sollte versuchen, kurz vor dem Sex noch einmal pinkeln zu gehen.

Meine Freundin ging genauso an das Thema heran wie alle anderen Freundinnen, denen ich mein "Problem" anvertraut hatte. Erst waren sie schockiert und dann überlegten sie, wie sie mir helfen konnten.

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Ich hatte natürlich nur meine engsten Freundinnen eingeweiht, weil ich Angst hatte, dass andere sonst sofort denken könnten, dass mein Mann einfach schlecht im Bett ist, was überhaupt nicht stimmt.

"Es tut mir einfach leid für dich, weil ein Orgasmus so ein großartiges Gefühl ist. Und du verdienst es, dieses Gefühl zu erleben", sagte meine Freundin am Schluss noch.

In dem Moment tat ich mir selbst leid.

Eines Tages würde ich bestimmt einen Orgasmus bekommen

Als ich anfing, mit Männern zu schlafen, hatte ich wie die meisten Menschen erst einmal überhaupt keine Ahnung, was ich da eigentlich tat.

Ich mochte zwar keine One-Night-Stands, doch ich hatte auch keine wirklich festen Beziehungen.

Und deshalb traute ich mich auch nie, meine Partner zu fragen, ob wir mal etwas anderes ausprobieren könnten.

Wenn ich jetzt als 32-jährige Frau, die noch nie einen Orgasmus hatte, zurückblicke, wünsche ich mir natürlich, ich hätte mit 18 wenigstens den Typen aus meinem Studentenwohnheim gebeten, mal etwas anderes mit seiner Zunge zu machen.

Ich war mir sicher, dass ich eines Tages einfach einen Orgasmus bekommen würde, wenn ich mit einem Mann schlief, der mir etwas bedeutete.

Ich perfektionierte meinen vorgetäuschten Orgasmus

Ich wusste damals nicht, dass manche meiner Freundinnen sich einfach nur auf eine blöde Waschmaschine zu setzen brauchten, um einen Orgasmus zu bekommen. (Dass das jetzt jeder weiß, haben wir Frauen übrigens dem Film Varsity Blues zu verdanken.)

Während ich also geduldig wartete, perfektionierte ich meine Fähigkeit, Orgasmen vorzutäuschen.

Einmal sagte mir ein Mann, wie sehr es ihm gefiel, dass er mich zum Höhepunkt bringen konnte. Obwohl wir das anfangs eigentlich nicht geplant hatten, waren wir dann doch einige Jahre lang zusammen.

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Und als es zwischen uns ernster wurde, konnte ich ihm auch nicht mehr sagen, dass ich die ganze Zeit über meine Orgasmen nur vorgetäuscht hatte.

Das hätte ihn fertiggemacht. Oder schlimmer noch: Unser Sexleben hätte sich nur noch darum gedreht, mir endlich einen Orgasmus zu verschaffen. Nein, danke.

Er drehte sich um und schlief ein

Gegen Ende meines Studiums war ich mit einem anderen Mann in einer festen Beziehung.

Da ich diesem Mann nichts mehr vorspielen wollte, erzählte ich ihm gleich von Anfang an, dass ich keinen Orgasmus bekommen konnte.

"Bitte sieh das nicht als Herausforderung an", bat ich ihn. Das tat er dann auch nicht. Und zwar überhaupt nicht.

Wir sprachen nie wieder über das Thema. Er nahm sich beim Vorspiel zwar immer viel Zeit für mich, doch sobald er gekommen war, drehte er sich um und schlief ein.

Ich gewöhnte mich irgendwann an diese Routine. Doch leider gewöhnte ich mich viel zu sehr daran, denn ich begann zu akzeptieren, dass ich vielleicht einfach nicht "kommen konnte".

Ich bin eine von diesen Frauen

Dass ich mit Hilfe von Google herausfand, dass ein kleiner Prozentsatz von Frauen tatsächlich keinen Orgasmus bekommen kann, half mir auch nicht wirklich weiter.

Das war's dann also, dachte ich mir. Ich bin eine von diesen Frauen.

Ich war auch nach dem Studium noch eine Weile mit diesem Mann zusammen, doch irgendwann trennten wir uns.

Es hatte nichts mit unserem Sexleben zu tun, doch letzten Endes zeigte sich, dass sein Verhalten im Bett nur sein allgemeines Desinteresse widerspiegelte, das irgendwann unsere Beziehung zerstörte.

Er hätte es ein paar Mal beinahe geschafft

Kurz darauf kam ich mit einem guten Freund zusammen, der bereits wusste, dass ich keinen Orgasmus bekommen konnte.

Mich doch noch zum Höhepunkt zu bringen war für ihn anfangs der wichtigste Punkt auf unserer gemeinsamen To-do-Liste.

Es ging ihm dabei jedoch nicht darum, dass er unbedingt der erste Mann sein wollte, der mich zum Orgasmus bringt. Er wollte einfach nur, dass ich zum Höhepunkt komme, weil ich mich wohl fühlen sollte.

Ein paar Mal hätte er es sogar fast geschafft, mich zum Orgasmus zu bringen. Er konnte mich sehr geschickt mit seinen Fingern befriedigen.

Es funktionierte einfach nicht

Es fühlte sich so an, als müsste ich gleich niesen. Ich wartete und wartete, doch nichts passierte.

Nach ungefähr 20 Minuten fühlten sich seine Handbewegungen irgendwann nicht mehr so gut an und ich erlaubte uns beiden, dass wir das Vorspiel beendeten.

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Später sprachen wir darüber, dass ich fast gekommen wäre. Ich sagte ihm, was er meiner Meinung nach anders oder länger hätte machen sollen, damit ich zum Orgasmus komme. Und wir versuchten es immer wieder. Doch es funktionierte einfach nicht.

Das Gefühl ließ irgendwann einfach nach

Ich versuchte auch selbst, mich zum Orgasmus zu bringen. Ich kaufte mir einen Vibrator (so ein Teil, das man sich komplett reinstecken kann, mit allem Drum und Dran).

Doch mich machte ein batteriebetriebenes Riesenteil aus Silikon einfach nicht an.

Nach zwei erfolglosen Versuchen wickelte ich den Vibrator in drei blickdichte Müllbeutel und schmiss ihn zusammen mit einem Topf voll übriggebliebener Lasagne in die Mülltonne.

Ich machte es mir mit meiner linken Hand und dann mit meiner rechten Hand, nur um am Ende frustriert festzustellen, dass es mit keiner Hand klappte.

Durch den starken Strahl meines Duschkopfs wäre ich ein paar Mal fast zum Orgasmus gekommen. Doch wie immer ließ das gute Gefühl irgendwann einfach nach.

Ich dachte mehr an den Orgasmus als an den Mann in meinem Bett

Nachdem ich alles ausprobiert hatte, was sich für mich gut anfühlte, bat ich meine Frauenärztin um Rat.

Ich hoffte insgeheim, dass sie vielleicht eine schnelle Lösung für mich parat hätte. Sie untersuchte mich und bestätigte mir, was ich mir ohnehin schon (fast) gedacht hatte: Rein körperlich war da unten alles in Ordnung bei mir.

Ihrer Meinung nach handelte es sich wahrscheinlich um eine geistige Blockade - eine sexuelle Temposchwelle, dich mich aus der Spur brachte.

Ich verstand, was sie meinte. Immer, wenn ich Sex hatte, fragte ich mich, ob es dieses Mal wohl passieren würde. Manchmal dachte ich mehr daran als an den Mann, mit dem ich gerade im Bett lag.

Ich bin zufrieden mit unserem Sexleben

Der gute Freund, mit dem ich später zusammenkam, ist mittlerweile sogar mein Ehemann. Und ich bin glücklich mit unserem Sexleben.

Mal abgesehen davon, dass ich keinen Orgasmus bekommen kann, habe ich eine ziemlich starke Libido.

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Ich brauche mehrmals pro Woche Sex, und da mein Mann auch fast immer zu jeder Schandtat bereit ist, können wir uns auf dieser Ebene gut miteinander verbinden.

Ich mag alle Arten von Sex, ganz egal ob Oralverkehr, Reiterstellung, Doggy-Style oder Missionarsstellung.

Ich fühle mich stärker mit ihm verbunden

Nach dem Sex fühle ich mich mit dem Mann, den ich liebe, unglaublich verbunden. Und natürlich würde ich es toll finden, endlich einen Orgasmus zu bekommen.

Wir haben auch noch nicht aufgegeben, doch wir konzentrieren uns mittlerweile nicht mehr so stark darauf.

Ich richte meine Aufmerksamkeit lieber auf die Dinge in unserem Sexleben, die gut funktionieren.

Auf den Blick meines Mannes, wenn ich mich langsam ausziehe. Auf das Vorspiel. Auf den Moment, wenn er endlich in mich eindringt. Auf den Augenblick, wenn er es einfach nicht mehr aushält und ich mich unglaublich sexy fühle.

Nach dem Sex hält mein Mann mich fest im Arm und ich bin so glücklich und entspannt wie sonst nie. Wenn wir miteinander geschlafen haben, fühle ich mich wieder stärker mit ihm verbunden. Und dieses Gefühl kann man nicht vortäuschen.

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Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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