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03/03/2016 13:42 CET | Aktualisiert 04/03/2017 06:12 CET

Chaos in Idomeni: Warum die Flüchtlings-Katastrophe abzusehen war

dpa

Idomeni: eine Stadt an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Bei meinem Besuch kam ich in den Abendstunden an und hatte sofort das Gefühl, in einem von Dantes Höllenkreisen gelandet zu sein. Tausende Menschen wanderten im Lager umher und suchten nach Dingen, die sie brauchten, um die Nacht zu überstehen, von Zelten bis hin zu Seifenstücken.

idomeni

Mein Blick fiel sofort auf die Laken, die eingerollt entlang des Zaunes lagen. In den Laken waren Menschen eingehüllt, Familien mit Müttern und kleinen Kindern, sogar Neugeborene, die bereits seit Tagen im Schlamm geschlafen hatten. Es waren unfassbar viele Kinder darunter. Keiner weiß, wie viele Kinder wirklich in den Lagern gefangen sind, in denen tausende Menschen -- die meisten davon aus Syrien und dem Irak -- unter unzumutbaren Bedingungen leben, seit die Zahl an Flüchtlingen, die die griechische Grenze überqueren dürfen, drastisch reduziert wurde.

Dieses Lager wurde vor drei Tagen errichtet und sollte Platz für 1.200 Menschen bieten, doch mittlerweile leben mehrere tausend Menschen darin. Meist sind es ganze Familien. Sie haben keinerlei Zugang zu lebenswichtiger Versorgung. Ihre Grundbedürfnisse werden ignoriert. Sie erhalten nicht genügend Informationen.

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"Beißender Rauch steigt auf und vergiftet Körper und Seele."

Dass dort Chaos ausgebrochen ist und dass eine Gruppe von Flüchtlingen beim Versuch die Grenze zu überqueren die Zäune durchbrochen hat, kam kaum überraschend. Niemand kann an einem Ort wie diesem, an dem grundlegende Menschenrechte verletzt werden, allzu lange überleben. Dies erinnert schnell an die dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit, die im vergangenen Jahrhundert passiert sind.

Die Menschen haben sich entlang der Bahngleise, die das Lager in zwei Teile spalten, gut eingerichtet. Soweit das Auge blickt erstrecken sich hunderte kleine Campingzelte, jedes davon bietet Unterschlupf für vier bis zehn Menschen. Wenn nachts der Frost kommt - obwohl die Temperaturen in den vergangenen Tagen etwas milder ausgefallen sind - wird das ganze Gelände von Lagerfeuern erhellt, die aus sämtlichen Abfällen, die zu finden sind, darunter auch Plastikmüll, entzündet werden. Dichter, beißender Rauch steigt in der Luft auf und vergiftet Körper und Seele.

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Es mangelt ganz offensichtlich an Schutz und Sicherheit. Doch trotz alledem fällt einem sofort ins Auge dass die Menschen selbst inmitten von all diesem Chaos noch versuchen einen letzten Rest Würde und Ordnung aufrecht zu erhalten. Schmutzige, abgenutzte Kleidung hängt über dem Zaun; die Flüchtlinge haben sie auf ihrer Reise getragen und sie jetzt in den Waschräumen gereinigt, die im Lager errichtet wurden.

"Ein ganzer Strom von Männern, Frauen und Kindern"

Siebenundzwanzig Kilometer liegen zwischen dem Lager in Idomeni und dem Bahnhof, an dem Busse aus Athen ankommen, wo hunderte Familien auf eine Gelegenheit warten, um die Grenze überqueren zu können. Oft geben sie ihre letzten Ersparnisse für ein Taxi aus, doch die meisten von ihnen können sich nicht einmal das leisten, also gehen sie einfach zu Fuß an der Straße entlang. Ein ganzer Strom von Männern, Frauen und Kindern wandert am Rand der dunklen Straßen entlang und riskiert dabei, von den vorbeifahrenden Autos überrollt zu werden. Unter ihnen sind auch Babys und behinderte Menschen.

Unsere Mitarbeiter verteilen ständig Taschenlampen, damit die Flüchtlinge im Dunkeln besser zurechtkommen und sie geben den Kindern Regenmäntel und Winterkleidung.

Als das Team von Save the Children versuchte, eine von tausenden Bitten um Hilfe zu erfüllen, kam eine Frau auf sie zu, die einen 10-jährigen Jungen dabei hatte, der in Tränen aufgelöst und verzweifelt war, weil er seine Eltern nicht mehr fand. An einem Ort wie Idomeni kann man leicht verloren gehen - und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.