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11/12/2015 11:05 CET | Aktualisiert 11/12/2016 06:12 CET

"Wir sind die Vergessenen": Ich habe einen Tag lang Straßenzeitungen verkauft. Jetzt verstehe ich die Sorgen vieler Menschen besser

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"Hast du dich bei dem Mann bedankt?", blafft ein älterer Herr mich von der Seite an. "Selbstverständlich habe ich das", antworte ich ihm und will weitergehen.

"Nichts hast du gemacht! Schämst du dich nicht?", schimpft er weiter.

Das geht ja gut los, denke ich, während ich dem unfreundlichen Mann nahelege, einen Ohrenarzt aufzusuchen. Er spielt offensichtlich auf eine Szene an, die sich wenige Momente zuvor in der Linie U3 abgespielt hat.

Ich war erst seit ein paar Minuten als Obdachlose in Hamburg unterwegs. Neben meiner Kleidung war das an einer dunkelblauen Weste mit der Aufschrift der Straßenzeitung "Hinz und Kunzt" auf dem Rücken zu erkennen. Einen Tag lang habe ich die Perspektive gewechselt und Obdachlosenzeitungen verkauft.

Warum? Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, am Rande der Gesellschaft zu existieren.

Während ich mich noch daran gewöhnte, dass die Menschen mich plötzlich anders ansahen, sprach mich ein Fahrgast an. Er hielt mir seine Hand mit zwei Ein-Euro-Stücken entgegen. "Darf ich Ihnen mein Kleingeld geben?", fragte er.

Meine Lippen brennen und meine Fingerspitzen kribbeln vor Kälte.

"Vielen Dank", stammelte ich, während ich das Geld beschämt in meine Jackentasche gleiten ließ. Er nickte mir zu. "Frohe Weihnachten."

"Das wünsche ich Ihnen auch", flüsterte ich. Zum Glück hielt die U-Bahn gerade an den Landungsbrücken, meinem Quartier für den heutigen Tag. Denn während ich hinaus hastete, stiegen mir Tränen in die Augen.

hinz und kunzt

Ich sehe mich um und finde den Platz, den Christian, Vertriebsleiter von Hinz und Kunzt, mir zugewiesen hat. "Du darfst nur da verkaufen", hatte er mir eingeschärft. "Wenn du in das Gebiet eines anderen Verkäufers kommst, gibt's Streit."

Ich stelle mich also auf die Fußgänger-Brücke, direkt am Eingang zur U-Bahn-Station Landungsbrücken. Meinen Verkäuferausweis befestige ich an der Weste und nehme drei der zehn Zeitungen, die ich eingekauft habe, aus meiner Tasche. Es kann losgehen.

Die Passanten gehen an mir vorbei. Sie sehen mich an und sehen wieder weg. Es fühlt sich komisch an. Alle Paar Minuten kommt eine Bahn an und spuckt neue Menschen aus, die an mir vorbeilaufen. Aber niemand will eine Zeitung kaufen.

Vielleicht sollte ich mehr lächeln, überlege ich?

Kauf dir einen Kaffee, Mädchen. Ist doch so kalt hier draußen.

Es vergeht fast eine Stunde bis ich meine erste Zeitung verkaufe. Kurz darauf kommt eine ältere Frau und drückt mir zwei Euro in die Hand. Sie hat die aktuelle Ausgabe schon, erklärt sie mir. "Aber ich finde es toll, dass Sie das machen."

In der nächsten Stunde verkaufe ich zwei Zeitungen und bekomme drei Spenden. Eine Frau steckt mir einen Fünf-Euro-Schein zu und lächelt freundlich. "Kauf dir einen Kaffee, Mädchen. Ist doch so kalt hier draußen."

Wieder muss ich mit den Tränen kämpfen.

Die Frau hat recht: Es ist verdammt kalt. Die Sonne strahlt an einem blauen Himmel, aber der Wind, der hier so nah am Wasser fegt, geht an die Knochen.

Meine Lippen brennen und meine Fingerspitzen kribbeln vor Kälte. Schon nach kurzer Zeit tun mir Füße und Rücken weh und mein Arm schmerzt vom Halten der Zeitungen.

Ich muss dem Drang widerstehen, mich auf eine der Plastik-Kisten zu setzen, die zwei Meter hinter mir stehen. "Hinz und Kunzt wird im Stehen verkauft. Das ist uns wichtig, denn unsere Verkäufer sind keine Bettler", hatte Christian gesagt.

Trotzdem drehe ich mich um und sehe, dass ein anderer die Kisten anvisiert hat. Der Mann zittert, er kann kaum geradeaus laufen. Ganz offensichtlich lebt er auf der Straße und ist betrunken.

Er braucht zwei Versuche, um sich zu setzen. Dann zieht er mühsam seinen Mantel aus und legt ihn für seinen Hund auf den Boden.

Den Passanten hält er einen Becher entgegen. "Ich brauche nur eine Fahrkarte", nuschelt er wieder und wieder. Ich wechsle die Brückenseite, denn jetzt macht er mir Konkurrenz.

Der Unterschied zwischen totaler Ignoranz und einem Blickkontakt auf Augenhöhe. Es ist so typisch für Deutschland.

Und während ich beobachte, mit welcher Verachtung die Passanten diesem Mann begegnen, bin ich plötzlich dankbar für meine dunkelblaue Hinz-und-Kunzt-Weste. Sie zeigt den Menschen, dass ich arbeite, mich um ein besseres Leben bemühe.

Das macht den Unterschied aus zwischen totaler Ignoranz und einem Blickkontakt auf Augenhöhe. Es ist so typisch für Deutschland.

Wer es schafft, sechs Monate lang regelmäßig Zeitungen zu verkaufen und sich dabei an die Regeln zu halten, wird mit einer solchen Weste belohnt. "Das ist wie ein Ritterschlag bei uns" hatte Christian mir erklärt, bevor er mir hinein half.

Und jetzt verstehe ich. Auf der Straße bist du ein Niemand. Du bist unsichtbar.

Die wenigen Blicke, die dir geschenkt werden, sind entweder von Mitleid oder Verachtung erfüllt. Diese Weste vermag es, einem Menschen ein Mindestmaß an Würde zu verleihen.

Inzwischen sind fast vier Stunden vergangen. Der Wind ist stärker geworden und ich bewege abwechselnd meine Füße, um sie ein wenig aufzuwärmen. In der Ferne glitzert das Sonnenlicht auf der Elbphilharmonie, Hamburgs Milliarden-Reinfall, der immer noch nicht fertiggestellt ist. Was für ein Hohn.

hinz und kunzt

Mittlerweile kann ich am Geräusch erkennen, ob es eine U- oder S-Bahn ist, die neue Menschen zu meinem Quartier bringt. Und dann kann ich endlich meine fünfte Zeitung verkaufen.

Als es dunkel wird, kehre ich in die Zentrale zurück. Endlich Wärme. Ein freundlicher Mann drückt mir einen Kaffee in die Hand. "Und, wie war's heute? fragt er in breitem Norddeutsch. Obwohl ich völlig fremd bin, werde ich freundlich aufgenommen.

Stephan Karrenbauer entdeckt mich zwischen den anderen Verkäufern und bittet mich in sein Büro. Als Sozialarbeiter hilft er Obdachlosen bei der Beschaffung einer Unterkunft, berät bei sozialen Problemen oder Suchterkrankungen. Zeit für einen Kassensturz.

28 Euro und drei Cent habe ich verdient. Gar nicht übel. Aber leben kann man davon doch nicht. "Selbst wenn man es als Obdachloser schafft, beim Amt Arbeitslosengeld II zu beantragen und sich als Verkäufer etwas dazuverdient, heißt das noch lange nicht, dass man auch eine Wohnung bekommt. Das ist reine Glückssache", sagt Karrenbauer.

"Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Hamburg und wenn eine Wohnung frei wird, ist ein Obdachloser der Letzte, der sie bekommt."

Es ist ein Teufelskreis. Wer einmal auf der Straße war, braucht mindestens drei bis fünf Jahre und viel Glück, bis er wieder ein geregeltes Leben führen kann, erklärt Karrenbauer.

Es ist eine frustrierende Situation für die fast 2000 Wohnungslosen, die auf Hamburgs Straßen leben.

Seit die Stadt so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, erscheint sie ihnen noch auswegloser - obwohl sie schon vor der Flüchtlingskrise kaum eine Chance auf Wohnraum hatten.

"Viele verstehen nicht, wie die Stadt es schafft, von heute auf morgen 30.000 Flüchtlinge unterzubringen, aber seit Jahren daran scheitert, 2000 Obdachlosen ein Hause zu geben", sagt Karrenbauer.

Natürlich können die Flüchtlinge nichts dafür. Aber ich kann die Wut jetzt nachempfinden. Viele der Verkäufer, die ich hier kennengelernt habe, arbeiten jeden Tag.

Trotzdem reicht ihnen niemand die Hand.

Nachdenklich verlasse ich das Gebäude. Vor der Tür treffe ich Silvia (Name geändert), eine der wenigen Frauen, die die Straßenzeitung verkaufen.

Sie bedankt sich zum zweiten Mal überschwänglich bei mir, weil ich ihr die Zeitungen überlassen habe, die ich heute nicht verkaufen konnte. Und dann sagt sie etwas, das noch Stunden später in meinem Kopf nachhallt:

"Wir sind die Vergessenen."

Mir ist an diesem Tag unter Obdachlosen klar geworden: Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen.

Denn es kann jeden von uns treffen.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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