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26/11/2015 12:35 CET | Aktualisiert 26/11/2016 06:12 CET

Liebe Eltern, hört auf, euch durch eure Kinder zu definieren

Graham Monro/gm photographics via Getty Images

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Während meines Studium habe ich zwei Mal pro Woche auf ein kleines Mädchen aufgepasst. Sie liebte es, ihre Babyfinger in den Sand zu stecken, deshalb waren wir oft auf dem Spielplatz in der Nachbarschaft. Was mich dort zum Teil abgespielt hat, schockiert mich bis heute.

"Wie alt ist denn ihre Tochter?", fragte mich einmal eine Mutter, die mit einem Kleinkind und einem Fünfjährigen auf dem Spielplatz war.

Ich hatte keine Lust zum siebten Mal an diesem Tag zu erklären, dass sie gar nicht meine Tochter ist und antwortete, dass sie eineinhalb Jahre alt sei.

"Kann sie denn schon laufen?", fragte die Frau.

"Nein", sagt ich. "Aber sie krabbelt sehr gern."

Und dann folgte der Satz, den ich nach wenigen Wochen unter Müttern schon auswendig konnte:

"Mein Sohn ist schon mit elf Monaten gelaufen."

Oh Mann.

Wenn es nicht gerade um die Fortschritte beim Laufen ging, hörte ich Mütter sagen:

"Mein Kind hat schon mit sechs Monaten 'Mama' gesagt."

"Mein Kind bekommt nur Bio-Gemüse."

"Mein Kind sieht nicht fern."

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Je älter die Kinder werden, je wichtiger scheint es zu sein, dass sie in allem hervorstechen.

In Wahrheit sind es jedoch die Eltern, die sich um jeden Preis hervortun wollen.

Sie wollen den coolsten Kindergeburtstag veranstalten, von dem noch Wochen später gesprochen wird. Sie wollen die leckersten Kekse für den Schulverkauf backen. Sie wollen die Eltern sein, die ihre Kinder am meisten fördern. Sie machen ihre Kinder zum Mittelpunkt ihres Lebens.

Was eigentlich nach einer selbstlosen und liebevollen Haltung aussieht, ist eigentlich purer Egoismus. Eltern, die stark in das Leben ihrer Kinder eingreifen, nehmen mehr, als sie geben. Sie brauchen das Leben ihrer Kinder, um ihr eigenes Ego zu streicheln und sich anderen Eltern gegenüber hervorzutun.

Diesem Narzissmuss hat Joseph Burgo, eine Ehe- und Familientherapeut, sogar ein ganzes Kapitel in seinem Buch "The Narcissist You Know: Defending Yourself Against Extreme Narcissists in an All-About-Me Age" gewidmet.

"Die Gewinner-Verlierer-Dynamik ist das Herzstück einer extremen Form des Narzissmus und narzisstische Eltern sind solche, die dieses Spiel durch ihre Kinder spielen", schreibt Burgo.

"Sie werden davon angetrieben, Kinder zu erschaffen, die Gewinner sind. Und sie sind nicht nur Gewinner, sie sind auch besser als die Kinder von anderen Leuten. Und das betonen sie in Unterhaltungen mit anderen Eltern. Sie erzählen von den Errungenschaften ihrer Kinder, davon, an welchen Schulen sie angenommen wurden, wie viel Geld sie verdienen, nur um anderen ein schlechtes Gefühl zu geben: dein Kind ist schlechter als ihr Kind."

Kurz gesagt: Immer mehr Eltern leben ihre eigenen Träume durch ihre Kinder. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder die Dinge erreichen, die sie selbst nicht erreicht haben.

Eine Studie der Utrecht University bestätigt das. Ein Forscherteam um Professor Brad Bushman fand heraus, dass Eltern, die ihr Kind sehr stark als einen Teil von sich sehen, häufiger von ihren Kindern erwarten, ihre eigenen Wünsche zu erfüllen.

"Einige Eltern sehen ihre Kinder als Erweiterung ihrer Selbst und nicht als eigenständige Menschen mit eigenen Hoffnungen und Träumen", glaubt Bushman.

Indem sie sich in den Erfolgen ihrer Kinder aalen, können Eltern besser mit der Frustration umgehen, selbst bestimmte Dinge nicht erreicht zu haben. "Sie leben indirekt durch ihre Kinder", erklärt der Wissenschaftler.

Und das bleibt nicht ohne Folgen.

"Es setzt Kinder unter Druck, zu versuchen, die unerfüllten Bestrebungen ihrer Eltern zu erreichen, anstatt ihre eigenen Ziele zu verfolgen."

Liebe Eltern, hört auf, euch durch eure Kinder zu definieren! Denn ihr versäumt dabei etwas ganz Wesentliches:

Herauszufinden, was euer Kind sich wirklich wünscht. Worin es wirklich gut ist. Was seine Ziele sind. Zu welchem Menschen es sich selbst entwickeln möchte.

Erst wenn ihr euer Kind als einen eigenständigen Menschen anerkennt, könnt ihr ihm wirklich die Liebe schenken, die es verdient.

Eine Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Sondern eine, die einfach da ist.