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14/01/2015 04:42 CET | Aktualisiert 16/03/2015 06:12 CET

Warum Sparsamkeit eine wertlose Tugend ist

Vor dem Fernseher belächeln wir die Sparfüchse der Nation, die ihre Schuhe mit Bananenschalen putzen. Aber hinter dem, was auf den ersten Blick lustig oder gar zwanghaft wirkt, steckt eine der großen Tugenden unserer Zivilisation. Und sie ist nichts wert.

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Vor dem Fernseher belächeln wir die Sparfüchse der Nation, die ihre Schuhe mit der Innenseite von Bananenschalen statt mit Schuhcreme putzen, ihre fast leere Seife mit Wasser nachfüllen oder die Fernsehzeitung sparen, weil es das Programm auch kostenlos in der Apothekenzeitschrift gibt. Aber hinter dem, was auf den ersten Blick lustig, übertrieben oder gar zwanghaft wirkt, steckt eine der großen moralischen Tugenden unserer Zivilisation. Und sie ist nichts wert.

Betroffene der chronischen Sparsamkeit würden sich nicht als krank bezeichnen, auch wenn die Reaktion von Zuschauern und Mitmenschen Kopfschütteln statt Beifall ist. Krank sind sie wirklich nicht. Zurecht verweisen sie meist auf ihre Erziehung und sind sicher, da eine wertvolle Tugend von Eltern und Großeltern mit auf den Weg bekommen zu haben. Ihre Meister waren nur konsequent. Vielleicht haben sie Kriege miterlebt, vielleicht sind sie in Armut aufgewachsen. Warum dann nicht dauerhaft für morgen vorsorgen, für schlechtere Zeiten?

Das große Sparen

Das große Sparen meint vor allem das: genug Geld und Ressourcen für später ansammeln. Vielleicht für den Ruhestand. Oder einfach, um den Durst nach der absoluten Optimierung des Lebens zu stillen. Das große Sparen behütet Betroffene vor der Versuchung, nachlässig zu werden. Sie gibt Kraft dazu, sich immer wieder die Frage zu stellen: Geht mein Leben noch billiger? Vielleicht sogar kostenlos?

So sollen es besonders gewiefte Sparer mitunter schaffen, schon mit 30 in Rente zu gehen. Man muss nur geplant und konsequent entbehren können. So eine stählerne Disziplin beherrschen aber die wenigsten und ist den absoluten Spar-Gurus vorbehalten, die dann mit etwas Glück als Exoten ins Fernsehen kommen. Die Ergebnisse des großen Sparens dienen dann der Unterhaltung und vielleicht auch anderen, die ihre Anlagen zum absoluten Sparen entdecken.

Das kleine Sparen

Das kleine Sparen ist wesentlich weiter verbreitet und muss nicht gelernt werden. Man braucht sich fürs kleine Sparen nicht zu schämen. Jeder kennt und kann es, wenn er will, auch ohne große Anstrengungen. Man trifft es zum Beispiel an, wenn man vor dem Nudelregal steht und zu Billig-Produkten statt Markenware greift.

Es ist auch der innere Ratgeber, wenn wir von den teuren Ausführungen im Regal raue Mengen einkaufen, weil es dann einen Rabatt gibt. Es flüstert uns ins Ohr, wenn nicht einer, sondern fünf Läden und anschließend noch das Internet befragt werden, ob es das noble Messer-Set nicht noch günstiger gibt.

Sparen durchs Geld ausgeben

Wer dann auf einen Schlag ein paar hundert Euro spart, fühlt sich reicher als vor dem Kauf. Obwohl er Geld ausgegeben hat, das jetzt nicht mehr im Geldbeutel ist. Dass wir uns beim Sparen oft reicher fühlen als wenn wir gar nichts ausgeben, wissen seit eh und je auch Unternehmen für sich zu nutzen.

Sonderangebote, kostenlose Zusatzservices, zeitlich begrenzte Rabatte finden sich im Werkzeugkoffer fast eines jeden Kaufmanns. Dass wir als Kunden damit manipuliert werden, das sähen wir nur ungern so. Der Akt des Sparens versteht sich als natürliche Entscheidung, die schon Säuglinge treffen würden, wären Sie zum Einkauf fähig.

Ärgerlich wird die Pfennigfuchserei erst, wenn wir auf ein faules Ei stoßen, etwa falschen Rabatt-Versprechen auf den Leim gehen, oder wenn wir als Sparer denken, wir hätten draufgezahlt, obwohl wir einfach nur den regulären Preis berappen mussten.

Wer sich über Schnäppchen freut, hat auch das Zeug dazu, das Preis-Leistungsverhältnis zum neuen Gradmesser für Lebensqualität zu erklären. Dann mag die Stereoanlage für 5000 Euro ein hervorragendes Gerät sein, der Preis-Leistungssieger für 350 Euro lässt sie aber abstinken. Er hingegen kostet einen Bruchteil und lässt ebenfalls ein paar laute wenn auch kratzige Töne klingen. Preis-Leistungssieger heißt in der Regel: ist zwar schlechter, kann aber was!

Wer sich nun kein Heimkino im Kleinwagen-Wert leisten kann, wird zwangsläufig zu günstigen Alternativen greifen. Die mindere Qualität aber nun mit dem Siegel "Preis-Leistung" aufzupeppen, als würde man voller Stolz das Billigmodell hochhalten und mit dem Urteil "ist günstig und fällt nicht gleich auseinander" veredeln wollen, ist bestenfalls Augenwischerei.

Mit weniger Geld auskommen und dafür mit Zeit bezahlen

Wir können auch selbst zum Objekt der Sparsamkeit werden, sprich: wenn wir etwas verkaufen möchten oder, wahrscheinlicher, unter der Sparsamkeit unserer Mitmenschen leiden. Wer mit dem sparsamen Partner nur noch an günstigen "Kinotagen" Filme ansehen kann oder bei der Schnäppchensuche ausschweifende Tagestouren durch die Läden mitmachen muss, für den wird der wahre Preis der Sparsamkeit sichtbar. Verlorene Zeit drückt die Euphorie auf Schnitzeljagd nach dem besten Angebot. Für echte Pfennigfuchser fängt hier aber der Spaß erst an.

Sparsamkeit: ein zweifelhafter moralischer Wert

Wer über seine Verhältnisse lebt - kein Geld hat, aber welches ausgibt - zahlt mitunter einen hohen Preis. Wenn an dieser Stelle die kleine oder große Sparsamkeit in der Kritik steht, soll das also nicht zur Verschwendung der eigenen Mittel aufrufen. Wer aber von anderen Menschen Sparsamkeit einfordert oder sich selbst als Gewinner in diesem Spiel sieht, unterschlägt die Kosten dieses Volkssports.

Denn Sparen geht in der Regel nicht nur mit greifbarem Verzicht einher, sondern auch mit einem Abzug von Lebenszeit. Wer den zweistündigen Weg ins Outlet am Stadtrand auf sich nimmt, geht von dort mit mehr Sachen für weniger Geld nach Hause, widmet seine Freizeit aber auch diesem bescheidenen Genuss.

Sparsamkeit als Moral oder Tugend taugt also nur für die Profiteure dieser Forderung: Mehr oder weniger freiwillig sparsame Bürger kommen nämlich mit weniger zurecht und leisten trotzdem etwas. Verbraucher, die geübt darin sind, auch mit weniger auszukommen, meckern erst spät, wenn sie mit Abzügen und Einschnitten zurecht kommen müssen.

Dass Sparsamkeit als Tugend den Weg weist und die Welt besser macht, würde sich nur jeder daran halten, ist eine zynische Empfehlung. Wer in seinem Job den Faktor Arbeitszeit spart, wird von seinem Chef bald die rote Karte sehen. Wer an der Gesundheit spart, wird Seiten an sich kennenlernen, denen das gesparte Geld nichts wert ist. Wer Zeit mit der Familie spart, wird sich vielleicht schon bald unglücklich wiederfinden.

Das notwendige Sparen

Wer im Winter auf einer Berghütte eingeschneit wird und warten muss, dass der Schnee abschmilzt, um wieder ins Tal zu gelangen, wird seine Ressourcen - Essen, Wasser, Energie - sparsam einteilen. Hingegen ist das alltägliche kleine und große Sparen nur mehr oder weniger natürlich.

Als Lebenseinstellung ist es ein Unternehmen, das eigene Leben zu ruinieren. Als Tugend unbrauchbar, weil produzierte Ressourcen systematisch begrenzt sind, nicht weil der Erdball "leer" ist. Wer sich selbst als Sparfuchs entdeckt, kann zumindest davon ablassen, sich in der Gewinnerrolle zu sehen.

Mit gegebenen Ressourcen bewusst umzugehen ist eine intelligente Entscheidung. Sparsamkeit als Tugend zu feiern ist hingegen ein widerlicher Versuch, in einer Welt des eigentlichen Überflusses Nachteile des Einzelnen als lobenswert zu verkaufen.

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