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27/01/2016 08:30 CET | Aktualisiert 27/01/2017 06:12 CET

Trump-Flipflop in der Abtreibungsfrage

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Irgendwie kam die Meldung daher, wie der tägliche Wetterbericht. Bei Colorado Springs in der Nähe einer Klinik von Planned Parenthood (PPFA), einer Non-Profitorganisation, die ihn ihren mehreren hundert Kliniken in den USA auch Schwangerschaftsabbrüche durchführt, wurden drei Menschen ermordet und etliche andere verletzt.

"Turn to JESUS or burn in hell"

Schwer zu sagen, ob sich die Motive, letztlich nur auf seine unverhohlene Abscheu vor der Abtreibung gründen. „Turn to JESUS or burn in hell" hatte der 57-jährigen Mörder, Robert Lewis Dear, in einem Internetforum geschrieben. Nach Recherchen der New York Times war Dear in seinem Umfeld als radikaler Abtreibungsgegner bekannt und zeigte nicht nur Sympathien für alle jene, die Personen und Einrichtungen angriffen, die Schwangerschaftsabbrüche vornahmen.

Mehr noch: Die Art und Weise, wie er solche Angriffe als das Werk Gottes hinstellte und die Mitglieder des terroristischen Anti-Abtreibungsnetzwerks Army of God als Heroes glorifizierte, zeigt, dass sich seine Mordtat in die große Zahl krimineller Straftaten gegen Personen und Einrichtungen einreihen lässt, die Abtreibungen unter bestimmten Bedingungen befürworten oder vornehmen.

Ein "Warrior for the babies"

Die Bluttat des religiösen Fanatikers Dear, der sich selbst als „Warrior for the babies" bezeichnete, wurde hierzulande mehr in den Kontext der allgemeinen Entrüstung über Shootings und Waffengesetzgebung in den USA gestellt.

Das liegt wohl daran, dass die Deutschen einen besonders ausgeprägten Hang zum Mitleiden zeigen, wenn das Gute gegen das Böse den Kürzeren zieht oder, wenn, wie in diesem Fall, demokratische US-Präsidenten immer und immer wieder daran scheitern, gegen die Waffenlobby, die Republikaner und den waffenstarrenden American Way of Life eine Verschärfung der Waffengesetze durchzusetzen.

Zum Heulen: Waffenwahn in den USA

So wundert es auch nicht, wenn die Tränen, die Barack Obama vergoss, als er im Januar seine eigenmächtig-präsidialen Verschärfungen der Waffengesetze im Weißen Haus ankündigte, auch hierzulande die Aufmerksamkeit auf das Waffenarsenal dieser bis zu den (Milch-)Zähnen bewaffneten Nation lenkten, wo viele bis heute meinen, man könne sich gegen das Böse wie einst der legendäre RevolverheldWild Big Hickock (1837-1876) im Gunfight , allerdings mit modernen Pumpguns im Anschlag oder mit den sogenannten Kurzwaffen (concealed handguns) unterm T-Shirt verteidigen, die weit über 11 Millionen erwachsene Amerikaner vom Walmart bis nach Disneyland verdeckt herumtragen dürfen.

Für den Rest der Welt unvorstellbar: statistisch gesehen hat nur etwa jeder Zehnte keine Schusswaffe und manche sa-gen, davon gäbe es in den USA inzwischen 310 Millionen, ... Massenschießereien, sogenannte Shootings mit mehr als vier Opfern (einschließlich der Täter) gab es 2015 so gut wie jeden Tag ... Wer dieses Fass aufmacht, hat keine Angst mehr vor der Büchse der Pandora.

Die "Hintermänner" des Warriors

Natürlich hat auch dies alles für die Morde Dears eine Rolle gespielt. Wenn es aber nur in diesen Kontext gestellt wird, kann es auch von anderen, mindestens genau so wichtigen Aspekten ablenken. Und nicht nur das: Die Kritik am Waffenwahnsinn in den USA leistet dann unter Umständen auch einer Deutung des Colorado-Springs-Planned-Parenthood-Shootings und ähnlicher Vorkommnisse Vorschub, alles mit dem Waffenwahn von Joe und Bill oder Jane und Jill (average Joe and plain Jane) (oder irgendwelchen Hillbillies in den Wäldern und ihren "Hintermännern" in der National Rifle Association (27), dem mächtigsten Interessenverband der USA, zu erklären.

Shooting = Waffendichte? Viel zu einfach

Viel zu einfach das Ganze, das wissen die Deutschen nach Erfurt und Winnenden aus eigener leidvoller Erfahrung. Monokausale, einfache Erklärungsmuster (ganz unmathematisch, nur verdeutlichend: Shooting=Waffendichte, Amoklauf=Ego Shooter bringen nichts.

Die Massenschießerei von Colorado Springs ist und bleibt ein Angriff auf Pro Choice, der Bewegung der Befürworter des Schwangerschaftsabbruchs in den USA, und alle Menschen und Institutionen, die in den USA für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch eintreten.

Likes für Abtreibung ist Mord

Selbstverständlich scheiden sich, selbst wenn die Gräben derzeit zugeschüttet scheinen, beim Thema Schwangerschaftsabbruch auch hierzulande weiterhin die Geister, und das oft vollkommen unversöhnlich.

Die Geister früherer Tage: Mein Bauch gehört mir vs. Abtreibung ist Mord haben sich wohl nur vorübergehend verzogen, denn bis heute sammeln letztere auf Facebook für die Parole Abtreibung ist Mord, für den „guten Zweck", fleißig Likes Trotzdem: Auch wenn es, weiter können wir den Deckel hier nicht lüften, sogar eine De-URL mit der Parole als Domain gibt, hat sich hier selbst in Zeiten hitzigster Kontroversen (noch) niemand an den barbarischen Terrorakten schießwütiger Abtreibungsgegner in den USA ein Beispiel genommen.

Die drüben zum Teil aus dem Umfeld des schon Jahrzehnte bestehenden Army-of-God-Netzwerks (AOG) (39) stammenden Warriors, einem losen Haufen selbsternannter Gotteskrieger christlich-fundamentalistischer Ausprägung, haben hier noch keine direkten Nachahmer, Gottseidank!

Hausgemachter Terrorismus in den USA - geht das?

In den USA zählen Shootings wie das von Colorado zu terroristischen Straftaten. Man bezeichnet sie als domestic terrorism und will sie damit als „hausgemacht" ausweisen, weil ihre Terrorakte von amerikanischen Staatsbürgern oder Personen mit einem Aufenthaltsrecht in den Verei-nigten Staaten ausgeführt werden.

Zum Feld des Inlandsterrorismus, wie man den „hausgemachten" Terrorismus nennen könnte, zählen dabei nicht nur Terrorakte, die radikale Abtreibungsgegner (anti-abortion-violence) durchführen, sondern auch der so genannte Eco-terrorism, die Aktionen der Animal Liberation Fron, der Black Liberation Army, der Jewish Defense League und eben auch der Terror des Ku Klux Klan und der Army of God.

Die "Armee der Gotteskrieger

Die Gotteskrieger der Army of Gog bekennen sich, wie jede andere Terrororganisation der Welt, offensiv zu Geiselnahmen, Brandstiftungen und Briefbomben-Attacken, um ein Klima der Angst zu erzeugen und, in diesem Fall, die Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen (Pro-Choice-Bewegung, mit ihren Angriffen auf Leib und Leben oder ihrem Telefon-, Brief- und E-Mail Terror, mit Cybermobbing im Netz (Internet-Harassment jeder Art) und vielem anderen mehr einzuschüchtern. Und die Hassprediger dieser Christobans haben bis heute die Stirn, in einem Land, dem die freie Meinungsäußerung über alles geht, in einer - man höre und staune - Selbstverteidigungserklärung (Defense Action Statement) kundzutun, dass sie (allein) „die gerechte göttliche Sache vertreten" und demzufolge auch das Recht beanspruchen könnten, „alle notwendigen Mittel" einzusetzen, und zwar „einschließlich Gewalt, um das unschuldige Leben, geboren oder ungeboren, zu verteidigen."

Christliche Allahu-akbar-Rufe vor dem nächsten Blutbad?

Christlich motivierte Allahu-akbar-Rufe(53) vor dem nächsten Blutbad? Die Opfer bei Charlie Hebdo und im Pariser Bataclan und anderswo schreien auf! Kein Vergleich? Und ob, und selbst dann, wenn sich IS und Army of God kaum noch mehr spinnefeind sein könnten.

Bis heute dürfen die Gotteskrieger der Army of God, die ohne Zweifel die geistigen Anstifter des irgendwie psychopathisch wirkenden Mörders von Colorado Springs sind, auf ihrer Webseite den reuelosen und kaltblütigen Mörder des NAF-Mitglieds Dr. George Tiller, den 52-jährigen Scott Roeder (ungehindert zu einem American Hero mit eigener (Gedenk-)Seite küren und den ermordeten Arzt in schonungsloser Weise weiter verhöhnen. Doch dies ist bekanntlich nur die Spitze des Eisberges.

Die National Abortion Federation (NAF) verzeichnete seit Mitte der 70er-Jahre nicht nur mehr als 200 Bomben- und Brandanschläge auf Beratungsstellen und Kliniken, in denen Schwangerschaftsabbrüche oder künstliche Befruchtungen vorgenommen wurden bzw. werden, sondern auch 8 Morde, die meisten davon allerdings zwischen 1974 und 1994. Ins-gesamt kam es in diesen 40 Jahren zu 6.948 kriminellen Gewalttaten gegen diese Einrichtungen in den Vereinigten Staaten.

Inlandterrorismus im Land, das den War on Terror ausgerufen hat?

Inlandsterrorismus pur als genau in dem Land, das nach dem 11. September unter George W. Bush (US-Präsident 2001-09), den War on Terror lauthals ausgerufen und mit seinem, wie wir heute wissen, beispiellosen Pyrrhussieg über den irakischen Diktator Sadam Hussein und seinen Folgen, den Terrorismus von Al-Qaidaund den Islamischen Staat in der ganzen Welt erst so richtig groß gemacht hat; Inlandsterrorismus in einem sich selbst stets hochlobenden Land, von US-Kriminellen praktiziert, eine bittere Pille für viele dort, so weit so schlimm, aber „hausgemacht"? Domestic terrorism ein Gezücht der eigenen politischen Kultur? Das geht ans Eingemachte und vielen Amerikanern zu weit.

Die Trumpification der öffentlichen Meinung

Wer glaubt, dass die Gotteskrieger der AOG heutzutage mit der gleichen unerbittlichen Härte bekämpft würden, wie dies so manchem vermeintlichen Taliban-Sympathisanten aus aller Welt ergangen ist, verkennt, worum es geht, und wie tief religiös kaschierte Vorurteile in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind. Und Donald Trump schlägt dafür kräftig die Saiten.

Die Trumpification der öffentlichen Meinung mit Vorurteilen hat sogar die Washington Post im Dezember 2015 veranlasst, eine Zeichnung ihres Karikaturisten Tom Toles zu drucken, die zeigt, wie Donald Trump der Statue of Liberty ein Hitlerbärtchen malt und sie damit zur Statue of Limitations umfunktioniert.

Die Trumpification spielt jedenfalls nicht nur der großen Zahl von Evangelibans und der Tea-Party-Fraktion (77) in die Hände, sondern zielt mit ihrem zum Teil faschistoiden Populismus mitten ins Herz der amerikanischen Gesellschaft, dort sehen sie auch in Donald Trump einen echten „Uramerikaner", der, wie Eric T.Hansen in der ZEIT vom 27.8.2015 formulierte, „zwischen Hirn und Mund keinen Filter hat" und gerade deshalb ankommt, weil seine Sprechblasen aus genau dem Stoff gemacht sind, den die erzkonservative Rechte schon einmal gesabbert hat, aber in der Mitte inzwischen auch als „erfrischend" goutiert wird.

Trump der Flipflopper in der Abtreibungsfrage

Beim Thema Abtreibung eiert der Immobilien-Milliardär herum - ein Post bezeichnet ihn als „flip flopper on abortion" - und gibt sich, gemessen an der Haltung der extremen Rechten in seiner Partei, geradezu „liberal", wenn er öffentlich verkündet, er sei schon immer „very pro-choice" gewesen, dann aber auf Nachfragen erklärt, wie das zu verstehen ist: Schwangerschaftsabbruch in einer bestimmten Frist, aber nur dann, wenn das Leben der werdenden Mutter in Gefahr ist, nach einer Vergewaltigung oder bei Inzest.

Auch typisch Trumpification kann man sagen, und jeder Autofahrer kennt die Unart: Links blinken und dann rechts abbiegen. Schnell summieren sich die Abtreibungen vom Hirn zum Mund Trumps zu horrenden Zahlen, und dann bricht aus Trump wieder hervor, was er sich nach einem möglichen Wahlerfolg vorgenommen hat: Planned Parenthood, der „abortion factory", zumindest seinem „brutal part", wie er sagt, den Garaus zu ma-chen. Defund Planned Parenthood lautet seine Devise, und auf gut Deutsch, alle staatlichen Zuschüsse streichen.

Dann müssen sie dichtmachen, so oder so. Eine kleine Genugtuung jedenfalls auch für Dear, dem die Todesstrafe droht.

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