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27/01/2016 09:58 CET | Aktualisiert 27/01/2017 06:12 CET

Stretch as stretch can: Relax Putin an der Seepromenade

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Nicht dass es gegen den Sport an sich ginge, der ist schließlich über allem erhaben, wenn es nicht gerade um die Dopingstory des Leichtathletikweltverbandes (zusammengeschrieben wirkt das, was im wirklichen Leben ja auch auf vielfältige Weise gegen oder auch ohne Schmiergeldzahlungen miteinander verbandelt ist, einfach besser) geht, oder erst spät, statt recht, um die eurogeschmierten Gentlemen Blatter und Platini oder den Olympiablender Wladimir Putin.

Putin: Ein kleiner Muskelprotz auf Stalins Spuren

Letzterer zeigt sich im Gegensatz zu den vorgenannten dann schon mal mit nacktem Oberkörper, wenn er nicht anders, auf der Krim, in der Ukraine oder unlängst in Syrien seine Muskeln beim russischen Roulette mit dem Weltfrieden spielen lassen kann.

Den Nahkampf von Mann zu Mann allerdings scheut er offenbar trotz aller zur Schau getragenen Machogebärden, wie auch andere Teufel das Weihwasser. Denn, statt sich selbst in den Infight zu begeben, schickt er lieber seine KGB-Agenten los, um einzelne Gegenspieler, so wie einst Stalin seinem Widersacher Trotzki in Mexiko den Schädel hat zertrümmern lassen, mit Polonium zu vergiften (Alexander Litwinenko am 23.11.2006 in London) oder mit vier Kugeln auf offener Straße hinterrücks erschießen zu lassen (Boris Nemzow, 27.2.2014 in Moskau).

Catch as catch can ist Putins Devise

Auch ohne weitere moralische Verurteilung, die der Kremlchef, das weiß man, wie Schweißperlen auf dem Laufband abtropfen lässt, so gehört aber doch erwähnt, dass jedenfalls die körperliche Kraftmeierei á la Putin alles andere als auf der Höhe der Zeit ist, jedenfalls was die Wahl der Sportart der Oberklasse (Bourdieu) hier bei uns betrifft.

Sein vom Kreml aus in die Welt gesandtes Catch as catch can ist ein Spektakel, vielleicht sogar eine russische Spezialität, das vielen seiner Parteigänger, vor allem in den unteren Schichten imponiert, die sich daran erfreuen, wie er Politik und Sport wie im Zirkus präsentiert.

Der russsische Bär liebt Brot und Spiele

Vielleicht sind dies auch spezifische Eigenheiten des russischen Bären, bei uns allerdings hat sich die Oberklasse und die Mittelklasse schon längst von panem et circenses, den Brot und Spielen, als Massenunterhaltung verabschiedet und ist auf soziale Distanz gegangen zum prolligen Elefanten- und Seelöwen-Zirkus ebenso wie zu Catchern, Wrestlern und Bodybuildern.

Alternative: Progressive Muskelentspannung auch für Putin?

Wenn stimmt, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu sagte, dass der Körper "nicht nur Träger, sondern auch Produzent von Zeichen" ist (ders., Die feinen Unterschiede, 2014, S.310), dann sollte womöglich auch Putin, um sein Draufgängerimage ein wenig wegzupudern, sich lieber einmal in progressiver Muskelentspannung üben, statt Muskelaufbautraining zu betreiben.

Das würde auch ihm helfen, um runterzukommen, aber auch um an der sozialen Distinktion teilzuhaben, die ihm andere seiner Klasse längst vormachen. Stretch as stretch can wäre dann Devise und zugleich ein Paradigmenwechsel gegenüber sich selbst und dem Rest der Welt.

Halten und Wippen - kein Muss für Allerweltsjogger

So nötig das Stretchen für Kraftprotze nach dem Krafttraining auch ist, um so genannte Kontraktionsrückstände zu verringern und Verkürzungen der Muskulatur nach dem Muskelspiel zu vermeiden, so unnötig ist das statische Halten (statisches Stretching) oder das wippende Federn (dynamisches Stretchen) für jeden Allerweltsjogger, der mal schnell 'ne Runde dreht.

Stretchen vor Publikum: High-End-Stretching

Aber auch von denen, das zeigen einfache Beobachtungen an der Seepromenade, geben sich etliche nicht zufrieden mit Halten und Wippen, sondern inszenieren ihr "High-End-Stretching" fast immer an einer der Bänke, auf denen die zur besten Tageszeit herumstreunenden Spaziergänger, Flaneure, Kinderwagen- und Rollatorschieberinnen und -schieber, Coachpotatoes und Hundegänger sich liebend gerne hinsetzen und, mit oder ohne Fiffi, ihren Auslauf genießen wollten. Wenn da nicht wäre, was Pierre Bourdieu schon als "feine Unterschiede" herausgearbeitet hat.

Mit Pferdeschwanz und Doppeldeckung

Natürlich hätte der Macho Putin seine Freude daran, die pferdebeschwanzte Joggerin mit ihren wippenden Brüsten zu sehen, die mit erhobenen Fäusten in Doppeldeckung jederzeit bereit ist, mit einem Punch der rechten Geraden, wie ehemals Regina Halmich gegen Stefan Raab, jede anzügliche Bemerkung eines vorlauten Machos zu quittieren. Der Punch als solcher jedenfalls läge ganz auf Putins Linie.

Weniger hätte er vielleicht für den eher schmalbrüstigen Langstreckenläufer übrig, der sich mit den Kompressionsstrümpfen bis zum Knie (meine Oma trägt sie allerdings auch) von den Promenadenjoggern abhebt, wie ein Sturmvogel von einer lahmen Ente.

Nur keinen prolligen Markenfirlefanz

Und da soziale Distinktion schließlich alles ist, kommen wir noch einmal auf das Stretchen zurück, das ja auch dem kleinen Gernegroß im Kreml so gut täte.

Der wahre, der wirklich sportliche, der Nicht-nur-einfach-so-Jogger flitzt schon lange nicht mehr durch Wald und Flur oder die Seepromenade auf und ab, und auch das Messen des eigenen Blutdrucks, des hochgetriebenen Pulsschlages, des Akohol- und Nikotinspiegels und der eigenen Durchschnittsgeschwindigkeit und der der anderen Mitflitzer in der Umgebung von 2 Kilomentern - und das noch mit einer prolligen AppleWatch am Handgelenk - all diesen unterirdischen Tand, hat der distinguierte Profi unter den Joggern längst hinter sich gelassen.

Der Nike-Swoosh ist out

Er weiß, dass das Herumrennen, und sei man auch noch so schnell und/oder schrill, teuer und und topmodisch gekleidet, gerade noch reicht, um sich von den an der Promenade faul Herumhängenden, aber als Publikum doch nicht ganz Verachteten, abzugrenzen.

Der Nike-Swoosh, die Adidas-Streifen an der Nylonjogginghose (Die HipHop-Fans mögen es mir verzeihen) und sonstiger Markenfirlefanz für die anderen, die unterschichtigen Mitjogger, sind bei den Mittelklasse-Joggern mit mehr kulturellem Kapital, sprich mehr Bildung, so was von out, weil sie zur sozialen Distinktion und ihrem zur Schau zu tragenden Habitus so gar nicht mehr passen.

Sozialraum Stretching

So konstituiert das endlose und ungemein professionell und distinguiert erscheinende Stretchen an der Seepromenade, markenfrei und nur über den Köper, wieder das ersehnte Sozialséparée, jenen klar abgegrenzten sozialen Raum der Lebensstile, der in der Masse der prolligen Lustwandler, Lustherumsteher oder Lustherumhänger an der Seepromenade für eine Weile verloren zu gehen drohte.

Stretch as stretch can als Therapie

Stretch as stretch can also solange, bis sich die anderen auch danach strecken - und, wer weiß, vielleicht ist es letzten Endes doch auch etwas für die Masse - sich an jeder Ecke und vor jeder Parkbank und mit jeder Faser des leibhaftigen Lebens zu strecken und zu dehnen, und dadurch noch älter zu werden! Solange alles wenigstens zur Entspannung beiträgt, könnte doch auch der größenwahnsinnige Kleine im Kreml besser stretchen als catchen.

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