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30/03/2016 08:21 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 07:12 CEST

Wer spricht eigentlich zu uns? Die Sprache der Angst lässt uns verdummen.

dpa

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Vor kurzem sagte mir ein Kollege auf einer internationalen Konferenz in Österreich, er mache sich über die Terrorgefahr nicht mehr so viele Gedanken. Er habe in einem Zeitungskommentar gelesen, es sei sehr viel wahrscheinlicher bei einem Verkehrsunfall umzukommen als im Zuge eines Bombenanschlags.

Diese nüchterne Logik erstaunte mich. War das zynisch oder Ausdruck eines rationalen Umgangs mit einer unsichtbaren Gefahr? Oder eben einfach Medienlogik? Jedenfalls sprechen wir in diesen Tagen gern darüber, was geschehen könnte. Das hat eine erleichternde Wirkung, befreit von den diffusen Schemen und Schreckensszenarien, die durch unsere Köpfe geistern.

Die entscheidende Frage ist: Wer spricht? Wer erklärt uns die Welt? Wer nimmt uns die Angst? Oder schürt sie? Und welche Sprache in uns formt unser Denken, unseren Mut, den wir offensichtlich nötiger haben denn je?

Die Stunde der Kolumnisten und Feuilletonisten

Obgleich auf hunderten Medienkanälen eine Unzahl von Experten auftreten, die entweder beschwichtigen oder schon das nächste Unglück am Horizont ausmachen, fällt auf, dass es die Stunde der Kolumnisten und Feuilletonisten ist, die gerade schlägt.

Man fühlt sich an das etwas sperrige Anfangskapitel von Hermann Hesses berühmten Roman „Das Glasperlenspiel" erinnert, das mit einer gesellschaftskritischen Analyse der bürgerlichen Welt beginnt. Als Kernproblem wird hier die Geschwätzigkeit des „feuilletonistischen Zeitalters" beschrieben. Die Welt erklärt durch Feuilletonisten, durch Rund-um-die-Uhr-Spezialisten. Durch das Medium der Kolumne. Durch die Verkürzung auf ein paar Fakten und Meinungen.

Das „feuilletonistische Denken" scheint heute, trotz Zeitungskrise, auf einem neuen Höhepunkt zu sein. Das ist keine Kritik an den Journalisten im Lande. Davon haben wir eine Menge sehr gute. Es geht vielmehr um die Formen der Information, die sie verwenden.

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Diese Unart innerhalb von Kolumnen, Kommentaren, TV-Berichten und Twitter-Nachrichten Verbindungen herzustellen, die logisch klingen, ohne substantiell zu sein. Alles gehört dann mit allem irgendwie zusammen. Die Osterbotschaft der Bibel mit den Flüchtlingen, die Weltreligionen mit der Beschaffung eines Sprengstoffgürtels, das Buchen eines All-Inclusive-Urlaubs im Nahen Osten mit den Schriften Hassan Al-Bannas.

Originell soll es sein, spannend, aufsehenerregend - schon die Überschriften bei Online-Artikeln sind ja so konstruiert, damit man auf den Artikel klickt. „Jesus, der Terrorist"; „Wollen wir den totalen Krieg?", „So schön war Syrien noch vor fünf Jahren" - Originalüberschriften der letzten Tage aus deutschen Online-Qualitätsmedien.

Keine Frage, so funktioniert Journalismus. Ist dies jedoch die Sprache, die unsere Sorgen, Befürchtungen und Ängste zu berühren vermag? Führt sie dazu, dass wir ein Gesellschaftsdenken entwickeln, dass uns wappnet gegen die realen Gefahren einer hochkomplexen Welt?

Haben uns nicht große Geister der Sprachwissenschaften wie Viktor Klemperer immer wieder daran erinnert, dass in politischen Krisen immer zuerst die Sprache vor die Hunde geht? Wenig war in den Tagen nach Brüssel davon zu lesen, wie etwa Familien, die Menschen bei den Anschlägen verloren haben, mit ihrem Schmerz umgehen. Mit welchen Gefühlen gehen Servicemitarbeiter von Fluggesellschaften nun täglich an ihre Schalter?

Wenig war auch zu hören und zu lesen, was Muslime, die in Deutschland leben, generell für eine Einstellung zum Terrorismus haben. Wenn berichtet wurde, dann vorwiegend aus orthodoxen Moscheegemeinden. Fragen, wie gerade liberale Muslime nun Partner im Kampf gegen den Missbrauch ihrer Religion durch die Terroristen werden können, sind entscheidend und zugleich komplex.

Wie bekommt man das in eine griffige Überschrift? Differenzierung, Genauigkeit, Vorsicht vor voreiligen Schlüssen - das wären Haltungen aus dem viel beschworenen Wertekanon der europäischen Aufklärung. Aber verkauft sich das? Führt das zu Klicks? Wohl kaum.

Es ist die Stunde der Angst hinter der Angst

Und es ist die Stunde der Substantive. Werte verteidigen, Sicherheit schaffen, Menschenansammlungen meiden etc. Übersetzt man dies in Verben, zeigt sich schon die Komplexität. Im Hauptwort „Werte" steckt auch das weniger überzeugende „werten", im Wort „Sicherheit" das schwierigere Wort „sichern" (wie sichert man etwa sich selbst?), in der Menschenansammlung steckt das „sich versammeln" (etwas, das wir bei jeder Verabredung mit Freunden ständig tun).

Substantive sind Blöcke, Verben verflüssigen sie. Wir leben mit „Meinungen", wo wir nichts anderes tun können als etwas zu „meinen". Mitten in einer durchfunktionalisierten Gesellschaft wird spürbar, dass wir überfordert sind, dass wir nichts voraussagen können, dass unser analytischer Blick an Grenzen stößt.

Dieses Eingeständnis einer permanenten Überforderung könnte der Beginn sein, sich anders zu wappnen. Statt minütlich die neuesten Tweets und Kommentare zu checken, wie man es bei Mitreisenden in Berliner U-Bahnen ständig beobachten kann, wäre vielleicht ein Ansatz inmitten unseres irritierten Sicherheitsbedürfnisses, dass wir beginnen, wieder verstärkt das Gespräch untereinander zu suchen. Zusammenrücken, über die eigene Unsicherheit sprechen, Mitgefühl mit den vom Terror bereits Betroffenen zu äußern, Hilfe anzubieten, sinnvolle Schutzmaßnahmen der Zivilgesellschaft auszuloten.

Medien als Vermittler

Medien könnten genau hier viel stärker als Vermittler arbeiten. Zu substantiellen Wissensquellen hinführen, die in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt beispielsweise auf breiter Basis und kostenfrei fundierte Hintergrundinformationen auf hohem Niveau zur Verfügung; zahllose Hochschulen und Stiftungen habe ihre Studien und Forschungsergebnisse auf ihren Internetseiten bereitgestellt.

Viele Initiativen, interkulturelle Vereine, NGO´s und digitale Plattformen in Deutschland versuchen, komplexe politische und gesellschaftliche Sachverhalte an die Bürger und Bürgerinnen zu vermitteln und sie miteinander zu verbinden. Spektakulär ist das freilich nicht, aber eben auch nicht feuilletonistisch.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir das Wissen solcher Plattformen brauchen, um zu einem neuen Community-Verständnis zu gelangen. In Zeiten der Angst gibt es nur eine Lösung: das gemeinsame Gespräch von Bürgern, der Austausch von Wissen, das Zusammenstehen gegen die Bedrohung - auf Basis einer Sprache jenseits des Spektakulären.

Der Kulturmanager Ulrich Fuchs hat einmal den schönen Satz einer „Psychotherapie für Städte" geprägt und damit das Zur-Sprache-Kommen vieler kultureller Einflüsse und Stimmen gemeint. Eine solche „Psychotherapie" aus dem Geiste des Gesprächs und der Begegnung ist vielleicht ein besseres Gegengift gegen die Angst als das Vertrauen auf die dünne Informationsluft des für alles zuständigen Feuilletons.

Gernot Wolfram, Schriftsteller und Publizist, arbeitet zudem als Professor für Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Der leuchtende Augenblick - Über Menschen und Orte des Lesens" im Hentrich&Hentrich Verlag.

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