BLOG
02/10/2015 09:56 CEST | Aktualisiert 02/10/2016 07:12 CEST

Zurück in die Barbarei oder vorwärts in eine menschlichere Zukunft?

Die Flüchtlingskrise zwingt zum Umlernen und zu vernünftigen Entscheidungen - das Friedenspfeife-Kriegsbeil-Modell kann dabei helfen

Am Silvester 1999 nahmen die Menschen auf unserer Erde Abschied vom 20. Jahrhundert mit seiner Unmenschlichkeit und Barbarei, seinen Kriegen, Völkermorden und Holocaust und hofften auf ein besseres menschlicheres 21. Jahrhundert.

Doch was erleben wir jetzt?

Bürgerkriege in Syrien, Afghanistan, fürchterliche Gräueltaten und Elend an allen Ecken und Enden. Eine Völkerwanderung von Menschen, die vor Krieg und Vernichtung fliehen, hat uns erreicht. Eine Krise, die auch Europa und Deutschland zum Nachdenken, vernünftigen Entscheiden und Handeln zwingt.

Doch wie verhalten sich die Europäer?

Eine Reporterin stellt einem Vater auf der Flucht mit seinem Kind auf dem Arm ein Bein, so dass er stürzt. Hilfesuchende werden wie Vieh zusammengetrieben und unmenschlich behandelt oder weggesperrt. Politiker schachern wie auf dem Basar um Quoten, als hätten Flüchtlinge keine menschliche Würde und wären nur Zahlen. Wo ist Mitgefühl, Mitmenschlichkeit, gelten noch Menschenrechte? Versinken wir immer tiefer in die Barbarei?

Doch die Sehnsucht der Menschen nach einem menschlichen Zusammenleben auf unserem Erdball lebt weiter. Ein Foto ging durch die Welt und rührte die Menschen. Ein Vertreter staatlicher Gewalt, ein dänischer Polizist, kauert vor einem Flüchtlingskind aus Syrien und bringt es zum Lachen.

Oder der Mann in Deutschland, der sich selbst in die Lage der Flüchtlinge versetzt, seine Arbeit verlässt, Lebensmittel und Getränke an den Bahnhof bringt, um sie Flüchtlingen zu schenken, und der auch seinen Pullover einem Frierenden reicht.

Doch wie soll man das alles verstehen und richtig handeln?

Konflikte begleiten immer das menschliche Zusammenleben. Wenn Menschen sich begegnen, können unterschiedliche Interessen, Wertungen, Haltungen, Kulturen aufeinanderprallen, ein Streit oder Konflikt bricht aus. Jetzt kommt der Moment, der das weitere bestimmt: Die Gegner müssen entscheiden, ob sie ihren Konflikt menschenfreundlich oder menschenfeindlich regeln wollen. Miteinander reden oder aufeinander einschlagen, das ist die Frage.

Die Indianer pflegten einst im Konflikt ein schönes Ritual: Entweder in Freundschaft miteinander reden und die Friedenspfeife rauchen oder feindlich das Kriegsbeil ausgraben und den Kampf und das Schlachten beginnen.

Hilfreich für das Verständnis ist eine Darstellung als Baum mit zwei Ästen, ein Lebens-Entscheidungsbaum mit seinen Folgen als Bild. Er zeigt die Situation, wie der weitere Ablauf gesteuert werden kann. Unser modernes Zusammenleben mit seinen vielen Möglichkeiten und steigenden Stress erhöht die Gefahr von Konflikten. Ein vernichtender Teufelskreis kann beginnen...

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel aus der Flüchtlingskrise: Ein anhaltender Ansturm von Hilfesuchenden überfordert das Land, Betten und Quartiere fehlen. Wie ist dieser Konflikt zu lösen, mit Worten oder Waffen?

Zwei Möglichkeiten stehen zur Wahl:

1. Menschenfeindlich „mit Kriegsbeil", instinktiv und ohne Nachdenken blind zuschlagen, ohne Mitgefühl für die Flüchtlinge:

Mit (staatlicher) Gewalt und erheblichen Kosten und Schäden:

Das Land abschotten, absperren, Zäune, Stacheldraht, Wasserwerfer, Tränengas Grenzkontrollen, Verhaftungen.

2. Menschenfreundlich, friedlich, vernünftig, überlegt, ohne Gewalt und durch Gespräch (ohne nachhaltige Kosten und Schäden):

Der Innenminister des Ziellandes redet mit den Flüchtlingen an der Grenze, natürlich in einer Sprache, die sie verstehen. Zur Begrüßung lässt er einen Imbissbeutel mit Getränk unter den Anwesenden verteilen. Dann hält er die Rede, darunter:

„Liebe Frauen und Männer, liebe Kinder aus fernen Ländern!

Ihr habt unglaubliche Strapazen und Leid erlitten.

Sie möchten nach Deutschland. Deutschland ist ein schönes, aber auch ein kompliziertes Land. Bei uns muss alles seine Ordnung haben. Unsere deutsche Sprache ist eines der kompliziertesten in der ganzen Welt. Wer von Ihnen beherrscht schon Deutsch?

Für die vielen, die Deutsch lernen möchten, habe ich Broschüren mitgebracht - auch im Beutel -, sie enthalten die wichtigsten deutschen Worte und wie sie ausgesprochen werden.

Doch wir haben jetzt ein Problem: Deutschland hat schon viele Flüchtlinge aufgenommen. Wir sind jetzt am Limit und schaffen nicht mehr. Doch Deutschlands Grenze wird für Hilfsbedürftige nicht geschlossen! Wer zu uns nach Deutschland kommt, soll wenigstens ein ordentliches Zuhause und sein Bett bekommen. Daran arbeiten viele Deutsche mit ganzer Kraft Noch sind wir noch nicht so weit, doch wir werden es schaffen - in einer Woche. Yes, we can!

Bitte geben Sie uns noch diese Woche Zeit, bis alles für Ihren Empfang vorbereitet ist. Und Sie können diese Zeit nutzen, um etwas Deutsch zu lernen.

Herzlichen Dank für Ihr Verständnis! Bitte warten Sie. In einer Woche holen wir Sie hier mit Bussen und Zügen ab."

Menschenfreundliche Entscheidungen, "die Friedenspfeife miteinander rauchen" dauern zwar länger als schnell "das Kriegsbeil ausgraben" und zuschlagen, doch sie sind am Ende nicht nur angenehmer, sondern nützlicher, erfordern weniger Aufwand und richten keinen Schaden an...

Wir müssen lernen, den verbreiteten humanitären Analphabetismus im Umgang mit Konflikten zu überwinden, uns einfach vernünftig und menschlich verhalten, auf allen Ebenen in der Gesellschaft, von der Familie über die Schule und Arbeit, zwischen Menschengruppen, Organisationen sogar ganzen Ländern.

Wir müssen lernen, öfter die Friedenspfeife zu rauchen, miteinander zu reden und das Kriegsbeil zwischen uns vergraben (lassen). Für ein besseres Zusammenleben der Menschen auf unserer Erde, für eine menschlichere Zukunft ohne Barbarei..

Und voran müssen die gehen, die Macht und Einfluss auf andere Menschen haben - oder sie sind für das Führen von Menschen menschlich ungeeignet.

2015-09-30-1443628086-6673490-Unbenannt.png