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15/10/2015 06:18 CEST | Aktualisiert 15/10/2016 07:12 CEST

Wie ich in nur 1 Sekunde den lästigen Alten Fritz los wurde

Thinkstock

Was die Schweizer in die Welt setzen, hat den Reiz des Originellen. Denken Sie an die Schweizer Uhren, den Schweizer Käse und die Schweizer Leichenfinger. Letzteres ist ein hochdelikates Mandelgebäck mit Vanillegeschmack und dem Aussehen eines bleichen Zeigefingers. Ich kann es Feinschmeckern und Leckermäulchen nur wärmstens empfehlen.

Zu den Schweizer Originalrezepten gehört auch ein Schlafsessel in Schalenform. Ein bekannter Nacht-Express ist damit ausgerüstet.

Das fand ich interessant. Einmal die ganze Nacht verbringen in einem rollenden Zug und noch dazu in einem Schweizer Schlafsessel, der an die Form eines vergrößerten Baby-Tragekorbs erinnerte! Was könnte interessanter sein?

Die Nacht kam heran und verging. Ich hatte es mir in der Schale - so gut es ging - bequem gemacht und schlief die ganze Nacht bis zum Reiseziel. Dort wollte ich meine Nachtschale verlassen, doch es ging nicht mehr.

Ich war festgeschraubt, kam nicht mehr aus meinem Sessel. Meine Wirbelsäule hatte sich so perfekt an die Schale angepasst, dass ich sie nicht mehr strecken konnte. Ein mächtiger Hexenschuss war mir ins Kreuz gefahren, ich konnte nur noch gebeugt gehen, im rechten Winkel, wie es Friedrich der Große, der Alte Fritz, es einst getan hatte oder inszenierte. Es war höllisch!

Mein erster und ich hoffte, rettender Gedanke, trug mich schnellstens als Notfall zu meinem Orthopäden. Die Arzthelferin empfing mich ungehalten, wo denn mein Überweisungsschein sei. Ich besaß keinen. Gebückt und demütig zuckte ich mit der Schulter.

Dann wartete ich auf den Herrn Doktor. Dieser meinte kurz, er wäre selbst krank und ich müsste erst eine Überweisung vom Hausarzt vorlegen. Punkt. Das war die orthopädische ärztliche Nothilfe...

Da ich keinen Hausarzt hatte, versuchte ich mein Glück bei anderen Ärzten humpelnd und gebeugt - wie der Alte Fritz - nur der Stock fehlte. Die Arztbesuche waren eine quälende Odyssee und jeder hatte einen anderen Gesundheitsrat auf Lager:

Der zweite Arzt sagte, ich müsse erst zum Röntgen gehen.

Der dritte sagte, ich müsse erst zum MRT gehen.

Der vierte empfahl mir dringend eine sofortige Bandscheiben-Operation.

Der fünfte empfahl mir, erst einmal fünf Kilo Bauchspeck abzunehmen, um die Lendenwirbel zu entlasten.

Der sechste empfahl mir einen innovativen opto-magnetischen Schock im Lendenbereich mit stichgenauer Akupunktur.

Der siebte bot mir eine geheime Supersalbe, die auf der Welt nur seine Frau in ihrem Kräutergarten zusammenbraute.

Der achte empfahl mir eine Spezialkur in Bayern, die ich sofort antreten müsste, damit sie ihre exzellente Wirkung entfalten könne.

Der neunte empfahl mir eine Flasche mit griechischen Schnaps, den Ouzo, der Wunder wirke, den Lendenbereich sofort lockere.

Der zehnte empfahl mir zur Linderung meiner Beschwerden: Nach einem aufwärmenden Schattenboxen (Qui Gong) allabendliche Stoßgebete an die untergehende Sonne zu senden.

Alle diese Besuche mit dem Alten Fritz im Kreuz hatten mich in einen Zustand totaler Erschöpfung und Verzweiflung versetzt, ich war am Boden zerstört...

Zur Abwechslung und Erbauung beschloss ich einen Besuch im Zoo. Und ich hoffte von unseren unmittelbaren Vorfahren (Homini) zu lernen, wie man mit einem Alten Fritz umgeht. Ich besuchte die munteren Menschenaffen, die Gorillas, und beobachte ihr Verhalten.

Unter den Affen entdeckte ich keinen Alten Fritz, entweder sie watschelten und hüpften alle munter und gesund auf dem Erdboden umher oder schwangen sich oben in der Luft, mit Lust und Laune, von Ast zu Ast.

Ich wandelte zwar nach der Art unserer Vorfahren auf der Erde, doch ich schaukelte nicht mit den Armen an Baumästen. Das war's! Das war die Geburtsstunde meiner rettenden Idee zur Selbsttherapie meines Hexenschusses.

Gekrümmt schlich ich durch die Gegend und suchte nach Bäumen und Ästen, die zum Affen-Schaukeln geeignet waren. Das war nicht einfach, einen Unfall wollte ich vermeiden. Doch dann stach mir eine alte Klopf- und Wäschestange ins Auge, stabil gebaut und Vertrauen erweckend. Ich biss die Zähne zusammen und eilte zur Stange, holte tief Luft und hievte mich hoch, ließ mich dort vorsichtig und locker aushängen und schaukelte sacht.

Da geschah ein Wunder: Es machte in der Nähe "Kkrrh", nein, es kam sogar direkt aus meinem Kreuz. Ich brauchte einen Moment, um mich von dem Schreck zu erholen. Und dann verließ ich die Wäschestange. Ich hatte den gebückten Alten Fritz und die Anpassung meines Rückgrats an den Schweizer Schalensessel vergessen.

Ja, Unglaubliches war geschehen: Ich war nach 1 Sekunde wieder Mensch, konnte wieder wie ein gelernter Zweibeiner aufrecht gehen.

Erinnerung soll man ehren. Die Erinnerung an unsere Vorfahren war die Rettung. Einfaches Nachahmen hatte mich geheilt - ohne jeden Arzt oder Kurpfuscher oder Apotheker...

Seitdem ist natürlich keine Wäschestange vor mir sicher. Ich hänge mich daran, denke an unsere Homini-Vorfahren und wie meine moderne alltags-, pflaster- und asphaltgestauchte Wirbelsäule sich langsam und wohlig streckt und dehnt. Der Alte Fritz besuchte mich bis jetzt nie wieder.

Auf den Dank meiner Krankenkasse, des Gesundheits-Ministeriums und notleidenden Gesundheitswesens für diese preiswerte Selbsttherapie eines fürchterlichen Hexenschusses warte ich heute noch. Ebenso auf das Protestschreiben der zehn Ärzte, deren Therapievorschläge ich respektlos ignorierte.

Doch Geduld! Es kann ja noch werden...

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