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28/12/2015 08:36 CET | Aktualisiert 28/12/2016 06:12 CET

Weihnachtsanekdote 5: Wie diese Katastrophe am Heiligabend doch nicht passierte

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Alle Jahre wieder kommt es, das schönste Fest des Jahres: Weihnachten. Und mit ihm die wunderbare Christvesper der Kruzianer, des Dresdner Kreuzchores, eines der berühmtesten und ältesten Knabenchöre der Welt. Sie werden stets musikalisch begleitet von einer furiosen Orgel, einem Orchester, Gitarren, Oboen, Harfen, Triangeln, Violoncellos, Kontrabässen und Blechbläsern, auch geblasen von kräftigen jugendlichen Lungen - hoch oben auf der Empore, dicht neben der Orgel.

Welche Eltern, Großeltern, Urgroßeltern werden ihren Kindern nicht in dieses großartige musikalische Erlebnis, Jugendfrische pur, gönnen? Und doch wäre mir dabei beinahe eine Katastrophe passiert - mit meiner zweijährigen Enkelin Mia. Und etwas Ähnliches kann Ihnen auch passieren...

Schon anderthalb Stunden vor Beginn standen Mia und ich an der Einlasspforte zur Kreuzkirche und hofften auf einen guten Sitzplatz, ganz vorne im Altarraum, denn die Kruzianer singen nicht nur so himmlisch, sondern sie führen auch gleichzeitig ein kleines Krippenspiel im Altarraum auf. Das Ende der Schlange der wartenden Vesperbesucher vor der Kreuzkirche war schon nicht mehr zu überschauen...

Doch wir schafften es schließlich und die herrliche Musik und die wunderbaren Gesänge der Kinder und Jugendlichen rissen uns mit, Mia standen Augen, Ohren und sogar der Mund offen. Ich freute mich über die erhoffte Wirkung der wunderbaren Gesänge und Klänge.

Und dann steigerte sich das Ganze. Während des Liedes „Christ ist geboren" erschien im gemächlichen Gang eine kleine Gruppe Kruzianer, festlich adrett und altertümlich bekleidet mit schwarzen langen Umhängen, verziert mit einem blütenweißen schulterbreiten Kragen. Zwei, die Kleinsten, trugen feierliche lange Kerzen, die brannten und munter flackerten.

Da riss es auch meine Mia mit, sie wollte sich dazu gesellen, es den anderen nachmachen, einfach vorne mitgehen, mitsingen - oh Gott - und auch etwas anstellen - ich kannte sie so - alle Kerzen ausblasen, was sie so gerne tat. Schon wollte sie sich nach vorn stürzen, doch da verließen die Kruzianer schon feierlichen Schrittes gemächlich den Altarraum.

Meine Enkelin wurde nun immer unruhiger. Und sie wartete auf den nächsten Auftritt der jungen hübschen Knaben mit den goldenen Stimmen. Und sie begab sich schon in Startposition, um nach vorn zu stürzen. Ich ahnte Fürchterliches: Mia stürzt mit Hallo nach vorn zu den jungen Sängern, begrüßt alle der Reihe nach, fängt mit ihrer krähenden Stimme an mit zu singen und am Schluss alle feierlich leuchtenden Kerzen auszublasen. Schluss und aus und die Katastrophe da! Die Christvesper wäre gelaufen und völlig ins Absurde geraten.

Während des nächsten Liedes" Vom Himmel hoch, o Engel kommt" erschienen wieder acht hübsche Kruzianer in ihren Festkleidchen, zwei mit brennenden Kerzen und alle mit ihren himmlischen Stimmen. Doch das war noch nicht alles, sie trugen in ihrer Mitte eine kleine Krippe aus Holz und wiegten sie behutsam hin und her. Und in der Krippe schien sogar ein Kindchen oder Spielpuppe zu liegen. Welch' eine Aufregung und Spiel-Erwartung für Mia!

Jetzt riss sich Mia von mir los, mit offenen Armen flog sie ihren Kruzianer entgegen und zu dem Kindchen in der Krippe, das sie unbedingt sehen, anfassen und mitwiegen wollte. Verzweifelt stürzte ich hinterher und wollte die Katastrophe aufhalten, die schon ihren Lauf nahm. Kurz vor dem Altarraum aber erwischte ich sie noch am Anorak. Und ich zog sie auch zurück zu ihrem Platz - Gott sei Dank -ohne Geschrei und lautlos. Sie hatte sicher mein entsetztes Gesicht gesehen.

Ich verfrachtete sie nun neben mir am angestammten Platz und versuchte sie ohne Worte, aber mit festem Griff sicher festzuhalten. Doch sie wand sich wie ein Aal und wollte zurück zum Altar.

Der Rest der Vesper wurde ein zäher, anhaltender schweigender Ringkampf zwischen mir und Mia, der kein Ende nehmen wollte.

Endlich ging die Vesper zu Ende, als keine schmucken Kruzianer mehr erschienen und die Gemeinde lautstark und ziemlich falsch sang: „Oh, Du fröhliche, oh selige Weihnachtszeit."

Der Schluss- und Höhepunkt war erreicht! Ob durch diesen kräftigen Gesang oder weil die hübschen Sängerknaben nun endgültig weg blieben-jedenfalls Mia beendete plötzlich ihren Befreiungskampf gegen mich.

Ein Stein fiel mir von Herzen, ich atmete erlöst auf. Langsam leerte sich auch die Kirche mit der verklungenen Christvesper und der fast eingetretenen Katastrophe.

Über diese Christvesper mit Mia hatte wohl ein Schutzengel oder sonst eine Supermacht ihre Flügel ausgebreitet gehabt. Voller Dank über den letztlich glücklichen Ausgang entleerte ich am Ausgang mein ganzes Portmonee und steckte es gemeinsam mit Mia in die Sammelbüchse der Kollekte für die Kreuzkirche.

Allen Göttern und Engeln und dem glücklichen Zufall sei Dank, dass diese peinliche Katastrophe während der Christvesper doch nicht passierte.

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