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23/11/2015 06:29 CET | Aktualisiert 23/11/2016 06:12 CET

Warum Jung und Alt sich nicht verstehen

Thanasis Zovoilis via Getty Images

Neulich traf ich einen Bekannten. Er war überglücklich, einen Urenkel zu haben und zugleich äußerst unglücklich, weil die Verständigung mit ihm nicht klappte: „Mein Urenkel fängt an zu sprechen, ich freue mich auf das Gespräch. Doch ich verstehe kein Wort, nur fremdländisches Genuschel, nur Bahnhof, was Nichts bedeutet."

Später traf ich einen anderen Bekannten, einen Hochschullehrer, auf dem Weg zu seinen Studenten. Je näher er diesem kam, desto ängstlicher wurde er und umso mehr Schweißtropfen perlten ihm auf die Stirn. „Sind deine Studenten Menschenfresser und machen dir Angst?", war meine Vermutung. Doch er meinte: „Nein! Ich kann sie nur nicht verstehen, was sie mir im Seminar sagen. Und mein Hörgerät taugt auch nichts!"

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Nichtverstehen

Verstehen sich einfach Jung und Alt nicht? Wie geht es in Zukunft weiter? Und warum ist das so? Was ist der objektive Hintergrund für das Nichtverstehen, der oft übersehen wird, wenn Jung und Alt sich begegnen?

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment! (Man kann es natürlich auch in der Praxis anstellen mit entsprechend ausgewählten Personen und Technik). Es soll uns helfen, zu erklären und zu verstehen, warum sich Jung und Alt so schlecht oder gar nicht verstehen.

Stellen Sie sich vor, Sie beobachten in einer Schule eine Klasse mit jungen Schülern und vor ihnen steht oder sitzt ein alter Lehrer. Die Schüler sind gut gelaunt und wollen dem Lehrer ihre gerade trainierte Sprechfertigkeit in Deutsch vorführen und sprechen mit ihren hohen Kinderstimmen den bekannten Zungenbrecher: „Fischers Fritze fischt frische Fische; Frische Fische fischt Fischers Fritze." Sie sprachen klar und deutlich.

Der Lehrer mit seinem alten Gehör versteht jedoch die Buchstaben mit hohen Tönen nicht mehr, er ist etwas altersschwerhörig. Das betrifft die gesprochenen Buchstaben, den „Fauchlaut" „f" und den Zischlaut „s".

Nehmen wir den ersten Fall an: Der Lehrer versteht nur die hochtonigen „f" nicht. Was kommt in seinem Gehör und Gehirn an? Die seltsame gesprochene Silben- und Buchstabenfolge: „ischers ritze ischt rische ische; rische ische ischt ischers ritze."

Meist verstehen die älteren Herrschaften auch zusätzlich nicht den Zischlaut s. Was kommt jetzt tatsächlich im Ohr und in den grauen Zellen des Lehrers an? „i cher ritze i cht ri che i che; ri che i che i cht i cher ritze."

Buchstaben- und Silbensalat

Wenn der Lehrer nicht schon vorher wusste, was die Kinder sagen werden (weil sie in der Klasse "Fischers Fritz" schon geübt hatten) wird er kaum den von den Schülern gesprochene Text verstehen. Selbst die geniale Fähigkeit unserer grauen Zellen, fehlende oder falsche Buchstaben oder Silben oder Wörter während des Hörens blitzschnell und vernünftig zu ergänzen ist bei solchen Buchstaben- und Silbensalat überfordert...

Doch was passiert nun? Schauen wir dazu in die Köpfe der beiden Kommunikationspartner!

Der Lehrer hört nicht, was die Schüler ihm tatsächlich richtig vorgesprochen haben. Wenn er ein Lehrer vom Typ Knurrhahn ist, wird er den Schülern wegen schlechter deutscher Aussprache die schlechteste Note verpassen, je nach Land eine 5, 6 oder eine 1. Auf der anderen Seite sind die Schüler über den Lehrer erbost und fühlen sich - zu - Recht ungerecht behandelt. Die Stimmung und die Unterrichtsstunde sinkt gegen Null...

Auch das kann passieren: Die Schüler lachen über den Lehrer, der nicht einmal versteht, was sie so deutlich und deutsch gesprochen haben. Ein doofer Lehrer und nicht alle Tassen im Schrank. Auf der anderen Seite: Vielleicht ist der alte Lehrer ein cooler lockerer Typ - das soll es auch geben - er lacht über seine doofen Schüler. Jeder lacht über die stattgefundenen Missverständnisse, der Lehrer über seine blöden Schüler die Schüler über ihren Lehrer. Verbindendes Lachen aus unterschiedlichen Gründen und Missverständnissen.

Jung und Alt verstehen sich schlecht oder gar nicht wegen der unterschiedlichen Fenster der gesprochenen Tonhöhe, Tontiefe und Lautstarke der Sprachlaute vom absendenden Sprecher und empfangenden Hörer. Gute funktionierende Hörgeräte können den Mann mit dem alten Gehör, das immer weniger die hohen Töne wahrnimmt, eine gute Hilfe sein. In unklaren Fällen hilft nur eine Rückfrage, ob das so Verstandene auch richtig verstanden wurde.

Verständigungsfenster

Doch die handelsübliche Telefon- und Handytechnik verkleinert dieses gemeinsame entscheidende Verständigungsfenster zwischen Sprecher und Hörer. Die tiefen Töne (unter 300 Hz/ Schwingungen je Sekunde) und hohe Töne (über 3400 Hz), die wir gewöhnlich auch sprechen und hören, verschluckt die Technik (mit ihrer üblichen Bandbreite von 3100 Hz). Die beliebte, so gepriesene und begehrte moderne Kommunikationstechnik, trägt mit voller Kraft dazu bei, dass wir uns alle immer schlechter verstehen, nicht nur Jung und Alt...

Wir Menschen sind soziale Wesen, wir können nur leben und überleben in der Gemeinschaft und mit zwischenmenschlicher Kommunikation. Die härteste Strafe für die Menschen traf - nach dem Bericht der Bibel (Genesis 11,1-9) - die größenwahnsinnigen Erbauer eines Hochhauses, das bis in den Himmel reichen sollte, des Turms zu Babel. Es war eine harte göttliche Strafe: Keiner verstand mehr den anderen (babylonische Sprachverwirrung) und die Menschen wurden über die ganze Erde verstreut.

Wir wollen und brauchen einen solchen göttlichen Richter nicht, wir bestrafen uns schon selbst, indem wir begeistert eine mangelhafte Kommunikationstechnik nutzen, mit der wir uns gegenseitig nicht besser, sondern immer schlechter verstehen und uns damit zusätzlichen Stress im Alltag verschaffen.

Video: Endlich kann sie wieder hören: Mädchen weint Freudentränen

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