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07/04/2016 14:08 CEST | Aktualisiert 08/04/2017 07:12 CEST

Landtagswahl 2016: Wie uns die Medien an der Nase herumführen oder das große Volks-Verwirrspiel (Teil I)

dpa

Ich dacht', mich laust ein Elefant.

Wahlen sind ein Höhepunkt des demokratischen Lebens und der Berichterstattung in den Medien - vom Fernsehen über den Rundfunk bis zur Presse. Wahlen sind ein Spiegelbild des Zustandes einer Demokratie, sind ein Güte-Prüfstein.

Wenn man frei und ohne Vorurteile, ohne Parteibindung, ohne Werbe- oder Trinkgelder die Berichte über die letzten Landtagswahlen in Deutschland im März 2016 unter die Lupe nimmt, kann einem das Grausen kommen. Tatsache!

Gewählt wurde in den 3 Bundesländern: Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Die wichtigste Beobachtung ist: Gingen die Bürger zur Wahl oder blieben sie ihr fern, also die Wahlbeteiligung. Dann: Welche Partei wählten sie und welche wählten sie nicht?

Die berichteten Wahlergebnisse bieten einen verwirrenden Zahlensalat, ein klarer Durchblick ist gefragt.

Wahl-Beispiel

Ein einfaches Demonstrations-Beispiel hilft, die üblichen Irrungen und Wirrungen und Verwirrungen zu verdeutlichen: In einer Stadt mit 10.000 Wahlberechtigten soll das Stadtparlament gewählt werden. Wählern und Parteien ist das Wahltheater über.

Es findet sich nur ein einziger Wahlkämpfer, Herr Waff, für seine Partei, die HKP, die Hundeklo-Partei. Sie will für mehr Sauberkeit in der Stadt sorgen. Die Wahl findet statt. Niemand geht an die Wahlurne, es gibt ja Angenehmeres zu tun.

Nur Herr Waff gibt seine Stimme seiner HKP. Nach dem üblichen Schema der Wahlauswertung wird berichtet: Die Hundeklo-Partei ist strahlender Sieger mit 100 % der abgegebenen Stimmen und feiert eine tolle Siegerparty. Herr Waff freut sich auf seinen Amtsantritt als Bürgermeister. Man darf sich verwundert die Augen reiben.

Bezieht man die eine abgegebene Stimme für die eine Partei auf die Anzahl der Wahlberechtigten (Wähler plus Nichtwähler), so sieht das Ergebnis ganz anders aus. Die eine Stimme bringt ein Wahlergebnis von 0,01 % und nicht von 100 %. Jetzt wäre die Wahl wegen zu geringer Wahlbeteiligung ungültig und Herr Waff hätte keine Chance als Bürgermeister.

Sieger sind die Nichtwähler

Die Wählerstimmen auf die Anzahl Wähler zu beziehen, statt auf die Anzahl Wahlberechtigter, führt zu absurden Ergebnissen und zu falschen Schlussfolgerungen: Wahlsieger werden gefeiert, die keine sind. Wahlverlierer werden als Gewinner gefeiert, obwohl sie Verlierer sind. Wahlsieger werden einfach unter den Teppich gekehrt.

Genau diese Irrungen, Wirrungen und Verwirrungen zur Wahl passierten jetzt, quer durch den Medienwald. Nehmen wir das Wahlergebnis in Baden-Württemberg. Der strahlende und gefeierte angebliche Sieger ist Winfried Kretschmann von den Grünen mit 30,3 % der abgegebenen Stimmen, wie die "Welt" berichtete.

Das ist falsch und irreführend! Strahlender Sieger mit 29,6 % aller Stimmen sind die Nichtwähler, Kretschmanns Partei ist mit nur 21,3 % der Wahlverlierer - bezieht man sich vernünftigerweise auf die Wahlberechtigten.

Wahlergebnis nach oben geschönt

Die nachfolgende Grafik zeigt im Vergleich die ehrlichen Wahlergebnisse als dunkle Säulen, die irreführenden als helle. Durch den Bezug auf die abgegebenen Stimmen wurde das Wahlergebnis für die Parteien erheblich nach oben geschönt. Die Kleinen wurden größer und die Großen noch größer. Oho! Wer hat daran nur Interesse?

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Wie sieht es in Rheinland-Pfalz mit der strahlenden Siegerin Malu Dreyer und ihrer SPD aus? Die Zustimmung des Wählervolks, bezogen auf abgegebene Stimmen, betrug 36,2 %, jedoch bezogen auf die Stimmberechtigten nur 25,5 %. Wahlsieger und stärkste Partei sind mit ehrlichen 29,6 % wieder die Nichtwähler!

Und die FDP und Grünen, die mit der irreführenden Verschönerung die 5%-Hürde übersprungen haben, würden aus der weiteren öffentlichen Beachtung herausfallen.

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Und in Sachsen-Anhalt? Der kolportierte strahlende Wahlsieger ist die CDU mit Reiner Haseloff mit 29,8 % der abgegebenen Stimmen. Bezüglich der Wahlberechtigten ist seine Zustimmung jedoch nur 18,2 %, also nicht einmal jeder Fünfte wählte ihn.

Nichtwähler doppelt so stark wie CDU

Wahlsieger sind auch hier mit 38,9 % die Nichtwähler, Wahlverlierer Herr Haseloff. Eine Fraktion der Nichtwähler im Landtag wäre doppelt so stark wie die CDU. Der übliche Verschönerungs- und Vernebelungstrick! Die stimmen-kümmerliche Grüne und FDP fielen auch hier unter die reinigende 5 %-Klausel.

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Wenn man nun die Wahlergebnisse der Länder ohne die Nichtwähler vergleicht, was gerne geschieht, wirft man die nächsten Nebelkerzen unters Volk.

Die Siegerpartei der Nichtwähler zu ignorieren ist arrogant, unredlich und anrüchig. Woher nehmen Journalisten, Wahlforscher und ihre Abschreiber das Recht, das Volk so zu spalten? Statt Gleich-, Ungleichbehandlung! Kann man solchen Berichten und Medien noch Glauben schenken, ihnen vertrauen?

Das wichtigste und interessanteste Wahlergebnis: Die wahren Wahlsieger waren die Nichtwähler, der größte Teil des Wahlvolkes, und diese lässt man einfach in der Versenkung verschwinden - bedenklich für eine Volksherrschaft.

Große Volksverwirrung

Die Nichtwähler zeigen den anderen Parteien die rote Karte und verordnen Platzverweis. Doch die führenden Parteien und ihre Medienhelfer weisen die Nichtwähler vom Platz. Haben sie den Blick für die Wirklichkeit, die Menschen, und zwar alle Menschen im Lande, ohne Ausnahmen, verloren? Man kann seinen Augen nicht mehr trauen.

Man kann der Auffassung sein, Lug und Trug, Shows, Irreführung im Lande, die große Volksverwirrung, seien heute ein Markenzeichen der deutschen Demokratie. Dann o.k.

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Damit wäre der Blog am Ende.

Wer jedoch noch auf Offenheit und Ehrlichkeit setzt, und weiß, dass Unehrlichkeit und Wegschauen langfristig das Problem nur verschlimmern, hat jetzt ein Problem. Wie kann es gelöst werden?

Dafür ein paar Beispiele. Doch diese lernen Sie in meinem nächsten Blog kennen - denn hier fehlt jetzt der Platz.

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