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14/12/2015 07:43 CET | Aktualisiert 14/12/2016 06:12 CET

Gewaltfreie Erziehung und Therapie eines kleinen Autonarren mit Witz und Humor

David Pereiras Villagrá via Getty Images

Oh Graus! Ich dacht', mich krabbelt eine Laus! Und das im Nacken!

Doch es waren in der Straßenbahn keine Laus, sondern die Haare einer Frau. Sie hatte sich von hinten an uns heran gemacht hatte, um das Gespräch mit meinem Urenkel Leo zu belauschen. Sie wollte wissen, warum wir beide immer wieder lachten. Vielleicht war sie vom Kinderschutzbund, eine Psychologin, Pädagogin, Mitarbeiterin eines Horchclubs oder einfach eine neugierige Oma.

Leo ist 7 Jahre alt, ein liebes aufgewecktes Kerlchen - sofern ihn nicht eine deutsche Narretei antreibt. Das muss nicht sein! Ich führte deshalb mit Leo ein spannendes Erziehungsgespräch.

Leo teilte seine Narretei mit ausgewachsenen deutschen Autonarren. Das Auto ist ihr liebstes Kind. Ohne ein Auto in Griffweite konnte auch der kleine Leo nicht sein. Kleine Autos jeder Sorte und vieler Hersteller trägt er mit sich herum, versteckt in der Hosentasche, Jackentasche, auch sein Kinderzimmer ist randvoll. Ein Anbau ist bald fällig. Bald wird er eine Mütze in Form eines Autos tragen... Ein Leben für Leo ohne Spielautos geht nicht. - Manchmal macht Leo einen gestressten Eindruck, ich weiß dann, er hatte zu viel Autos in seinem Bett in seinen Schlafanzug gesteckt und darauf schlecht geschlafen. Seine Autonarretei machte gerade vor Weihnachten ihn zu einer Nervensäge neuester Bauart.

Doch was war der Auslöser dieses spannenden Gesprächs?

Wir gingen im Flughafen spazieren. Mit seinem scharfen Adler-Auto Auge hatte er in einem Souvenirladen Spiel-Autos entdeckt, die noch in seiner Sammlung fehlten. Für Leo spielte der Preis natürlich keinerlei Rolle. Doch für uns. Der Konflikt war da...

Ich begann das pädagogisch spielerische erzieherische Gespräch ganz nüchtern mit der Feststellung von Tatsachen:

„Leo, Du bist ein Autonarr und hast einen mächtigen Autotick. Dein Tick tickt schon wieder ganz schön!"

Leo reagierte verspielt und fröhlich: „Ja, Opa, er macht tick, tick, tack."

Ich darauf ernst: „Leo das ist eine ganz verdächtige Sache. Ich glaube, Du musst wegen des Ticks in Deinem Kopf zum Arzt."

Leo begeistert: „Ja, prima, ich gehe immer gern zum Arzt. Es ist immer ein Abenteuer! ".

„Wunderbar, du gehst bald zum Arzt und sagst: Lieber Doktor, ich muss immer an Autos denken, es macht bei in meinem Kopf immer hup-hup-hup, immer tick-tick-tack, wieder ein neues Auto - rein in meinen Auto-Sack."

Leo hatte es die Sprache verschlagen, er brauchte Zeit, um das Gehörte zu verdauen. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus. Ich setzte fort und zeigte beständig einen gekrümmten rechten Zeigefinger: „Und du musst dem Doktor dann sagen: Lieber Doktor Schrille, geben Sie mir gegen meinen Autotick eine Pille!"

Leo konnte sich nicht mehr halten und bekam einen Lachanfall. Meine komische Therapie zeigte erste Wirkung. Nachdem er verklungen war, hatte Leo einen neuen Auftrag für mich:

"Das ist lustig, Opa, das musst du noch einmal erzählen!"

Und ich begann als Wiederholungstäter meinem Urenkel zu erzählen:

„Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Leo. Der dachte immer an Autos und wollte immer nur mit Autos spielen und immer mehr Autos haben. Bis sein Zimmer aus allen Nähten platzte und die Autos - weil sie im Zimmer keinen Platz mehr hatten - sogar aus dem Schüsselloch gekrochen kamen. - Leo ging zum Doktor und sagte: „Doktor Rille, ich habe einen Vogel, einen fetten Piepmatz im Kopf. Der zwingt mich, immer an Autos zu denken: Pick, pick, Pack. Herr Doktor Schrille, geben Sie mir bitte eine Pille gegen meinen Piepmatz."

Leo meinte: "Das ist noch lustiger! Opa, das musst du noch einmal erzählen!"

Ich fühlte mich als Erzählungs- und Therapie-Wiederholungstäter und die Fortsetzung hörte sich so an:

„Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Leo. Er dachte immer an neue Autos und in seinem Kopf - hör schön zu! - war eine wichtige Autoschraube locker. Er ging zum Arzt und fragte ihn: lieber Doktor Topf, haben Sie eine schrille Pille gegen meine lockere Schraube im Kopf?"

Leo bog sich vor Lachen bekam den nächsten Lachanfall. Ich befürchte schon das Schlimmste. Es passierte schon. In Höhe seiner Harnblase erschien auf Leos Hose ein feuchter Fleck. Als verständnisvoller Partner, Erzieher und Therapeut lenkte ich meinen Blick beiseite.

Leo fasste die erlebte Therapie zusammen: „Das war richtig lustig!"

Ich widersprach: „Das war noch nicht lustig. Das Wichtigste kommt noch und erst am Schluss!"

„Und was Opa?", wollte Leo wissen.

„Dein Doktor, den du immer mit deinen Leiden im Kopf besucht hast, lacht sich über deinen Wunsch nach einer Pille tot, platzt vor lauter Lachen mit einem lauten Knall und fällt mausetot um. Was machst du nun, kleiner Patient?"

Leo dachte lange nach und erklärte: „Wenn der Doktor sich wegen mir tot gelacht hat, gebe ich ihm die Pille zurück, die er mir gegeben hat. Dann wird der Doktor wieder lebendig!"

"Klasse!" lobte ich und fasste zusammen: „Der Arzt hatte dich mit einer Pille behandelt und du, Leo, behandelst den Arzt mit dieser Pille."

Leo wollte mir zeigen, dass er sich die Spaßgeschichte gemerkt hatte, trug er sie mir vor, mit kreischend hoher Kinderstimme, mit atemberaubenden Tempo und einer wilden Körpersprache, bei der alle beweglichen Gliedmaße nutzte. Es verblüffte mich so, dass mir der Atem wegblieb.

Die Horcherin in der Straßenbahn hinter mir staunte mich an, als käme ich von einem anderen Planeten.

Das war das Protokoll meiner Witztherapie des Autoticks von Leo in der Straßenbahn.

Sie hatte nachhaltige Wirkung. Wenn ich gegenüber Leo nur den gekrümmten Zeigefinger erhob, erinnerte er sich an seinen Doktor-Besuch und begann zu lachen.

Die Autonarrheit war verschwunden und hatte sich in Nichts aufgelöst.

Gewaltfreie Erziehung und Therapie mit Witz und Humor und Spiel funktionieren und machen sogar allen Beteiligten himmlischen Spaß.

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