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24/09/2015 15:00 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 07:12 CEST

Ein Herz für Tiere und was danach Schreckliches geschah

Diese seltsame, rührende und globale Lebensgeschichte des barmherzigen Arztes Dr. Meier (den Namen habe ich geändert) sollten Sie kennen:

Eines Tages ging der Dr. Meier den üblichen Weg in seine Praxis. Sein Blick blieb an einem Werbe-Plakat hängen, darauf hielt ein kleiner Hund seine verletzte Pfote dem Betrachter hin. Die Hundeaugen waren verdreht, zeigten Weißes und flehten um Hilfe. Das gab Dr. Meier einen Stich ins Herz. Über dem Foto stand: „Habt ein Herz für Tiere!" und löste so eine Kette dramatischer Ereignisse aus.

Vor seiner Praxis traf er einen herrenlosen Straßenköter, der humpelte, weil seine Pfote verletzt war. Er nahm ihn mit in seine Praxis und behandelte ihn. Dann setzte er den Köter auf die Straße, wünschte ihm zum Abschied gute Besserung und alles Gute für sein weiteres Hundeleben.

Am nächsten Tag stand dieser Hund wieder vor seiner Tür, wedelte fröhlich und dankbar mit seinem Schwanz. Neben ihm lag ein anderer verletzter Hund und schaute ihn flehend an. Dr. Meier mit dem guten Herzen freute sich über den dankbaren ersten Hund und behandelte hilfsbereit auch den zweiten.

Am nächsten Morgen hatte er die Hunde vergessen, doch sie saßen schon wieder vor seiner Tür, seinen beiden Bekannten und daneben zwei neue Patienten. Alle begrüßten den Mann mit dem Herzen für Tiere mit freundlichem Gebell. Das rührte Dr. Meier, und er behandelte auch die neuen Patienten.

Ein Tag verging, ein neuer kam. Dr. Meier hatte die Hunde wieder vergessen, als er vor seiner Praxis vier Genesende und vier Neuverletzte traf, die ihn fröhlich begrüßten. Solche Anhänglichkeit rührte ihn, und er behandelte auch die vier Neuen.

Am nächsten Tag fand er von seiner Praxis eine Ansammlung von Hunden, einige hatten Frauchen oder Herrchen mitgebracht, die auch Behandlung brauchten. Der Weg zu seiner Praxis war blockiert, die Hunde bellten um die Wette mit ihren bettelnden Besitzern. Passanten gesellten sich dazu, schimpften über die Behinderung und den Hundedreck. Andere freuten sich über das Geschehen, von dem das Fernsehen keine Notiz nahm. Dr. Meier mit seiner Durchhalte-Natur holte seine Frau zur Verstärkung, um den Massenansturm zu bewältigen. So ging das Tag für Tag, bis die Anzahl der alten und der neuen Patienten nicht mehr zu zählen war.

Eine Polizeistreife, die das Tohuwabohu ordnen wollte, wurde von aufgebrachten Hunden gebissen und in die Flucht gejagt. Sogar gebissene Polizisten stellten sich mit in der Schlange vor seiner Praxis an. Die Straße war blockiert, der Unmut der Anwohner, Fußgänger und Autofahrer wuchs.

Am Abend gab es die erste Demo, Sprechchöre skandierten "Hunde raus!", „Weg den Hundedreck", andere riefen "Mehr Herz für Hunde", „Mehr Herz für Menschen", „Weg den Doc und zu den Hunden!".

Die aufgeregten Massen gerieten aneinander, erst eine Polizeieinheit mit Hundestaffeln trieb sie auseinander. Doch die Hunde-Patienten und die Hundestaffel der Polizei gerieten aneinander, verkeilten und verbissen sich.

Am Schluss gab es neue verletzte Hunde, einem Hund der Hundestaffel war sogar die Spürnase abgebissen worden. Alles weitere Patienten für den am Boden zerstörten Arzt mit dem großen Herzen für Mensch und Tier.

Nachdem die Stadtverwaltung sich des Problems angenommen hatte, wurde es ganz dick für ihn: Zunächst bekam er eine Ordnungsstrafe wegen Störung der öffentlichen Ordnung und des öffentlichen Verkehrs. Der Einsatz der Polizisten mit Hundestaffeln wurde ihm in Rechnung gestellt, außerdem die Fachreinigung und Desinfektion der Straße. Und eine besonders hohe Rechnung von Dr. Meier selbst, für die handgefertigte Hundenasen-Prothese für den nasenamputierten Polizeihund. Außerdem bekam er die Aufforderung, sofort außerhalb der Stadt seine Hunde- und Menschenpraxis zu betreiben.

Barmherziges Gutsein hat seine Grenze und die war für Dr. Meier jetzt überschritten. Nach einer schlaflosen Nacht voll wilder Gedanken begann er am nächsten Morgen sein Tagwerk und behandelte die Patienten wie gewohnt. Der letzte Hund, ein weißer Pudel, trug ein goldbesticktes Halsband. Darauf stand in fremder Schrift der Name des Hundebesitzers. Dr. Meier sah seine Schicksalsstunde gekommen: Er ermittelte den Besitzer des Hundes im fernen weiten Südosten, scheute keine Mühe und kein Geld um weit weg in das Heimatland des Pudels und zu seinem Besitzer zu reisen.

Das tragische Ende Dr. Meiers fasse ich kurz: Mit Flugzeug, Jeep, Kamel und Esel landete er an seinem unaussprechlichen Ziel. Doch das ferne Land war ein seltsames Land: Hunde bestimmten den Alltag, waren heilige Tiere und hatten überall Vorrang, sogar im Straßenverkehr. Autos und Busse stoppten - sobald ein Hund nahte. Diese Vierbeiner waren so heilig, dass sie nicht angefasst werden durften - nicht einmal von einem Arzt.

Doch wieder sah er einen Verletzten und der ihn flehentlich ansah. Dr. Meier holte seinen Arztkoffer mit Salben, Spritzen und Binden und wollte das Tier behandeln. Doch im Nu war er von einer Traube von Menschen umzingelt, die wild gestikulierten, unverständliche Laute ausstießen und ihm den Hund entrissen.

Doch dies war nach all dem Erlittenen Dr. Meier zu viel. Er griff sich ein allerletztes Mal an sein Herz und verstarb an Ort und Stelle, fern der Heimat und fern von seiner Frau, an gebrochenem Herzen. Sein letzter Seufzer war: "Liebe Leute, beachtet keine zu Herzen gehende Werbung!"

Seine Frau reiste ihn nach, als sie vom Tod ihres Mannes erfahren hatte und kümmerte sich um seine Beerdigung an der Stelle, wo er an gebrochenen Herzen verstorben war, und sie ließ einen Gedenkstein in Form eines Herzens und in Rot errichten.

Falls Sie durch diese ferne Wüste reisen und Sie stoßen auf diesem seltsamen Grabstein mit der Inschrift: „Hier ruht Dr. Meier, mit dem großen Herzen für Tiere, dem fern der Heimat das Herz brach" so wissen Sie Bescheid.

(Ich danke Mark Twain für seine Anregungen.)

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