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15/12/2014 11:53 CET | Aktualisiert 14/02/2015 06:12 CET

So wäre eine Welt, in der Frauen mehr Lust auf Sex haben

Kommen wir zu einem Teilmarkt der Ökonomie der Sexualität, auf dem sich Frauen in einer stärkeren Verhandlungsposition befinden: dem Markt für Gelegenheitssex oder sexuelle Abenteuer. Die Ursache dafür ist das empirisch feststellbare männliche »Sexualdefizit«.

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Kommen wir zu einem Teilmarkt der Ökonomie der Sexualität, auf dem sich Frauen in einer stärkeren Verhandlungsposition befinden: dem Markt für Gelegenheitssex oder sexuelle Abenteuer. Die Ursache dafür ist nach der Auffassung der britischen Soziologin Catherine Hakim das empirisch feststellbare männliche »Sexualdefizit«.

Hakim hat eine große Zahl von Studien und Umfragen zu diesem Thema ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis: »Die Umfragen zeigen, dass über das ganze Leben betrachtet das Bedürfnis nach sexuellen Aktivitäten jeglicher Art bei Männern beträchtlich größer ist als bei Frauen.«

Die Zahl der Männer, die in ihren Beziehungen häufiger Sex wollen, liegt erheblich über der Zahl der Frauen. Es gibt eine nicht unerheblich große Zahl von Frauen, deren Interesse an Sex gering ist. In Australien erklärt etwa die Hälfte aller Frauen, dass sie zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens sexuelle Unlust empfunden haben. Amerikanische Studien beziffern die Zahl der Frauen mit besonders geringem Interesse an Sex mit einem Viertel bei jüngeren und einem Drittel bei älteren Frauen. (...)

Der Nachfrageüberhang bei Männern erhöht die Verhandlungsposition von Frauen

Entscheidend für unsere Analyse ist, dass es empirisch nachweisbare Unterschiede bei den sexuellen Interessen gibt und diese für die Verhandlungspositionen auf dem Markt für sexuelle Beziehungen relevant sind. Die hohe Zahl der Frauen mit geringem Interesse an Sex führt zu einem Nachfrageüberhang bei Männern und einem Angebotsdefizit auf der Seite der Frauen. Das verbessert die Verhandlungsposition von Frauen, wenn es um das Aushandeln der Bedingungen für Gelegenheitssex geht.

Sex wird von mehr Frauen als Verhandlungsinstrument eingesetzt Dementsprechend setzen auch mehr Frauen als Männer Sex als »Verhandlungsinstrument« ein. Hakim schreibt über die Forschungsergebnisse der Eheberaterin und Psychologin Bettina Arndt: »Sex schien im Dialog zwischen zwei Partnern ein genauso gewichtiges Mittel zu sein wie Geld.

Frauen entzogen sich ihren Männern, um sie zu bestrafen, wenn sie sich nicht so verhielten, wie sie es gerne hätten, oder boten Sex als Belohnung an, um einen Mann zu überreden, ihnen einen Wunsch zu erfüllen, beziehungsweise um sich zu bedanken, wenn er das getan hatte. (...)

Der Preis für Gelegenheitssex

Das statistisch messbare Interesse von Frauen an Gelegenheitssex mit Männern ist im Vergleich zu deren Wünschen gering; die Frauen, die dazu bereit sind, können deshalb den Preis in die Höhe treiben. Darum verdienten nach der Auswertung der vorliegenden Quellen Frauen mit Sexarbeit in der Regel das Doppelte bis Vierzigfache der Stundenlöhne, die sie in anderen Tätigkeiten verdienen können.

Das ist auch ohne Zweifel die Hauptmotivation von Frauen, in diesem Gewerbe tätig zu werden.

Märkte werden also bestimmt durch die Präferenzen der Individuen, die sich auf diesen Märkten in der Absicht bewegen, durch Verhandlungen mit anderen Marktteilnehmern deren Kooperation zur Verwirklichung ihrer Wünsche zu erreichen.

Ihre Verhandlungsposition auf dem Markt hängt wesentlich davon ab, wie groß die Zahl der Individuen ist, die ähnliche Ziele verfolgen wie sie selbst, das heißt wie groß der Wettbewerb um ein bestimmtes Angebot ist und wie groß die Zahl der Individuen, die das gewünschte Gut zur Verfügung stellen.

Ein Gedankenexperiment

Wie die Verteilung und die Stärke der Präferenzen die Verhandlungsposition bestimmt, wollen wir anhand eines kleinen Gedankenexperimentes verdeutlichen. Stellen wir uns Folgendes vor: Immer wieder einmal wird die Sorge geäußert, die Menschheit könnte Opfer einer Pandemie werden, also einer globalen Seuche, wie es die Pest im Mittelalter war.

Stellen wir uns weiter vor, eine solche Pandemie würde ausbrechen, die Seuche würde ihre Wirkung aber auf den weiblichen Organismus beschränken und hätte eine einzige wahrnehmbare Auswirkung: Die Libido von Frauen würde rapide steigen.

Die sexuelle Lust würde also zunehmen, die Hormone von Frauen würden viel stärker auf den Anblick männlicher Körper ansprechen, die Reizschwelle für die Erregbarkeit würde herabgesetzt, die üblichen physischen Reaktionen würden viel schneller und massiver einsetzen, der Wunsch von Frauen nach Sex mit Männern würde also ein neues Niveau erreichen. Was würde geschehen?

Wenn die Nachfrage nach Sex bei Frauen steigt ...

Der Markt für Gelegenheitssex würde sich verändern, die Nachfrage nach männlichen Partnern für Gelegenheitssex würde zunehmen und dadurch würde sich die Verhandlungsposition von Männern auf diesem Markt verbessern. Es würde für Männer viel einfacher werden, eine Partnerin für Sex zu finden, und auch solche Männer hätten eine wachsende Chance auf Gelegenheitssex, die bis dahin zurückgewiesen wurden.

Aufgrund der verbesserten Verhandlungsposition könnten Männer auf dem Markt für Gelegenheitssex auch eher ihre Wünsche durchsetzen als zuvor. Für eine wachsende Zahl von Männern, die bis dahin sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, würde sich die Frage stellen, warum sie noch für Dienstleistungen bezahlen sollen, auf die sie auch leicht ohne Entgelt zurückgreifen können.

Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen würde zurückgehen und die Sexarbeiterinnen würden ihre Preise senken müssen, um noch wettbewerbsfähig zu sein. Die Preise würden verfallen und viele würden unter diesen Bedingungen wahrscheinlich aus dem Markt aussteigen.

Wenn die Nachfrage nach Sex bei Männern sinkt ...

Das war aber nur der erste Schritt unseres Gedankenexperiments. Stellen wir uns vor, in einer zweiten Phase der Pandemie würde die Seuche auch auf die Männer übergreifen, sich aber bei ihnen auf völlig andere Weise auswirken. Ihre Libido würde nicht verstärkt, sondern geschwächt werden. Ihre sexuelle Lust würde mehr und mehr sinken.

Eine wachsende Gruppe von Männern hätte gar kein Interesse mehr an Sex und würde das aufgrund ihres veränderten Hormonspiegels nicht einmal als besonderen Verlust wahrnehmen. Viele würden lieber ihren Hobbies nachgehen oder Freunde treffen, statt sich auf sexuelle Abenteuer einzulassen.

Eine weitere Gruppe von Männern würde qualitative sexuelle Beziehungen einer großen Zahl sexueller Kontakte vorziehen. Ihre Ansprüche an potenzielle Sexualpartnerinnen würden steigen. Diesem stark schrumpfenden Angebot von Männern mit sexuellen Interessen würde durch die Pandemie eine stark wachsende Zahl von Frauen mit großem Interesse gegenüberstehen.

Wenn Angebot und Nachfrage nach Sex sich umkehren

Viele Frauen könnten ihre Lust gar nicht mehr befriedigen und müssten sie unterdrücken oder Ersatzbefriedigungen suchen wie Pornographie und Selbstbefriedigung. Die wenigen Männer, die noch ein Interesse an sexuellen Kontakten mit Frauen hätten, könnten sich den vielen Angeboten gar nicht erwehren, sie müssten sehr selektiv vorgehen.

Sie könnten sich von Frauen umwerben lassen, zum Essen einladen und Geschenke machen lassen. Einige kämen wohl auf Idee, daraus ein Geschäftsmodell zu machen und statt Einladungen zum Essen und Geschenke lieber gleich Geld zu nehmen. Diejenigen mit einem besonders attraktiven Äußeren könnten wohl sehr hohe Preise verlangen.

Einige würden zu diesem Zweck wohl Hotelzimmer anmieten und andere würden Hausbesuche machen. Der Markt hätte sich also gegenüber der heutigen Situation einmal um die eigene Achse gedreht. Dieses Gedankenexperiment mag vielleicht skurril erscheinen und beim Leser entweder Schmunzeln oder Kopfschütteln hervorrufen, aber eine drastische Umkehrung der gewohnten Perspektiven erfüllt seinen didaktischen Zweck.

Es zeigt, wie Angebot und Nachfrage, Präferenzen, Verhandlungspositionen und Preise die Interaktion von Menschen steuern. Es zeigt, wie die Summe subjektiver Neigungen ein soziales Muster erzeugen kann und sich soziale Muster als das Ergebnis von Marktprozessen beschreiben lassen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Ökonomie der Sexualität

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ISBN 978-3-89879-881-5

240 Seiten

FinanzBuch Verlag


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