BLOG
28/08/2015 12:05 CEST | Aktualisiert 28/08/2016 07:12 CEST

Was gute Witze-Erzähler mit charismatischen Rednern gemein haben

Thinkstock

„Ich suche einen Mann, der mich zum Lachen bringt", oder „Suche humorvolle, gebildete Partnerin ...". Sowas haben Sie sicher auch schon gelesen, oder? Selbst wenn sich das Jagdgebiet für neue potenzielle Lebenspartner inzwischen fast vollständig ins Internet verschoben hat - dieser Klassiker ist einfach nicht totzukriegen.

Umfragen von Frauenmagazinen bestätigen, dass humorvolle Männer nach wie vor hoch im Kurs stehen. Wieso ist es ausgerechnet der Humor, der uns Menschen so anziehend macht? Damit meine ich noch nicht mal nur das Gebiet der Partnerwahl.

Schauen Sie sich um - die Menschen jubeln Stars zu, die ihr Geld mit dem Dreh von Sitcoms und Komödien verdienen. Wir verzeihen einem Mann wie Bill Clinton seinen schlüpfrigen Fehltritt, weil er einfach so nett und sympathisch rüber kommt, wenn er während seiner Rede Scherze macht.

Manch einer mag sich natürlich auch despektierlich über Scherzkekse äußern. Ich kann mich selbst gut dran erinnern, in der Schule ermahnt worden zu sein, die Unterrichtsinhalte ernster und nicht immer alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich habe gerne einige Späße gemacht, wenn ich vorne vor der Klasse stand und etwa die Ergebnisse einer Projektarbeit präsentierte.

Dabei hat das eine doch gar nichts mit dem anderen zu tun! Vielmehr kann es Ihrem Vortrag oder Ihrer Präsentation sogar hilfreich sein, wenn Sie ein kompliziertes, trockenes Thema an geeigneter Stelle mit einem Scherz auflockern. Ich bin mir sicher, niemand wird Ihnen das übel nehmen oder Ihre Qualifikation in Frage stellen.

Warum bei Charismatikern jede Pointe sitzt

Was aber haben Witze mit begeisternder Kommunikation und vor allem mit Charisma zu tun? Eine ganze Menge! Jeder Witz funktioniert nach einem bestimmten Muster - genauso wie eine gelungene Rede. Diese beiden haben sogar noch mehr gemeinsam: Die Schönheit des Witzes besteht darin, dass er alle Bestandteile des gekonnten Storytelling enthält.

Er führt Protagonisten ein, enthält meist Dialoge, einen Schauplatz, wird im Präsens erzählt, hat eine stringente Handlung. Und vor allem: Eine Pointe! Na, ahnen Sie schon, worauf ich hinaus will? Ein charismatischer Redner ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein toller Witze-Erzähler! Und für alle, die noch weit davon entfernt sind, ihre Zuhörer zu begeistern, sind Witze das perfekte Trainingsmaterial.

In meinen Trainings arbeite ich zusammen mit meinen Coachs daran, den Kern ihrer Rede freizulegen - sprich das, worum es eigentlich geht. Falls Sie jetzt verwundert die Augenbrauen hochziehen und sich fragen, was das eigentlich soll: Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen endlos und vor allem ziellos rumschwafeln, sobald Sie auf einer Bühne stehen und sich „warmgeredet" haben. Frei nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn" kommen sie vom Hölzchen aufs Stöckchen und wundern sich hinterher, warum ihnen niemand mehr zuhört.

Um solche Vielschwätzer direkt zu entlarven, stelle ich Ihnen gerne die Frage, ob sie gut Witze erzählen können. In 99 Prozent der Fälle bekomme ich dann ein schnelles und ehrliches „Nein" zu hören. Super, dann weiß ich wo ich dran bin! Denn es sind häufig genau diese Menschen, die zum „mäandern" neigen.

In der Geographie wird damit das Phänomen von Flüssen bezeichnet, die sich keinen geraden Weg durch die Landschaft suchen, sondern sich in immer feinere Verästelungen verlieren. Auch Verzierungen und Verschnörkelungen in der Kunst sind „Mäander". Sie ahnen schon, worauf ich hinaus will. Anstatt einem klaren, roten Faden zu folgen, verlieren sich diese Redner in ihren Anekdoten und finden - wenn es gut läuft - nach einigen Ausschweifungen wieder zu ihrem eigentlichen Thema zurück.

Richtig doof wird es, wenn Sie selbst nicht mehr wissen, wovon sie eigentlich gesprochen haben. Spätestens an der Stelle hat dann auch Ihr Publikum auf Durchzug geschaltet und wartet sehnsüchtig darauf, dass Ihre Redezeit abgelaufen ist. Packendes Storytelling sieht definitiv anders aus.

Sicher können Sie sich schon vorstellen wie es abläuft, wenn so ein „Mäanderer" versucht, einen Witz zu erzählen, oder? Hier ein Beispiel: „Treffen sich zwei Beamte am Gang. Sagt der eine zum andern: Kannst Du auch nicht schlafen?" Und das war es schon.

Ich wette, Sie haben gelacht! Wie erzählt ein „Mäanderer" diesen Witz? Ungefähr so: „Treffen sich zwei Beamte am Gang. Also vielleicht sinds gar keine Beamten, weil es gibt ja immer mehr Vetragsbedienstete. Das habe ich unlängst gelesen: Würde man alle Beamten einsparen, würde das hunderte Millionen sparen. Aber manchmal macht es doch Sinn, wenn man Beamte hat. Naja. Jedenfalls die treffen sich am Gang. Oder ich glaub es war der Raucherraum. Wobei in den meisten Ministerien darf man eh nicht rauchen. Doch da kann man drüber streiten..." Und spätestens jetzt sagen Sie: Hallooooooo! Komm zum Punkt!!!! Oder besser zur Pointe.

Übung macht den Meister!

Die gute Nachricht: Storytelling ist lernbar - und Witze sind dafür die perfekte Übung. Denn damit trainieren Sie, zielsicher zur Pointe zu kommen. Denn Witzeerzähler haben IMMER die Pointe im Kopf und erzählen kerzengerade genau dorthin.

Üben Sie daher das Erzählen von Witzen! Kaufen Sie sich ein Witzebuch, suchen Sie sich daraus einige aus und lernen Sie, diese überzeugend zu erzählen. Und zwar nicht auf Kommando, sondern am besten völlig frei und impulsiv.

Ich kann verstehen, wenn Sie erst einmal Hemmungen haben. Witzebücher, das ist doch nur was für Kinder! Menschen, die ständig scherzen, werden nicht ernst genommen ... Schluss mit den Vorurteilen! Probieren Sie es stattdessen lieber selbst aus. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass Sie auf Gedeih und Verderb in jeder Situation Witze machen sollen.

So was kann ganz schön schief gehen. Nehmen Sie das Witze-Erzählen primär als Übung, um an Ihren Storytelling-Fähigkeiten zu feilen. Dafür sind Witze das Feedback-Barometer Nummer eins, denn Sie wissen sofort, ob Sie sich verbessert haben oder nicht.

Wenn Sie einen Freund nach Feedback fragen, ob Ihre Beispielstory für den Vortrag funktioniert, wird der vielleicht sowas wie „Joa, also ich fand es gut" sagen. Wir neigen dazu, uns rauszureden und wollen - gerade wenn wir befreundet sind - unser Gegenüber nicht verletzen.

Doch ein „ganz nett" gibt es bei Witzen nicht! Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: Ihr Gegenüber lacht oder nicht. Dann wissen Sie, ob die Pointe funktioniert und ob die Länge des Witzes gepasst hat. Fürs Storytelling in Präsentationen gilt genau das Gleiche. Also fokussieren Sie sich auf das Wesentliche und lassen Sie Unwichtiges weg, um Ihre Zuhörer bei der Stange zu halten. Denn nur, wenn sie bis zum Ende zuhören, erfüllt die Geschichte auch ihren Sinn.

Situationskomik erkennen und nutzen

Sie können sich mit den „handelsüblichen" Witzen nicht identifizieren oder sie sind Ihnen zu abgedroschen? Auch kein Problem. Schauen Sie sich um, Sie glauben gar nicht, wie viele komische Situationen jeden Tag in Ihrem Alltag passieren! Die Kunst besteht lediglich darin, sie wahrzunehmen und in Ihr persönliches Witzerepertoire aufzunehmen.

Hier kann es helfen, wenn Sie ein „Humortagebuch" führen und dort alles festhalten, was Ihnen im Laufe des Tages an komischen oder humoristischen Situationen widerfahren ist. Es passieren so viele witzige Dinge um uns herum! Sie müssen sich nur darauf einlassen - schon bald werden Sie die Situationskomik erkennen und können mit diesen Szenen dann wunderbar trainieren oder sie auch mal als humorige Beispiele nutzen.

Wenn Sie es schaffen, eine gute Pointe in Ihre Rede einzubauen, haben Sie die Lacher auf jeden Fall auf Ihrer Seite. Sie möchten ein Beispiel haben? Ich stelle mich oft so vor, dass ich sage, dass ich eigentlich eine Fernsehkarriere geplant hatte.

Ich habe im ORF auch alle Castings erfolgreich durchlaufen. Und dann stand ein Typ vor mir und sagte es endlich: „Wawschinek, Sie haben das perfekte Mediengesicht ... fürs Radio." Ich stehe also heute vor Ihnen mit einem Radiogesicht.

Humor ist ein wunderbares Instrument, um die Herzen Ihrer Zuhörer zu erreichen. Und nicht nur das. Um den gewieften Storyteller William Shakespeare zu zitieren: „Humor ist eines der besten Kleidungsstücke, die man in Gesellschaft tragen kann." In diesem Sinne: Legen Sie los und bereichern Sie Ihre Garderobe um einige schmucke Teile! :-)

Georg Wawschinek ist Autor des Buchs Charisma fällt nicht vom Himmel.

2015-08-27-1440690515-3412747-Cover_Charisma_klein.jpg


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video: Kim Kardashian ist entsetzt über Oliver Pochers rassistische Witze

Hier geht es zurück zur Startseite