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10/10/2015 13:13 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 07:12 CEST

Eine „Krise" ist erst dann eine, wenn wir sie dazu erklären!

dpa

Die „Flüchtlingskrise" ist aktuell in aller Munde. Ein Wort, welches mich innerlich zusammenzucken lässt. Haben wir es wirklich mit einer „Krise" zu tun, oder ist diese Wahrnehmung nicht eher hausgemacht? Natürlich stellt die aktuelle Situation die Verantwortlichen vor eine große Herausforderung.

Sie stehen in der Pflicht, die Bevölkerung über die vorliegende Situation und den Umgang damit zu informieren - eine Gratwanderung. Denn einerseits darf der Ernst der Lage nicht heruntergespielt werden, es gilt jedoch auch zu vermeiden, dass sich Angst und Panik breit machen.

Das gilt jedoch nicht nur für den Umgang mit dem aktuellen Flüchtlingsstrom, sondern im Grunde genommen für jegliche schwierige oder unangenehme Kommunikation.

Nehmen wir beispielsweise einen Unternehmer, der die schwere Aufgabe hat, vor seine Belegschaft zu treten und den Mitarbeitern zu verkünden, dass es alles andere als rosig aussieht und leider Stellenkürzungen notwendig sind, um den Betrieb zu erhalten.

Wie lautet die Kern-Botschaft?

Ich hatte einmal einen Unternehmer im Coaching, der sich in genau dieser Lage befand. Kein leichtes Unterfangen, denn wer verkündet schon gerne, einen Teil seiner langjährigen Mitarbeiter vor die Tür setzen zu müssen? Er sah sich bereits vor dem geistigen Auge im Kreuzfeuer der Journalisten, während seine Belegschaft ihn ausbuhte.

Dabei muss es gar nicht dazu kommen - alles eine Frage der angemessenen Kommunikation. Zusammen habe ich mit ihm darauf hingearbeitet, seine eigene Einstellung in einen Kernsatz zu packen. Der erste Teil lautete „Es geht nicht anders" - der unumgängliche Inhalt, den es zu transportieren galt.

Hinzu kam dann mit dem Zusatz „auch wenn mein Herz blutet" noch die emotionale Komponente. Denn schließlich hängt auch das Herz des Unternehmers an seinem Unternehmen und seinen Mitarbeitern.

Es ist natürlich sein Ziel zu wachsen. Und wenn das nicht funktioniert, ist es für beide Seite schwer: diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Aber auch für denjenigen, der die Kündigung aussprechen muss.

Und wissen Sie was? Es hat funktioniert. Er wurde weder mit faulen Eiern beworfen noch als Unmensch angeprangert, da er glaubhaft vermitteln konnte, dass er es selbst gerne anders gehabt hätte.

Geholfen hat ihm dabei der gemeinsam entwickelte Kernsatz. Darauf kommt es an. Dies ist Ihr Kern, der Leuchtturm, der Ihnen auch bei kritischen Pressefragen hilft, die Klippen zu vermeiden und keinen öffentlichkeitswirksamen Interview-Schiffbruch zu erleiden. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Barack Obama, an Martin Luther King denken? Zwei Sätze: „Yes, we can!" und „I have a dream".

Das sind ihre Kernsätze! Und so ein Satz funktioniert immer. Er hilft Ihnen in den Redefluss hinein und hilft Ihnen am Ende, einen runden Abschluss hinzubekommen. Er ist Ihnen ebenfalls eine hilfreiche Stütze, wenn Sie hängen - er lässt Sie strahlen oder in schwierigen Situationen Ihre echte Emotion zeigen. Und diese gibt Ihnen die Sicherheit, die Sie brauchen.

Denn sie beinhaltet den Grund, warum Sie überhaupt reden. Gerade in kritischen Situationen sind Emotionen entscheidend. Daher sollten Sie sich immer im Vorfeld darüber bewusst werden, wie Sie zu der Sache stehen und was Sie vermitteln möchten.

Nochmal mit Gefühl!

Genau das ist anscheinend an einigen Stellen gründlich schiefgegangen. Überall, im Fernsehen, im Radio, aus den Zeitungen schallt es mir bedrohlich entgegen: „Flüchtlingskrise"! Ist es überhaupt eine „Krise"? Aus meiner Sicht hat jede Münze zwei Seiten. Eine „Krise" bietet auch immer Chancen und Herausforderungen, die es sich lohnt anzunehmen.

Ein bisschen Zuversicht wäre daher gut angebracht. Hier spielen die eben angesprochenen Emotionen wieder eine große Rolle. Wenn der Nachrichtensprecher, Politiker oder wer auch immer sich zu dem Thema äußert, sich selbst bedroht fühlt und die ankommenden Flüchtlinge als Problem empfindet, werden diese Emotionen auch ihren Weg in die Kommunikation finden und eine dementsprechend negative Botschaft verbreiten.

Selbst, wenn das eigentlich gar nicht beabsichtigt war. Natürlich sprechen unsere Politiker davon, dass sie „zuversichtlich" sind und dass es keine Probleme mit der Unterbringung der Flüchtlinge geben wird. Doch sie sehen nicht so aus - Haltung macht Stimmung! Es wäre also schön, wenn Politiker auch Aufrichtigkeit und Zuversicht ZEIGEN könnten! Stattdessen sehe ich in den Nachrichten Ausschnitte aus Interviews, in denen solche Botschaften mit hängenden Schultern und Grabesmine verkündet werden.

Da muss mir als Zuschauer ja zwangsläufig Angst und Bange werden - und schon haben wir die „Flüchtlingskrise". Denn die innere Haltung spiegelt sich unvermeidlich nach außen. Wer innen Krise fühlt, wird außen Krise zeigen. Wer aber etwas fühlt und etwas anderes vorspielen will - der erzeugt Inkongruenz.

Dieses Phänomen der Inkongruenz haben Sie mit Sicherheit auch schon in anderen Situationen erlebt. Unvergessen bleibt sicher der Zahnarztbesuch, auf den mehrere Tage Schonkost und Schmerztabletten folgten.

Ich weiß, DASS es weh tun wird - und der Arzt sagt: Es wird nicht weh tun. DAS macht Panik. Oder wenn jemand Sie ansieht und sagt „Ich liebe Dich", Körper und Mimik jedoch etwas völlig anderes sagen. Dann sind wir restlos verwirrt. Wenn mir jemand mit zittriger Stimme versichert: „Es ist alles OK" - dann fürchte ich mich wirklich.

Genau diese Inkongruenz zwischen dem gesprochenen Wort und der sich dahinter verbergenden, tatsächlichen Einstellung erzeugt bei uns Menschen Unwohlsein, Skepsis und, wenn es hart auf hart kommt, Panik. Daher ist es entscheidend, unbedingt IMMER aufrichtig zu kommunizieren, was Sache ist.

Gerade wenn es um so ernste Dinge wie den Umgang unseres Landes mit den hilfesuchenden Flüchtlingen geht. Um die eigene Botschaft authentisch und überzeugend zu vermitteln, ist es unabdingbar, innere und äußere Haltung miteinander in Einklang zu bringen. Denn Bewegungen und Emotionen sind eng miteinander verknüpft.

Glauben Sie mir, Sie können das nicht nach Belieben steuern. Und so kommt es - egal wie redegewandt viele Pressesprecher und Politiker sind - immer wieder zu Situationen, in denen sich die Emotionen in ihre Gestik und Mimik „schleichen" und so das Gewicht der Worte untergraben, wenn sie nicht miteinander harmonieren. Und damit sind wir wieder bei der "Krise".

Wenn ich diese als Chance sehe, um meine Werte zu stärken, Herausforderungen zu meistern und menschlich zu wachsen, wenn also mein Fokus ein anderer ist - dann ändert sich auch meine innere Haltung.

Ich habe gehört, dass ...

Noch ein weiterer Grund, warum in Sachen „Flüchtlingskrise" unbedingt offen und am besten regelmäßig kommuniziert werden sollte: Gerüchte. Sie verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Schon heißt es, dass in den Auffanglagern katastrophale Zustände herrschen und die Flüchtlinge randalieren würden.

Doch ist dem überhaupt so? Ein Gerücht ist nichts anderes als eine unverbürgte Nachricht. Eine Geschichte ohne belegte Quellen. Niemand weiß genau, wo die Wahrheit endet und die Fantasie zu blühen beginnt. Doch ein Gerücht ist auch immer eine einfache und tolle Geschichte. Vor allem, weil sie plausibel ist.

Informationsmangel und Unsicherheit bieten einen idealen Nährboden für Gerüchte, denn sie bedienen den Wissensdrang und die Neugierde der Menschen. Um dem entgegenzuwirken, hilft nur eins: Wahrheit, Wahrheit und nochmal Wahrheit. Klar und auf den Punkt kommuniziert - und am besten ebenso gut erzählbar wie ein Gerücht.

Was ich damit sagen möchte: Jetzt sind wir alle gefragt. Wir dürfen uns nicht mehr nur zurücklehnen und die Informationshäppchen ungefiltert aufschnappen. Jeder von uns trägt die Verantwortung, kritisch zu hinterfragen und so mitzuhelfen, dass sich Wahres nicht weiter mit Falschem vermengt. Und vielleicht schaffen wir es so gemeinsam, aus der „Flüchtlingskrise" eine Chance für alle Beteiligten zu machen.

Georg Wawschinek ist Autor des Buchs Charisma fällt nicht vom Himmel, erschienen im Goldegg Verlag (2015).

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