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22/04/2016 05:57 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Mare Nostrum - das Mittelmeerbündnis

Jacky Naegelen / Reuters

Das Ziel: Wohlstand schaffen, Flucht verhindern und Sicherheit fördern

Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte am 17. Mai 2010 die Anrainerstaaten des Mittelmeers zu einer Konferenz nach Paris eingeladen. 43 Staatschefs kamen, um über die Zukunft der Region zu beraten.

Die nachfolgenden Probleme im Gefolge des sogenannten arabischen Frühlings einschließlich des Syrien-Kriegs zeigen, wie wichtig die gesamtheitliche Betrachtung dieses Teils der Welt ist. Sarkozy rief zur Gründung der Mittelmeer-Union auf. Dafür musste er erheblichen Spott einstecken, man unterstellte ihm, dass er seinen eigenen „Club Med" gründen wolle.

Am 13. und 14. Juli 2008 hatte es eine erfolgreiche Vorläufer-Konferenz gegeben, unter der Schirmherrschaft der OSZE, die OSZE-Mittelmeer-Partnerschaft. Die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit" ist aus der früheren KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) heraus entstanden.

Wir erinnern uns, noch während des kalten Kriegs trafen sich die Staatschefs und Außenminister der Länder Europas und der USA in Helsinki. Ziel war es, die friedliche Koexistenz zu organisieren. Hier entstanden Kontakte, die nach dem Fall des eisernen Vorhangs einen reibungslosen Übergang in eine neue europäische Friedensordnung ermöglichten. Rückblickend kann dieses Format nicht positiv genug bewertet werden.

Der Mittelmeer-Raum umfasst heute 44 Staaten mit 780 Millionen Einwohnern aus Europa, Nordafrika und Vorderasien. Historisch war das schon immer eine Schicksalsgemeinschaft. Zwischendurch umfasste das Römische Reich und später das Osmanische Reich fast das ganze Mittelmeergebiet. Es gibt eine gemeinsame Geschichte, die Tradition des gemeinsamen Handels und eine gemeinsame Kultur.

Nur die Religion zieht eine Trennlinie zwischen Südeuropa und den nordafrikanisch-vorderasiatischen Staaten. Wie damals zwischen Osteuropa und Westeuropa muss in einer Organisation das Verbindende - die Schaffung von Wohlstand - die Oberhand über das Trennende, die Religion - gewinnen. Ein reiner Gesprächszirkel wie die Mittelmeerkonferenz reicht nicht mehr. Es muss ein gemeinsames Bündnis geschaffen werden, mit Pflichten, Rechten und Zielen.

Dabei sollten die westlichen Länder der Versuchung widerstehen, die Demokratisierung der arabischen Länder aktiv zu fördern. Das ist beispielsweise im Irak, in Libyen, Syrien und anderswo gewaltig schief gegangen. Die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten muss ein Grundprinzip sein. Wie damals bei der KSZE.

Die Europäische Union, auch wenn sie im Moment in der Krise steckt, kann trotzdem ein Vorbild für die Mittelmeerunion sein. Der Kontinent, der Jahrhunderte Kriegsschauplatz war, ist zu einem Wohlstandsbündnis geworden. Die Gründungsphase der EU war die Montanunion, eine Wirtschaftsgemeinschaft. Können die nordafrikanischen und vorderasiatischen Länder überhaupt Wohlstandsländer werden? Ja, die Türkei und Israel haben es auch geschafft!

Schroffe Gegensätze zwischen Wohlstand und Armut, wie derzeit noch zwischen dem Norden und dem Süden des Mittelmeers sind die Grundlage für eine neue mögliche Völkerwanderung. Angeblich stehen 200.000, vielleicht bis 500.000 Afrikaner für eine Überfahrt von Libyen nach Südeuropa bereit. Noch friedlich, aber mit Gewaltpotential. Wir haben gemeinsame Herausforderungen wie Terror, Flüchtlingsrückführung und Bürgerkriege.

Nur ein Wohlstandsbündnis auf der Basis der sozialen Marktwirtschaft, verbunden mit gemeinsamen Investitionen in Industrie und Infrastruktur, Bildungskooperationen, Sozialprojekte, gezielte Wirtschafts- und Entwicklungshilfe können das Mare Nostrum - unser Mittelmeer - zu einem visionären Zukunftsprojekt machen.

Die nordafrikanischen Länder als Warteraum des Todes für das Flüchtlingspotential Afrikas, dass ist kein guter Ausblick in die Zukunft. Das Mittelmeer als europäische Grenzbefestigung mit dem Meer als Todesstreifen darf nicht zum Modus Vivendi werden. Und - wer miteinander redet, der schießt nicht. Auch das hat die KSZE bewiesen.

Günter Morsbach

Herausgeber „Reitender Bote -

die kürzeste Wochenzeitung der Welt"

www.reitender-bote.de

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