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01/05/2015 05:12 CEST | Aktualisiert 01/05/2016 07:12 CEST

1. Mai - und jährlich grüßt das Murmeltier

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Wenn aus den Lautsprechern der Gewerkschaftsbühnen DDR-Musik dröhnt, das dreschen von Phrasen und Klassenkampfparolen in den Ohren schmerzt, in Krawallvierteln von Berlin und Hamburg Autos brennen, dann wissen wir: Es ist wieder mal 1. Mai.

An keinem andern Tag werden in Deutschland so viele Phrasen gedroschen, um die Aufmerksamkeit der Medien zu erhaschen. In der Lokalpresse glänzen Redner der Gewerkschaften oder der Linken mit aufgewärmten Kampfparolen, garniert mit einem knackigen und medienwirksamen Spruch. Die TV-Nachrichten arbeiten die Kundgebungen abends lustlos ab und vertuschen geschickt das abnehmende Publikumsinteresse an dem vermeintlichen Arbeitnehmer-Spektakel.

Die Sprüche der Gewerkschaftsbosse sind meistens Logik paradox. Jedes Jahr zum Beispiel stehen die Millionengehälter und Boni der Konzernvorstände auf den Spickzetteln der Redner, da kann man gut ablästern und ist sich des Beifalls sicher. Dass die Gewerkschaftsbosse in allen Aufsichtsräten der großen börsennotierten Unternehmen sitzen und die Verträge der Manager genehmigt haben, geschenkt! Welcher Verdi-Chef hat im Aufsichtsrat Herrn Middelhoff beaufsichtigt, als er Karstadt-Quelle in den Abgrund führte? Nicht der Rede wert!

Statt dessen kann man sich ja „die Wirtschaft" pauschal vorknöpfen. Das lenkt von den eigenen Fehlern ab und lässt mehr Raum zum Sprüche klopfen. Bei Mittelstandskritik ist aber ist der Beifall rar. Laut einer Forsa-Umfrage sagen 96% der Befragten, dass es wichtig sei, die durch Familienunternehmer geprägte Wirtschaftsstruktur zu erhalten. 70% sehen die Erbschaftssteuer als Wettbewerbsnachteil für die mittelständisch geprägten Firmen, da Konzerne nicht damit belastet würden. In einer Befragung durch die GfK und die Bertelsmann Stiftung geht man noch ein Stück weiter. 78% der Befragten sind mit ihrem Chef zufrieden, beschreiben ihn als fair und verantwortungsbewusst, bei den unter 29-jährigen sind das sogar bemerkenswerte 83%.

Ein viel interessanteres Thema wäre in diesem Jahr ein ungeschminkter Bericht über den Zustand der Gewerkschaftsbewegung. Warum streiken und streiten Lokführer und Eisenbahner zulasten der Bahnreisenden gegeneinander? Warum kämpfen große gegen kleine Gewerkschaften? Warum Angestellte gegen Beamte? Warum wird der Lufthansakunde in einem Monat von den Piloten, dann von der Flugsicherung, dann vom Bordpersonal und zum Schluss vom Bodenpersonal durch Streiks am Reisen gehindert?

Da wartet man auch am 1. Mai vergeblich auf den großen Lösungsansatz. Klüger ist keiner von uns durch die Maikundgebungen geworden und welchen Sinn macht der 1. Mai überhaupt noch?

Günter Morsbach

Herausgeber „Reitender Bote -

die kürzeste Wochenzeitung der Welt"

www.reitender-bote.de