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01/02/2017 08:37 CET | Aktualisiert 02/02/2018 06:12 CET

Der Tag, an dem ich merkte, dass meine große Karriere vorbei ist

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Dieser Tag war gestern. Denn plötzlich war die Erkenntnis da. Ich musste mir eingestehen, dass für mich als Mutter meine große Karriere vorbei ist. Wie du dir vorstellen kannst, traf mich diese Erkenntnis ziemlich hart. Und sogar mitten ins Herz. Denn seitdem ich im Berufsleben stehe, ist mir mein Job immer sehr wichtig gewesen. Ja, ich gestehe, jahrelang stand mein Beruf sogar an erster Stelle - auch in meinem privaten Leben.

Die Karriereleiter hoch hinauf

Rückblickend betrachtet, könnte ich sagen: Ich war jung, ehrgeizig und mein Lebensinhalt war mein Schreibtisch. Denn ich wollte etwas erreichen. Hatte das persönliche Bedürfnis, die Karriereleiter hoch hinauf zu klettern. Hart dafür zu arbeiten. Zweifelsohne habe ich damals mein persönliches Glück über meine Erfolge und Niederlagen im Büro definiert.

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Überstunden? Kein Problem. Am Wochenende arbeiten? Kein Problem. Immer war für mich alles kein Problem. Ich habe sie immer mit nach Hause genommen, habe ihr selten ein freies Wochenende gegönnt. Sie war immer da an meiner Seite - sie verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Meine Arbeit. Denn ich wollte etwas erreichen. Und war bereit, für meine Karriere alles zu geben.

An meinem letzten Arbeitstag kamen mir die Tränen

Und plötzlich war alles anders. Meine berufliche Situation änderte sich schlagartig. Ich wurde schwanger. Während der Schwangerschaft arbeitete ich noch härter als zuvor. Ich wollte bei meinem Chef einen guten Eindruck hinterlassen und noch so viel schaffen.

Als ich mich in den Mutterschutz verabschiedete, weinte ich. Denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, auf einmal raus zu sein. Nicht mehr ins Büro zu müssen. Ich sehnte mir den Tag herbei, an dem meine Elternzeit vorbei wäre - und ich ENDLICH wieder anfangen könnte zu arbeiten.

Doch mein Chef hatte andere Pläne

Wie gut, dass ich damals nicht den leisesten Schimmer davon hatte, dass ich meinen Schreibtisch für immer verlassen würde. Zumindest den Schreibtisch in meiner alten Firma. Denn hätte ich an meinem letzten Arbeitstag geahnt, dass mich mein Chef gleich im Anschluss an meine Elternzeit kündigt, wäre für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich wäre sofort in ein unsagbares tiefes Loch gefallen.

Ich hatte mich grundlegend verändert

Wie gut, dass mich das tiefe Loch erst viele Monate später traf. Denn plötzlich war ich Mutter. Ich hatte mich in den vergangenen 14 Monaten grundlegend verändert. Meine Definition von Glück hatte sich ebenfalls mit mir geändert. So warf mich die Hiobsbotschaft von meinem Ex-Chef nicht allzu hart. Ich weiß, was ich kann - und dass ich in meinem Beruf gut bin. Sagte ich mir immer wieder. Ich versuchte mich aufzumuntern: Auch andere Chefs haben schöne Jobs.

Plan A, Plan B, Plan C - oder doch vielleicht Plan D?

Seit der Kündigung arbeite ich wieder sehr hart. Jede freie Minute investiere ich in meine neue Karriere. Mit einem großen Enthusiasmus arbeite ich an Plan A, mit einer unbändigen Leidenschaft verfolge ich Plan B, für den Fall der Fälle existiert bereits ein Konzept für Plan C - und ja, für den allergrößten Notfall gibt es sogar schon einen Plan D. Zumindest in meinem Kopf.

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Denn als Mama in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, gestaltet sich als SEHR SCHWIERIG. Ich hätte es tatsächlich nicht gedacht. Ich war immer davon überzeugt, dass es für mich leicht sein wird, einen tollen Job zu finden. Falsch gedacht!

Der Tag, an dem ich merkte, dass meine große Karriere vorbei ist

Gestern war also der besagte Tag, an dem ich merkte, dass es mit meiner großen Karriere vorbei ist. Ich hatte mein viertes Bewerbungsgespräch. Bei einer großen internationalen Firma für die Position eines digitalen Marketing-Managers. Genau mein Ding! Dachte ich mir. Und mit großer Zuversicht ging ich ins Gespräch.

Doch während der Vorstellungsrunde wurden mir plötzlich zwei Dinge klar. 1. Der Job ist der absolute Hammer, wenn du diesen Job bekommst, bist du endlich ganz weit oben angekommen. Auf der Karriereleiter. 2. Du kannst so einen Job niemals mit einem Kind managen - ohne dass du deinen Sohn extrem vernachlässigst...

Die Erkenntnis

Diese Erkenntnis traf mich sehr hart. Denn die Anforderungen waren einfach zu hoch. In jenem Moment musste ich es mir eingestehen. Nicht nur, dass dieser Job eine 40-Stunden Woche von mir fordert - was für mich durchaus okay ist -, sondern auch unflexible Arbeitszeiten, viele Überstunden („bei uns kann der Bürotag schon mal bis 20 oder 22 Uhr gehen"), Auslandsreisen und und und ...

Nein. Das geht nicht. Denn wenn ich meinen Sohn regelmäßig ins Bett bringen möchte, dann kann ich so einen Job nicht machen. Ich kann nicht ausschließlich für meinen Beruf da sein, denn ich habe eine große Verantwortung für meinen Sohn. Ich bin seine Mami, ich muss für ihn da sein.

Der Traum von der großen Karriere

Und obwohl ich so gar nicht weiß, ob ich überhaupt eine realistische Chance habe, es in die nächste Bewerbungsrunde nach Italien zu schaffen, war für mich dennoch klar, dass meine Reise an dieser Stelle vorbei ist. Ich habe gestern den Traum von der großen Karriere begraben. Denn die geforderten Opfer sind mir einfach zu hoch. Und was jetzt? Soll ich mir den weiteren harten Kampf gleich ersparen und mich irgendwo im Supermarkt bewerben?

Plan A, Plan B, Plan C - und wenn es sein muss, dann halt Plan D

Nein. Ich mache weiter wie die Tage zuvor. Denn ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass irgendwo da draußen, der tolle Job auf mich wartet, der familienfreundlich ist - und mir zudem auch noch Spaß macht. Das ist mein Plan A. Bis dahin arbeite ich mit meiner unbändigen Leidenschaft weiter an meiner Selbstständigkeit, denn das ist mein Plan B.

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Und wer weiß, vielleicht kann ich in Zukunft einen guten Job mit meiner Selbstständigkeit kombinieren. Das ist zumindest mein Plan C ... Und zum guten Schluss möchtest du sicherlich noch wissen, wie denn mein Plan D aussieht. Ich verrate es dir. Zur allergrößten Not werde ich mir irgendeinen Job am Empfang, im Büro, Supermarkt oder ähnliches suchen - und nebenbei meine berufliche Erfüllung in der Selbstständigkeit suchen.

Der Tag danach

Heute ist der Tag danach. Der Tag nach meiner schmerzhaften Erkenntnis. Der Tag, an dem ich meinen Traum von einer großen Karriere begraben habe. Aber ich gebe nicht auf. Im Gegenteil. Denn plötzlich sind so viele Ideen da, wie ich mich beruflich neu (er-) finden kann. Und auf einmal ist auch der Mut da, diese Ideen - die schon sehr lange im mir schlummern - auch anzugehen.

Endlich kann ich mich meinen Herzensthemen zu wenden, ich kann ein Buch schreiben, Konzepte erstellen, Unternehmen beratend zur Seite stehen ... Ich kann einfach so viel. Und jetzt ist die Zeit ENDLICH reif und genau richtig...

Der Tag Null

Heute ist also mein persönlicher Tag Null. Der Tag, an dem ich zwar den Traum von einer großen Karriere begraben habe - aber auch gleichzeitig anfange, meine Definition von meinem Karriere-Glück zu ändern. Meinen (neuen) Lebensumständen anzupassen. Ab sofort arbeite ich mit großem Enthusiasmus und viel Leidenschaft an MEINEN Plänen - und halte dabei die Augen offen nach einem anderen Arbeitgeber.

Einem Chef oder Auftraggeber, dem es kein Dorn im Auge ist, dass ich Mutter bin. Der dafür Verständnis hat, dass die Mitarbeiterin pünktlich Feierabend macht, um ihren Nachwuchs zeitig abzuholen. Und obwohl ich gerade keine Ahnung habe, woher ich diese Zuversicht nehme, bin ich mir gerade dennoch sicher, dass ich irgendwann zu mir sagen werde: Ja, ich habe es geschafft. Ich habe es geschafft, sowohl mein berufliches als auch Familienglück unter einen zufrieden und harmonischen Hut zu bringen...

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Mami bloggt.

Hier findet ihr das Buch der Autorin Mami Bloggt.

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