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27/01/2017 06:06 CET | Aktualisiert 28/01/2018 06:12 CET

Der Islam ist weder eine "Religion des Friedens" noch eine "Religion der Gewalt"

Nikada via Getty Images

Sowohl friedfertige Muslime wie islamistische Extremisten berufen sich auf ein und dieselbe Tradition aus Koran und Äußerungen sowie Taten des Propheten Mohammed.

Im klassischen islamischen Recht hat der offensive Jihad, so Tilmann Seidensticker, eine merkwürdig unbestimmte Rolle: "Er war einerseits nur von einer 'hinreichenden Anzahl' von Kämpfern zu betreiben und somit keine Individualpflicht, und andererseits stellte er für diese 'hinreichende Anzahl' eine religiöse Pflicht dar.

Die historische Realität zeigt indessen, dass das alte Jihad-Konzept nach Etablierung der muslimischen Herrschaftsgebiete friedlichen Beziehungen mit nichtmuslimischen Staaten nicht im Wege stand.

Und auch die entsprechende Norm hat sich in den letzten hundertdreißig Jahren unübersehbar gewandelt. Der Mainstream-Islam der muslimischen Glaubens- und Rechtsgelehrten sagt heute praktisch unisono, dass der Jihad nur im Fall äußerer Aggression verpflichtend ist."

Religiöse Schriften sind in ihren Aussagen nicht eindeutig

Die unbestimmten Aussagen des Koran zum Jihad sind auf den zweiten Blick gar nicht so "merkwürdig", sondern bestätigen nur das, was schon bei der Analyse des Wesens von Religion deutlich wurde.

Religiöse Schriften sind in ihren Aussagen nicht eindeutig, sondern offen für verschiedene Deutungen, wobei nicht nur die Inhalte einer Glaubensrichtung, sondern auch deren Deutungskulturen von den jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen abhängen. Gerade diese Deutungsoffenheit ermöglicht die Anpassung einer Religion an veränderte gesellschaftliche Situationen.

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Das Metaphysische und die Entwicklung seiner jeweiligen Gestalten und Gestaltungen erweisen sich als eine höchst irdische Angelegenheit.

Es gibt nicht nur eine Totalität verschiedenster Mythen, Mythologien und Hochreligionen, die heutzutage - wie in einer Art globalisierter Neuauflage des römischen Pantheons - gleichzeitig nebeneinander existieren, sondern auch innerhalb einer Glaubensrichtung existieren mehr oder weniger stark voneinander abweichende Deutungskulturen des gleichen religiösen Kerninhaltes nebeneinander. Genau so wenig wie es "das" Christentum gibt, gibt es "den" Islam oder "das" Judentum.

Der Islam ist als ein interpretationsoffenes und widersprüchliches kulturelles Deutungssystem zu begreifen

Religiöse Deutungskulturen sind keine a priori fest stehenden, essenzialistischen Muster. Sie werden von den sozialen Akteurinnen und Akteuren selbst geschaffen und entsprechend ihrer jeweiligen natürlichen und gesellschaftlichen Lebensumstände historisch modifiziert.

Die mythisch-religiösen Deutungskulturen existieren daher immer nur in permanenten Prozessen der aktualisierenden Auslegung überlieferter Mythen, Zeichen, Riten und Sinnwelten.

Auch der Islam ist als ein interpretationsoffenes und widersprüchliches kulturelles Deutungssystem zu begreifen. Dies gilt auch für die Dimension der Gewalt. Der Islam ist weder eine "Religion des Friedens" noch eine "Religion der Gewalt".

Er vereinigt beide Seiten in sich. Zu den widersprüchlichen Dimensionen des mythisch-religiösen Bewusstseins gehört, so Graf, der "Eigensinn des religiösen Bewusstseins, seine unaufhebbare Ambivalenz und seine notorische Gefährlichkeit". Religiöse Symbolsprachen sind eine Art mentaler Software, die sowohl Gutes und Wunderbares als auch Furchtbares, Grausames und Böses bewirken kann.

Alle Religionen sind zu Bösem fähig

Diese Dimension des Bösen und Grausamen, zu dem alle Religionen prinzipiell fähig sind, hängt mit der genealogischen Funktion des Mythos zusammen, d.h. mit der Anbindung aller weltlichen Gegebenheiten an einen - wie auch immer imaginierten - heiligen Ursprung.

Durch Anknüpfung an heilige Ursprungsmächte erschließt sich eine moralisch-ethische Welt von "richtig" und "falsch", von "wahr" und "unwahr". Diese (bewusst-unbewussten) Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata werden umso rigider ausgelegt, umso mehr sich die sozialen Akteurinnen und Akteure den heiligen Ursprungsmächten nahe sehen, von der Entstehung des Mythisch-Religiösen in einem bestimmten historischen sozial-kulturellen Rahmen abstrahieren und jegliche geistig-kulturelle Weiterentwicklung und Differenzierung ignorieren.

Welche dieser widersprüchlichen Seiten die Oberhand gewinnt, wird durch die sozialen Akteure und Akteurinnen in ihren jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Kontexten entschieden. Genau diese sind daher zu analysieren.

Die Redeweise von "dem" Islam und seiner primär aggressiven, gewaltförmigen Botschaft entpuppt sich als wohlfeile Abstraktion und Vorurteil. Nicht minder problematisch ist es, die in muslimischen Gesellschaften zu beobachtende patriarchale Verhaltenskultur ebenfalls direkt auf die patriarchale Religion "des" Islam zurückzuführen.

Kritik des Islam oder des Patriarchats?

Unbestritten ist, dass sich innerhalb der Religion des Islam patriarchale Dimensionen finden lassen. Diese patriarchalen Dimensionen sind aber kein Alleinstellungsmerkmal des Islam, sondern, wir haben bereits mehrfach darauf hingewiesen, zumindest in allen abrahamitischen Religionen anzutreffen.

Von Kritikern und Kritikerinnen der Behauptung eines "patriarchalen Islam" wird sogar die These aufgestellt, dass der Islam die einzige der drei Buchreligionen sei, "die in ihren Texten die Idee einer fundamentalen Gleichheit von Frau und Mann einführt und darin die Frage nach Frauenrechten und der sozialen Gerechtigkeit mit einschließt. Diese Botschaft wurde im Namen des Islam pervertiert."

Das Bild eines an sich "egalitären" Islam erscheint aber als ebenso einseitig wie das Bild eines an sich "patriarchalen" Islam. Um aus diesem theoretischen Dilemma herauszukommen, ist auf die grundlegende These zurückzugreifen, dass mythisch-religiöse Formen generell, egal ob Christentum,

Islam oder sonstige Religionsrichtungen, widersprüchliche symbolische Konstrukte sind, in denen letztlich die Widersprüche der ihnen jeweils zugrunde liegenden gesellschaftlichen Realität zum Ausdruck kommen.

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Entscheidend ist daher die Analyse der jeweiligen ökonomischen und sozialen Realität, i.e. der jeweiligen gesellschaftlichen Praxis: Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in durch den Islam geprägten Gesellschaften stellen patriarchale Verhältnisse dar, wie sie zunächst in vorbürgerlichen oder Übergangsgesellschaften beobachtet werden können.

Aber auch die Geschlechterbeziehungen in den kapitalistischen Gesellschaften folgten noch sehr lange nach ihrer Entstehung patriarchalen Mustern.

Diese wurden erst durch die mit dem Fordismus beginnende Modernisierung der bürgerlichen Moderne zu Anfang des 20. Jahrhunderts ansatzweise aufgebrochen und im Rahmen des "Therapeutischen Diskurses" selbst im Sinne der Herausbildung einer zunehmend partnerschaftlichen Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau (Zweierbeziehung) weiterentwickelt, in welcher Bezüge zu den jeweiligen Herkunftsfamilien der Partner eine immer geringere Rolle spielte

Die patriarchalen Familien-Strukturen innerhalb der durch den Islam geprägten Kulturen entsprechen im Wesentlichen vorbürgerlichen patriarchalen Beziehungsmustern, die dort nicht nur den familiären Bereich, sondern das Ganze des gesellschaftlichen Lebens durchziehen, insofern Frauen aus dem öffentlichen Leben mehr oder weniger komplett ausgeschlossen sind.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Religiöser und politischer Fundamentalismus im Aufwind - Die Sehnsucht nach Identität". Es erschien 2016 im VSA-Verlag.

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