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21/04/2015 10:17 CEST | Aktualisiert 21/06/2015 07:12 CEST

Menschenrechte im Krieg

Thinkstock

Human Rights Watch untersucht Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt. Bei akuten Krisen schicken wir Ermittler, die speziell für Krisensituationen ausgebildet sind: Die sogenannten E-Teams.

In Konflikten und Krisengebieten sind Menschenrechte immer ein Teil des Kampfes. Die Täter, die ihre Macht missbrauchen, versuchen ihre Verbrechen zu verstecken, während die Opfer den erlittenen Missbrauch öffentlich machen wollen. Für die gegen sie begangenen Verbrechen suchen sie Gerechtigkeit.

Doch nicht nur persönliche Motive spielen eine Rolle. Auch die Meinung der Weltöffentlichkeit und jene von Entscheidungsträgern werden von Berichten über Verbrechen gegen die Menschlichkeit beeinflusst.

Das Stattfinden eines Massakers kann erheblichen Einfluss auf Reaktionen und Entscheidungen haben, beispielweise bezüglich politischer oder militärischer Interventionen.

Untersuchungen objektiver Beobachter

Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass unabhängige und objektive Beobachter Situationen untersuchen und zu ihrem besten Gewissen herausfinden, was tatsächlich passierte. Sie sind oft die entscheidende Kraft zwischen konkurrierenden Fronten und politischen Manövern.

Die Arbeit von Menschenrechts-Ermittlern bedeutet jedoch nicht, Interviews zu führen und jedes Wort, das ein Opfer oder ein Zeuge sagt, unreflektiert zu glauben. Opfer haben besonders in Kriegssituationen zahlreiche Gründe, Fakten zu über- oder untertreiben. Manchmal werden Tatsachen bewusst verdreht, oft liegt es an den Nachwirkungen eines Traumas.

Das Ziel von Ermittlern ist es, im Rahmen der Untersuchung so viele unterschiedliche Zeugen wie möglich im Detail zu befragen und danach die Fakten abzugleichen und zu prüfen. Sie konsultieren Ärzte, Rechtsanwälte und technische Experte. Wenn die Möglichkeit besteht, ist es ebenso wichtig, die mutmaßlichen Täter anzuhören, um ihnen die Chance zu geben, ihre Sicht zu erklären.

Ermittlungen direkt vor Ort

Um die Ermittlungen in diesem umfangreichen Rahmen ausführen zu können, muss man an den Ort der Geschehnisse. Um Spuren zu sichern und ein Gefühl für die Situation zu entwickeln, ist nichts wichtiger, als vor Ort zu sein. Aus diesem Grund reisen meine Kollegen und ich an die unterschiedlichsten Orte dieser Welt, manchmal auch in Regionen, in denen ein bewaffneter Konflikt stattfindet, wie in dem Film "E-Team".

Nur wenn man vor Ort ist, in Syrien, Libyen oder im Irak, kann man die Orte der Verbrechen untersuchen, Einschusslöcher, Verletzungen, Leichen und Gräber dokumentieren, direkt mit den Opfern sprechen und jenes Beweismaterial sammeln, mit dem man einen präzisen und überzeugenden Fall vorbereiten kann.

Journalisten übernehmen eine ähnliche Aufgabe und begeben sich oft in gefährliche Situationen oder direkt an die vorderste Front, um eine Geschichte zu erzählen. Aber sie arbeiten sehr viel schneller als Menschenrechts-Ermittler, da sie immer von der nächsten Deadline getrieben werden. Oft fehlt ihnen dadurch die Zeit, tief in die Materie einzutauchen und gründlich, sorgfältig zu ermitteln.

Gerechtigkeit für die Opfer

Diese sehr akribische Arbeit und Dokumentation mag während eines Krieges nutzlos erscheinen, aber sie kann einen Unterschied machen. Zunächst können die gesammelten Informationen helfen, die politischen, militärischen und humanitären Entscheidungsträger zu beeinflussen - und somit Leben retten.

Im zweiten, ebenso wichtigen Schritt, verbessern diese sehr genauen Aufzeichnungen von Aussagen und Fakten die Wahrscheinlichkeit, dass den Opfern Gerechtigkeit wiederfährt um ein Vielfaches. Es ist schwer sich vorzustellen, jetzt jemanden für die Verbrechen gegen die Menschenrechte in Syrien oder im Irak zur Verantwortung zu ziehen, doch während der Kriege in Ex-Jugoslawien oder in Sierra Leone herrschte das gleiche Gefühl.

Kriegsverbrecher sollten sich heute bewusst sein, dass die Chance besteht, dass sie eines Tages gefasst werden und vor ein nationales oder internationales Gericht gestellt werden. Und mit der professionellen Dokumentierung der begangenen Verbrechen steigen die Chancen auf eine Anklage exponentiell.

Unsere Arbeit im Kosovo in den 90er Jahren gelang genau dies. Nachdem wir die vielen einzelnen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Massaker dokumentiert hatten, kam es letztendlich zu einem Gerichtsverfahren gegen den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic wegen schwerer Kriegsverbrechen. Ich hatte die Möglichkeit, den Richtern in den Haag unsere Beweise zu präsentieren und den ehemaligen Staatsmann mit seinen Gräueltaten zu konfrontieren. An diesem Tag, sowie an vielen anderen auch, hat sich die Detailarbeit gelohnt.

Veranstaltungshinweis: Am Donnerstag, 23. April 2015 findet im Rahmen der „Monthly Screenings" der Cinema for Peace Foundation im Berliner Kino ACUD (Veteranenstraße 21, 10119 Berlin-Mitte) ein Screening des Films „E-Team" mit anschließendem Publikumsgespräch mit Fred Abrahams statt. Jetzt Tickets reservieren!

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Photo galleryHoffnung auf ein besseres Leben - Szenen aus syrischen Flüchtlingslager See Gallery


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