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09/01/2016 06:45 CET | Aktualisiert 10/01/2017 06:12 CET

Gewalt gegen Frauen: "Ach, nimms doch einfach als Kompliment."

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Meine Geschichte mag im Vergleich zu den Geschehnissen wie eine Kleinigkeit klingen, aber sie lässt mich nicht los. Ich bin nicht vergewaltigt worden, oder missbraucht (Gott sei Dank), aber gedemütigt.

Es war im letzten Sommer auf einem Festival, was sich selbst eher als Links einordnen würde. Die „Antilopen Gang" ist beispielsweise aufgetreten. Ich habe dort an einem Essensstand gearbeitet. Nach einer langen Schicht, kurz bevor einer meiner liebsten DJ's auflegen sollte, auf den ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte und meine Schicht extra um sein Set getimed hatte, stand ich mit Freunden an der Bar.

Ich trinke keinen Alkohol und stand daher in der zweiten Reihe, auf sie wartend, aber mit dem Blick zur Theke.

Plötzlich spürte ich eine Hand unter meinem Rock, kurz und nicht sehr intensiv, vielleicht hätte es auch als ein Versehen interpretiert werden können, vielleicht.

Es hat einige Sekunden gedauert, bis ich verstehen konnte, dass mir gerade einer ungefragt unter den Rock gegrapscht hatte. Als ich mich umdrehte, war schon keiner mehr da. Er war einfach, kommentarlos, weiter gegangen. Ich war barfuß, es war warm, aber ich rannte ihm hinterher, schrie: „Bleib stehen, hey Arschloch was soll das."

So laut und lange bis andere stehen blieben, aber niemand eingriff. Er lief einfach weiter, bis ich ihn eingeholt hatte und ihn fest an der Schulter fasste, ihn herum drehte und ihn zur Rede stellte, seine Reaktion:

Was regst du dich denn so auf, so schlimm war das doch nicht.

Ich mache mir bis heute Vorwürfe ihm, diesem kleinen trotzköpfigen Bio-Deutschen, der so bei Pegida hätte mitlaufen können in seiner Yakuza-Jacke, keine geklatscht zu haben oder ihm in die Eier getreten zu haben, aber ich war wie gelähmt, zitterte am ganzen Körper und tue es auch jetzt noch, während ich diese Zeilen schreibe.

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Fast noch schlimmer war die Reaktion meiner Kollegin, die zeigt, welch tief sitzendes Sexismusproblem unserer Gesellschaft hat. Als ich ihr den Vorfall schilderte, lachte sie nur und meinte:

Ach, nimms doch einfach als Kompliment.

Ich bin eine starke, feministische Frau Mitte 20, die Krav Maga zu ihrer Selbstverteidigung lernt, dennoch gucke ich mich seit diesem Vorfall um, wenn ein Mann hinter mir auf der Rolltreppe steht.

Nein, sexuell angefasst zu werden, ohne dies zu wollen, ist kein Kompliment, es ist erniedrigend und einschüchternd und es hinterlässt Spuren, jedes Mal.

Und ja und es ist schlimm, weil es dazu dient, uns Frauen klein zu halten, unsere Bewegungsfreiheit einzuschränken, sich unterzuordnen. Ob bewusst oder unterbewusst ist dies eines der Motive von sexueller Belästigung und die beginnt eben schon im Kleinen, bei den vielen Pfiffen im Park oder dem Anstarren in der U-Bahn.

Ich hoffe, dass es nie mehr passiert und wenn doch, dass ich dann nicht steif vor Schreck bin, sondern so reagieren kann, wie jede Frau es tun sollte: zu treten, und zwar richtig!

Denn sexistisches Verhalten muss in jeder Situation endlich Konsequenzen haben und diese müssen unangenehm sein.

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

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