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12/01/2016 10:10 CET | Aktualisiert 12/01/2017 06:12 CET

Victimblaming und Rapeculture in Deutschland

BODO MARKS via Getty Images

Die sexuellen Übergriffe in Köln waren abscheulich und frauenverachtend. Und sie sind keine Ausnahme in Deutschland. Verbale und körperliche Belästigung sind trauriger Alltag für Frauen. Ob Samstags im Club, in der U-Bahn, auf den Straßen.

Jetzt melden sich Frauen zu Wort!

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de.

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Wir sind schockiert über die Vorfälle, die sich in Köln in der Silvesternacht ereignet haben sowie über das Versagen der Polizei und über Rassist*innen, die sich nun als Feminist*innen aufspielen! Die Ursachen dafür, dass sich so etwas mitten in Deutschland ereignen konnte, sehen wir in einem katastrophalen Polizei- und Justizsystem hierzulande, insbesondere in Hinblick auf Sexualdelikte, sowie in einem tief verwurzelten Alltagssexismus in der deutschen Gesellschaft.

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Wir sind eine Gruppe von Frauen, die sich zur gegenseitigen Unterstützung aufgrund von Übergriffen mit KO-Tropfen und/oder im Kontext illegaler Pornografie zusammengeschlossen haben. Wir haben teilweise selbst Erfahrungen mit der Kölner Polizei und der deutschen Justiz gemacht, wir kennen Victimblaming durch Beamt*innen, Jurist*innen, Therapeut*innen und Privatpersonen, wir haben als Frauen vielfältige Erfahrungen mit Sexismus und sexualisierter Gewalt gesammelt.

Als Konsequenzen der Ereignisse in der Kölner Silvesternacht fordern wir

• eine lückenlose Verfolgung und Ahndung der Straftaten von Silvester,

• therapeutische und beratende Unterstützung der Opfer,

• das Aufnehmen der „Sexuellen Belästigung" als eigenständige Straftat im Strafgesetzbuch,

• eine insgesamt radikale Verbesserung des deutschen Sexualstrafrechts, auch in Hinblick auf die modernen Bedrohungen durch KO-Tropfen und illegale Pornografie,

• Konsequenzen für deutsche Polizeiarbeit in Hinblick auf Eingriffe bei sexuellen Gewalttaten und Belästigungen in öffentlichen Räumen,

• eine Stärkung von Frauenberatungsstellen, -notrufen, -häusern und anderen Strukturen, die sich um Opfer sexueller Gewalt kümmern,

• eine wirksame Bekämpfung von Alltagssexismus in den Medien,

• präventives Arbeiten zum Thema Sexismus und sexuelle Gewalt mit Mädchen UND Jungen als Pflichtprogramm an Schulen,

• den Schutz von weiblichen Flüchtlingen und Kindern vor sexuellen Übergriffen in Flüchtlingsunterkünften,

• eine Verbesserung der Integration von Zuwander*innen, auch in Hinblick auf Feminismus, durch Förderung entsprechender Programme und Projekte seitens der Politik.

Deutschland ist ein Schlaraffenland für Sexualstraftäter*innen

„Sexuelle Belästigung" ist in Deutschland keine eigenständige Straftat sondern im besten Fall eine „Beleidigung". Beleidigung ist strafbar, jedoch auch an enge Bedingungen geknüpft. Busengrapschen & Co an sich sind nicht strafbar, denn es liegt keine „erhebliche sexuelle Handlung" vor und sie werden auch nicht zwingend als „Beleidigung" eingestuft, da die Einschränkung der sexuellen Selbstbestimmung angeblich nicht notwendigerweise einen Angriff auf die Ehre des Opfers beinhaltet.

Ferner leben wir in einem Land, das die Istanbulkonvention, eine völkerrechtliche Vereinbarung von 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, bislang NICHT umgesetzt hat: Gemäß dieses Abkommens muss JEDE nicht einvernehmlich stattfindende sexuelle Handlung geahndet werden. Aber in Deutschland heißt „nein" nicht „nein".

Wenn eine Frau sich bei einer ungewollten sexuellen Handlung nicht massiv körperlich wehrt (und die wenigsten tun das, zum Beispiel aus Angst vor den weiteren Folgen, auch weil der Täter in den meisten Fällen nicht „der böse Fremde" ist sondern der bekannte Vertraute, der psychischen Druck ausübt, etc.) sondern lediglich „nein" äußert, gilt es hierzulande nicht als Vergewaltigung. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe hat hierzu im Juli 2014 eine beeindruckende Fallanalyse vorgelegt.

Wer eine ihm angebotene Praline isst oder irrtümlich glaubt, der Eigentümer sei mit dem Naschen einverstanden, begeht weder einen Diebstahl noch einen Raub.

Bundesrichter Thomas Fischer jedoch hält eine Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts trotz massiver Einwände von Opfer- und Frauenverbänden, Frauen und Feminist*innen für überflüssig und lässt sich ausgiebig dazu in der „Zeit" aus. Im Februar 2015 mussten wir in diesem Kontext von ihm die Worte lesen „Wer eine ihm angebotene Praline isst oder irrtümlich glaubt, der Eigentümer sei mit dem Naschen einverstanden, begeht weder einen Diebstahl noch einen Raub".

Das sagt viel darüber aus, wie wir Frauen in Deutschland gesehen werden: als Pralinen, die es zu Vernaschen gilt! Und es sagt viel darüber aus, welchen Stellenwert der Schutz unserer sexuellen Selbstbestimmung im deutschen Justizsystem hat.

In Deutschland werden jährlich 8000 Vergewaltigungen angezeigt. Die Dunkelziffer nichtangezeigter Vergewaltigungen soll 85-95% (!) der insgesamt ausgeübten Taten ausmachen. Von den von Frauen angezeigten Vergewaltigungen wurden 2012 nur 8,4% der Täter verurteilt und die Verurteilungsrate ist zudem rückläufig.

Unter den Hashtags #whyisaidnothing und #ichhabnichtangezeigt kann man in den sozialen Netzwerken nachlesen, warum Frauen und Männer ihre Vergewaltigungen nicht angezeigt haben und vielfältig finden sich Victimblaming und Rapeculture als Ursachen.

Sexualisierte Gewalt: Beispiel KO-Tropfen

Völlig überfordert ist das deutsche Justizsystem auch mit dem unsere Gruppe betreffenden Thema „KO-Tropfen". In den letzten Jahren hat es einen massiven Anstieg an KO-Tropfen-Berichten durch Opfer gegeben. Zwar gibt es zahlreiche Substanzen, die zu den KO-Mitteln gezählt werde, der Begriff KO-Tropfen hat sich jedoch inzwischen als Synonym für GHB, auch „Liquid Ecstasy" genannt, etabliert.

Bei leichter bis mittlerer Dosierung ist das Opfer in einem sexuellen Rauschzustand und willenlos, bei starker Dosierung bewusstlos. Fachleuten zu urteilen dient der hauptsächliche Zweck der KO-Tropfen-Gabe mittlerweile der Vergewaltigung oder des sexuellen Missbrauchs. Die Substanzen sind nur sehr kurze Zeit in Blut und Urin nachweisbar, in einer Haaranalyse bei einmaliger Gabe überhaupt nicht.

Gibt ein Opfer bei der Polizei den Verdacht an, es habe KO-Tropfen eingeflößt bekommen, hat aber das Zeitfenster für eine Blut- oder Urinprobe versäumt, geschieht in der Regel nichts. Es wird nachgeschaut, ob der Beschuldigte schon einmal auffällig geworden ist, wenn nicht, dann werden keine weiteren Ermittlungen durchgeführt.

Kann das Opfer einen positiven Drogentest nachweisen, wird der Beschuldigte von der Polizei vorgeladen, sagt dann, er wüsste von KO-Tropfen nichts, das Opfer habe den sexuellen Handlungen zugestimmt und dann passiert ebenso wiederum nichts. Beides haben wir uns nicht ausgedacht sondern Frauen aus unserer Gruppe haben es genauso erlebt.

Vielfältige Beispiele dieser Art sind in den Medien nachzulesen. Wenn das Opfer nicht selbst handfeste Beweise auf den Tisch knallt wird einfach nicht ermittelt, basta, die Beweisfindung wird auf das (traumatisierte) Opfer abgewälzt, mit den psychischen Folgen der Tat wird es allein gelassen.

Für das Jahr 2013 verkündete die Kölner Polizei stolz, es hätte keine Vergewaltigung aufgrund von KO-Tropfen gegeben - wir antworten mit Galgenhumor: Ha - ha - ha!!! Vor KO-Tropfen warnt der damalige Kriminaldirektor Norbert Wagner von der Kölner Polizei im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistik nicht, von ihnen scheint ihm zufolge eine geringere Gefährdung auszugehen als von den "beliebten Alkohol-Misch-Getränken".

„Oft kommt es nach dem Konsum bei jungen Frauen auf dem Nachhauseweg zu einem Alkohol- und Zuckerschock. Sie sind für die Täter dann leichte Beute", erklärt Wagner." Ach so: KO-Tropfen sind keine Gefahr, wir Frauen sind selbst schuld, wenn wir Wodka mit Limo trinken, dass da draußen Täter rumlaufen ist normal.

Victimblaming

Um dem Problem der KO-Tropfen mit allem Drum und Dran (dazu gehören natürlich auch Schwierigkeiten in der Beweisführung) „Herr" zu werden, gibt es nicht etwa Überlegungen zur Veränderung von Ermittlungsmethoden oder präventive Gespräche und Programme mit Jungen und Männern, nein, da gibt zum Beispiel die Stadt Köln 2014 Verhaltenstipps für Mädchen raus „Mach Party safe!". Das war vor Amtsantritt von Frau Reker, dürfte aber ganz in ihrem Sinne sein - Mädchen und Frauen müssen ihr Verhalten ändern, nicht männliche Täter!

Tipps für den weiblichen Teil der Bevölkerung sind sicherlich hilfreich, aber es geht nicht an, dass der männliche Teil ausgelassen wird. Zum einen, weil die Mehrzahl der Täter eben Männer sind und durch ein solches Vorgehen die Verantwortung lediglich auf die weiblichen Opfer abgewälzt wird. Zum anderen: Auch Männer (jeder sexuellen Orientierung) können Opfer von KO-Tropfen und Sexualstraftäter*innen werden. Dürfen die nicht wissen, wie sie sich schützen können? Und in einzelnen Fällen sind Täter*innen eben auch Frauen.

„In dubio pro reo" ist eine wichtige Errungenschaft und unbedingt schützenswert, aber das deutsche Sexualstrafrecht ist nicht „im Zweifel" für den Angeklagten, es ist es „von vorneherein", denn der Zweifel ergibt sich sofort: Von Anfang an wird an der Aussage des Opfers eines Sexualdeliktes gezweifelt. Verantwortung und Schuld wird von Gesellschaft und Justiz auf die Opfer geladen. Das spricht sich in Opfer- und Täter*innenkreisen rum: Die einen zeigen deswegen nicht an, die anderen haben das Gefühl, tun zu können, was sie wollen.

Deutscher Alltagssexismus und Rassismus

Das Grundproblem sind nicht Sexualverbrecher*innen mit Migrationshintergrund, das Grundproblem ist der diesem Land seit Generationen innewohnende Sexismus, der sich nicht nur im Sexualstrafrecht widerspiegelt. Zum Thema „Pralinen": Wie erklären Sie eigentlich Ihren Töchtern und Söhnen warum an jeder Plakatwand und für jedes Produkt mit halbnackten Frauenkörpern geworben wird?

Dass Zeitungen und Zeitschriften mit Frauenfleisch locken? Was macht das in den Köpfen der Menschen, die diesen Bildern tagtäglich ausgesetzt sind? Mit denen, die hier aufgewachsen sind und denen, die dazu kommen? Es geht nicht darum, dass Frauen im Alltag ihr Verhalten ändern sollen indem sie keine Miniröcke oder dergleichen tragen - Frauen sollten anziehen dürfen, was sie wollen! Wenn Frauen jedoch medial als Objekte ausgeschlachtet und degradiert werden, werden sie es über kurz oder lang eben auch im Alltag, egal, was sie anhaben.

Wir sind entsetzt, wenn sich jetzt bildzeitungslesende „besorgte Bürger*innen" auf einmal als Feminist*innen aufspielen, wenn weibliche sexuelle Selbstbestimmung für rassistische Zwecke instrumentalisiert wird, von Menschen, die sich zum Beispiel einen feuchten Kehricht darum scheren, dass es auf dem Münchner Oktoberfest, einer urdeutschen Veranstaltung, zu einer geschätzten Dunkelziffer von jährlich circa 200 Vergewaltigungen kommt.

Und dass weibliche Flüchtlinge und Kinder in Flüchtlingsunterkünften ebenfalls sexueller Gewalt ausgesetzt sind, das stört die selbsternannten Feminist*innen der Wutbürger*innenszene auch nicht weiter. Sind ja bloß Migrant*innen.

Sexualisierte Gewalt: Beispiel Pornografie

Deutsche und ihr Sexualverhalten: Deutschland ist auch im Konsum von Internetpornografie ganz vorne mit dabei. Unsere Selbsthilfegruppe steht auch Frauen offen, die Erfahrung mit illegaler Pornografie gemacht haben. Schonmal die Kategorien „Home Made" und „Close Ups" mit eingeschaltetem Verstand näher betrachtet?

Es werden Kameras versteckt, Menschen bekommen KO-Tropfen oder andere Drogen eingeflößt, Webcams werden heimlich angeschaltet, bei Vergewaltigungen wird das Smartphone auf Details gehalten, private Aufnahmen werden ohne Zustimmung weitergereicht und schließlich landen diese Filmchen in vielen Fällen im Internet.

Wir sagen nicht, dass ALLE Filme dieser Kategorien auf entsprechenden Internetplattformen illegal gewonnen wurden, aber auf vielen Plattformen, auch den namhaften und mittlerweile etablierten, finden sich solche Filme. Auch den bezahlten Darsteller*innen im Mainstreamporno geht es in ihrem Business oft alles andere als rosig (nicht immer, aber wer kann das auf den ersten Blick treffsicher trennen?). Mit jedem Klick wird ein ausbeuterisches System unterstützt.

Dabei gibt es Alternativen von feministischen Produzent*innen. Wie wäre es denn mal, wenn Pornokonsument*innen gezielt danach Ausschau hielten, um eine Begünstigung von Delikten zu vermeiden und auch um die Etablierung ethischer Standards in der Pornobranche zu fördern?

Die durchschnittlichen deutschen Pornokonsument*innen haben es jedoch in diesem Land einfach nicht gelernt sich reflektiert mit feministischen Themen auseinanderzusetzen. Frauen (und die Mehrzahl der sexualisierten Personen auf Internetpornoplattformen sind nun einmal Frauen) sind eben Pralinen und können überall und jederzeit vernascht werden.

Zeit für einen Neubeginn

Sexismus in unserem Land ist ein althergebrachtes, tiefverwurzeltes System und sexuelle Übergriffe jeglicher Art an Mädchen und Frauen gehören in Deutschland zum täglichen Leben. Opfer wie Täter*innen kommen aus allen Einkommens- und Bildungsschichten und von überall her, in den meisten Fällen aus Deutschland.

Wir finden es schade, dass es soweit kommen musste, bis die Diskussion zum Thema sexualisierte Gewalt an Frauen in der Gesellschaft, in der Politik und in den Medien entfacht wurde. Die Geschehnisse in der Silvesternacht sind nur die Spitze eines Eisberges, von dem der größte Teil seit Langem nicht thematisiert, nicht angezeigt, von der Polizei nicht geahndet oder nicht verurteilt unter der Wasseroberfläche schwimmt.

Schade dass der Fokus in der Diskussion um die Silvesternacht sich so sehr vom Wesentlichen, den belästigten Frauen, Alltagssexismus und Sexualstrafrecht, auf andere Themen verschoben hat: Flüchtlingspolitik und Migrant*innen. Allerdings nicht wenigstens in Hinblick auf von der Politik verbesserungswürdiger Integrationshilfen, nein, nun sollen also Asylgesetze verschärft werden.

Katastrophen können immer auch eine Chance für einen Neubeginn beinhalten. Deutschland könnte nun Vorreiter*in in Sachen Feminismus und Frauenrechte werden - oder eben alles beim Alten belassen und weiterhin ein Schlaraffenland für Sexualstraftäter*innen bleiben.

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Frauenselbsthilfe Köln

bei KO-Tropfen und/oder illegaler Pornografie

Protokoll der Schande: Polizei zeigt genaue Liste der Belästigungen von Köln

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