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25/02/2015 08:58 CET | Aktualisiert 27/04/2015 07:12 CEST

Auch als Eltern ein Liebespaar bleiben: Interview mit Bloggerin Katja Grach

Shannon Miller via Getty Images

Heute unterhalte ich mich mit Katja Grach, einer Blogger-Kollegin aus Österreich, über Sex und Elternschaft. Sie schreibt den unterhaltsamen und informativen Blog "Krachbumm" und widmet sich dort diesem wichtigen und immer noch tabuisierten Thema.

Heute reden wir über Lust und Frust im Ehebett, die veränderte Sexualität eines Paares nachdem Kinder da sind, wie Sex und Hausarbeit zusammenhängen und was eigentlich eine MILF ist.

Katja, Du schreibst in Deinem Blog über das Thema Sex und Elternschaft. Für Dich ein Lust- oder Frust-Thema?

Eigentlich beides. In einem Interview mit der Sexualtherapeutin Elia Bragagna habe ich kürzlich sinngemäß den Satz gehört, dass es nichts Erotischeres gibt als unseren eigenen Körper. Alles andere, was so an Toys und Reizwäsche etc. gekauft werden kann, sei bestenfalls "nett", aber nicht mehr.

Ich stimme ihr absolut darin zu, dass die größte Erotik und Sinnlichkeit in uns selber liegt. Bis wir das allerdings erkennen und uns wohlfühlen mit uns selbst, ohne an eine "tolle Performance" zu denken, dauert es oftmals Jahre. Und manche Paare wollen auch lieber die Performance-Geschichte.

Aber so richtig tiefe Lust kann, glaube ich, erst entstehen, wenn Menschen all ihre Hüllen fallen lassen. Wenn zwei sich so richtig sehen. Dann ist es auch mehr oder weniger egal, wie oft man als Eltern die Gelegenheit zu Sex hat. Wenn ein Paar ehrlich zu einander ist und auch ausspricht, wie sehr es die körperliche Nähe zu einander vermisst, oder auch was dem entgegensteht, entwickelt sich immer schon mal eine Art von Nähe und Vertrauen.

Wenn jede/r sich nur still denkt: Wir sollten wieder mal, ach wie lang ist es schon her, heute aber wirklich, ach, ich bin so müde, aber sollte ich nicht doch? usw. - dann baut man sich einen unglaublichen Druck auf und spinnt sich auch die irrsten Ideen, warum der/die PartnerIn nicht will.

Wie verändert sich der Sex, nachdem man Mutter und Vater geworden ist? Wie bleibt man ein Liebespaar?

Ich glaube das ist ganz individuell. Für einen Artikel zu genau diesem Thema, haben sich 150 Mütter für eine anonyme Umfrage gemeldet und im Endeffekt haben nur 17% angegeben, dass alles gleich geblieben ist. Viele bemängelten, dass es weniger häufig passiert und nicht mehr so spontan.

Auch sich fallen lassen, sei nicht mehr so gut möglich, da die Paare wegen der Kinder eben schneller oder leiser machen, damit sie niemand wecken. Auch wurde erwähnt, dass nicht mehr so viel ausprobiert würde, teils wäre der Sex nun auch mit Schmerzen verbunden und unangenehm, was an Geburtswunden (physisch oder psychisch) liegen kann. Das klingt jetzt alles sehr negativ.

Aber einige haben auch berichtet, dass der Sex nun viel intensiver und schöner sei. Schwierig sind diese ganzen Veränderungen vor allem für die Paare, bei denen Sex einen sehr wichtigen Stellenwert hat, und die sich generell mehr körperliche Nähe im Beziehungsalltag wünschen.

Die Schwierigkeit liegt sicherlich auch darin auszuloten, wann es Sinn macht, sich für diese Art der Zweisamkeit Zeit zu nehmen und zu reservieren, und wann sich ein Paar dadurch unter Erfolgsdruck gesetzt fühlt, dass genau jetzt wo die Kinder auswärts schlafen alles bestens funktionieren sollte, bzw. dass jetzt die Gelegenheit unbedingt genutzt werden muss. Dagegen hilft sicherlich mal über die gegenseitigen Erwartungen, Befürchtungen und Wünsche zu sprechen und diese zu relativieren.

Am Liebespaar hängt meiner Meinung nach wesentlich mehr als der Sex. Die Verteilung der Hausarbeit gerade nach der Geburt des ersten Kindes und in Beziehungen, wo beide vorher von einer gewissen Gleichberechtigung ausgegangen sind, stellt sicherlich ein ähnliches Minenfeld dar, das sich nicht zuletzt ebenfalls auf den Sex auswirken kann.

Nicht im Sinne von: Du hast den Müll nicht runter getragen, darum gibt's jetzt keinen Sex. - Ich hoffe doch sehr, dass das niemand praktiziert. Sondern im Sinne von Müdigkeit, Zeitmangel, den Kopf voller Dinge, die noch zu erledigen sind.

Wenn der Sex wirklich komplett flöten geht nach der Geburt der Kinder, dann glaub ich schon, dass da mehr dran hängt, als Babyalltag und Beziehungsschwierigkeiten. Ich lese grade "Soulsex" von Eva-Maria Zurhorst. Was mich überrascht hat dabei ist, dass sie sich ganz klar dem Thema Traumatisierungen annimmt. Und egal ob es Erfahrungen aus der Kindheit sind, eine Fehlgeburt, eine Abtreibung oder die Geburt selbst - unser Körper speichert Erlebnisse und diese können sich auf unweigerlich auf die Sexualität auswirken.

Ich hab z.B. einige Zeit gebraucht, um meinen Kaiserschnitt zu verdauen. Das hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf Schmerzen beim Sex und die Vorstellung, niemanden in meinen Körper lassen zu können, da ja noch mein ungeborenes Baby da drinnen wäre. Verkürzt klingt das ein bisschen schräg (ist es auch), aber ich hab ausführlicher dazu geschrieben.

Für viele Mütter mit Babies ist das Thema Sex zunächst schwierig. Was rätst Du Frauen? Wie kann man seinen "Groove" wiederfinden? Und was tun, wenn es Unmut gibt in der Partnerschaft über unterschiedliches Lustpotential?

Reden hilft. Ich glaube, dass es für PartnerInnen, die nicht schwanger waren ganz schwer nachzuvollziehen sein kann, was sich da im Körper und Kopf der frischgebackenen Mutter abspielt. Angefangen vom Babyblues, der Beziehung, die zum Neugeborenen erst aufgebaut werden muss, dieser Nähe, die auch unglaublich zehrend sein kann und die durch ständiges Stillen entsteht (wo eine das Gefühl haben kann, dass sie jetzt nicht auch noch den Partner/die Partnerin braucht, der/die an ihr klebt), die Erschöpfung, und auch die tausend Erwartungen, die auf eine einprasseln.

Wenn er nicht gerade gleichzeitig Elternurlaub hat oder anders intensiv an dieser Zeit teilhaben kann, dann entstehen leicht mal zwei komplett konträre Parallelwelten, wo beide einander nicht verstehen und jede/r sich fragt, warum der/die andere nicht kapiert was da abgeht. Darüber sollten Eltern unbedingt sprechen.

Abgesehen davon wirken Babysitter Wunder - und Zeit, in denen nicht über Beikost und Windelinhalt gesprochen wird. Als Eltern neigt man schon sehr dazu, mit Sprache nur mehr die Beziehung zu verwalten, anstatt sich richtig miteinander zu unterhalten. Je mehr Raum und Zeit meine eigenen Empfindungen beim Partner haben, desto eher kann ich auch mal von diesem neuen Babyuniversum loslassen.

Wenn ich aber versuche, neben perfekter Mutter zu sein, auch noch den perfekten Haushalt zu führen und gleich wieder die perfekte erotische Partnerin zu sein, auch wenn mein Körper gerade ganz anders aussieht, als ich mir das vorgestellt habe, dann werde ich ziemlich auf die Nase fallen.

Und: Partnerschaften sollten es aushalten, wenn eine/r ein paar Mal frustriert ist, weil es heut keinen Sex gibt. Es ist schon unfair genug, die Verantwortlichkeit für gelingende Elternschaft und einen gut geführten Haushalt großteils auf die Schultern der Frauen zu packen.

Sie für eine erfüllte Sexualität auch noch verantwortlich zu machen, halte ich für katastrophal und sexistisch. Männer müssen nach einer Geburt ebenso ihren neuen Platz in der Familienkonstellation finden und sind daher ebenso aufgefordert, aktiv an der Gestaltung von Elternschaft, Haushalt und Sexualität mitzuarbeiten. Und in Bezug auf Sex heißt das nicht nur, einfach Lust zu haben. Das reicht nicht. Sex ist Kommunikation.

Stichwort "MILF" (Mom, I'd like to f.....k) Ist das für Dich ein abwertender oder bestärkender Begriff?

Als ich wieder begonnen habe zu arbeiten, hab ich mich oft gefragt, ob mir andere Menschen ansehen, dass ich Mutter bin - so auch im Sinne von begehrenswert sein. Durch die Schwangerschaft habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich plötzlich weg war vom Radar im öffentlichen Raum. Keine anzüglichen Bemerkungen mehr, keine Anmache, keine zweideutigen Blicke.

Nur mehr schiefgelegte Köpfe und Babygrinsen. Aber irgendwann kommt ja bei vielen der Wunsch auf, nicht mehr nur Mutter zu sein, sondern dabei auch Frau zu bleiben. Du hast das ja auch so schön in deinem Blognamen. Grundsätzlich tu ich mir ein bisschen schwer für mich festzulegen, was mich zur Frau macht. Ich würde eher sagen, ich möchte neben der Mutterschaft auch ein Mensch mit all seinen Bedürfnissen bleiben - und dabei eben auch ein sexuelles Wesen.

Allerdings lege ich keinen Wert darauf, dass mich möglichst viele Menschen für "fickbar" halten. Und genau das ist es, was der Begriff MILF aussagt. MILF ist keine Selbstbezeichnung, die sich Frauen ausgedacht haben, um ihre Erotik und sexuelle Energie zu unterstreichen. MILF ist eine Fantasie pubertärer Jungs, und eine Pornokategorie für Männer, eine Zuschreibung von außen - und genau das besagt auch die Abkürzung.

Insofern halte ich den Begriff für abwertend, weil er einfach nur darauf reduziert, was jemand anders mit mir tun möchte. Der Umstand, dass ich Mutter bin und mein Alter (MILFs sind eigentlich schon über 40) machen dabei den Kick aus. Denn gleichzeitig steckt da ja auch drinnen, dass Mütter (insbesondere in diesem Alter) generell nicht als anziehend empfunden werden.

Ich bin dafür, dass Frauen generell als eigenständig agierende sexuelle Wesen Ernst genommen werden, die ihre Sexyness auch selbst definieren. Wir brauchen keine Spezialbegriffe für sexy Frauen, weil diese immer auch ein bestimmtes Körperbild mittransportieren. Und wenn sich ein Fitness-Trainer der "Milf-Macher" nennt, dann ist auch ganz klar, wer als sexy wahrgenommen wird und wer nicht. Aber eine Gesellschaft, in der sich alle Frauen in ihren Körpern wohlfühlen, würde das Zusammenbrechen riesiger Wirtschaftszweige über Nacht bedeuten.

Du sprichst, auch heute noch, Tabus in Deinem Blog an. Wie sind die Reaktionen aus dem Netz?

Das ist mal eine Frage, die ich kurz und knapp beantworten kann: Da gibt's keine. Sex und worüber ich sonst noch schreibe ist so tabuisiert, dass ich hohe Klickzahlen habe und auch eine lange Verweildauer auf den Seiten, aber kommentieren traut sich kaum jemand - weil das auch "sich outen" bedeutet und Negatives hab ich überhaupt noch nicht zu lesen bekommen. Immer wieder schreiben mir Menschen eine E-Mail, wie sie sich in einzelnen Diskussionen wiederfinden.

Für uns ist Aufklärung gerade ein Thema. Was rätst Du Eltern? Wie geht man dieses Thema möglichst locker an?

Ich glaube viele Eltern übersehen bei dem Thema, dass es weniger um den Fortpflanzungsakt geht, sondern viel mehr um die Werte, die sie ihren Kindern in so kleinen Momenten vermitteln, wo es um die Benennung der Geschlechtsorgane geht, wo über geschlechtstypische Verhaltensweisen gesprochen wird usw.

Sexualität ist so ein weites Feld und wenn ich mir als Elternteil klar mache, was ich meinen Kindern über Sex vermitteln möchte (z.B. dass es was Wunderschönes ist, welche Gefühle da mit einhergehen und dass Berührungen zwischen Menschen nur in beiderseitigem Einverständnis passieren sollten), dann brauche ich mir über Samen, Eizellen und DAS Gespräch wenig Gedanken machen.

Es gibt so viele Gelegenheiten, bei denen Kindern Fragen stellen. Und meistens wollen sie nur knappe einfache Antworten. Wenn es mehr braucht, dann fragen sie ohnehin nach.

Es gibt einige wirklich tolle Aufklärungsbücher, die happige Fragen zu Geschlechtsverkehr toll erklären. Davon hab ich in den letzten Wochen vier auf dem Blog vorgestellt. Aber generell rate ich Eltern, sich erst mal damit auseinander zu setzen, welche Werte sie eigentlich in puncto Sexualität vermitteln möchten. Und wenn es weniger in Richtung Scham und Gefahr gehen sollte, dann müssen wir uns ein bisschen mehr Gedanken machen als die Generationen vor uns.

Mehr von Katja auf ihrem Blog Krachbumm

Mehr von Frau Mutter auf ihrem Blog "Frau Mutter"


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