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07/02/2017 08:30 CET | Aktualisiert 08/02/2018 06:12 CET

Wenn Kollegen trauern

mikkelwilliam via Getty Images

Im Jahr 2014 wurde über die Homepage des Verbandes Verwaiste Eltern in Deutschland e. V. (VEID) ein Aufruf an trauernde Eltern gestartet, über ihre Situation am Arbeitsplatz zu berichten.

Dabei sollte frei geschildert werden, welche Unterstützung seitens des beruflichen Umfeldes als hilfreich empfunden wurde und was noch wünschenswert gewesen wäre. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei allen Trauernden bedanken, die sich hier so engagiert eingebracht haben!

Das war hilfreich

Als besonders hilfreich wurde die persönliche Unterstützung der Kollegen genannt. Besuche zu Hause, liebe Telefonate, ehrliche Anteilnahme und alle anderen Formen von Verständnis zu erfahren, wurden dankbar angenommen.

Die aktive Unterstützung bei privaten oder beruflichen Herausforderungen war wohltuend, auch regelmäßiges, ehrliches Fragen nach dem Befinden: "Wie geht's dir denn eigentlich?", dass sich jemand Zeit genommen hat, einfach mal weinen zu dürfen, auch kleine Aufmerksamkeiten haben die schlimme Zeit sehr erleichtert.

Wertschätzung zu erfahren: "Schön, dass Sie wieder da sind", Kondolenzschreiben, Geld für die Beerdigung sowie die offene und angstfreie Kommunikation über den Tod wurden als hilfreich und tröstend beschrieben.

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"Diejenigen Kollegen, die den Mut und die Fähigkeit hatten, mir ›adäquat‹ zu begegnen, sah ich in dieser Zeit als Geschenk. Es war so hilfreich zu erfahren, dass sie Anteil nahmen und wissen wollten, wie es mir geht.

Manche boten mir Hilfe an oder hörten einfach nur zu", berichtete auch Wolfgang Dass Vorgesetzte Verständnis für die Situation und Anerkennung zeigten, auch separat die persönliche Anteilnahme aussprachen und mit einem offiziellen Schreiben kondolierten, wurde von den Betroffenen als wichtig erlebt.

So war Rita sehr positiv überrascht, dass zur Beerdigung ihres Sohnes alle vier Partner ihrer Kanzlei erschienen, einen eigenen Kranz niederlegten und persönlich kondolierten. Das hatte sie nicht erwartet, da sie die Stundensätze kennt, die normalerweise den Kunden in Rechnung gestellt werden.

Viele Trauernde berichteten, dass die Möglichkeit, im Beruf wieder Routine, Alltag, Normalität, Funktionieren und Struktur erleben zu können, festigend und stabilisierend erlebt wurde.

"Es war mir so wichtig, zu arbeiten. Mein Arbeitsplatz war Normalität, und die brauchte ich", berichtete auch Johannes, der fast erleichtert war, als er die Nachmittagsbetreuung für Luka und Lara so weit organisiert hatte, dass er wieder regelmäßig und zuverlässig seiner Arbeit nachgehen konnte.

Wenigstens funktionierte etwas in seinem Leben wieder fast so wie früher... Krankschreibung, Überstundenabbau, Reha-Maßnahmen, reduzierte und/oder flexible Arbeitszeitregelungen, auch langfristig, wurden oft als nötig und sehr hilfreich beschrieben.

Für Marisa war es eine große Hilfe, dass sie nach ihrer Mutterschutzzeit das Angebot erhielt, zunächst mit wenigen Stunden wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. Eine Wiedereinstiegsplanung, zum Teil auch mittels einer professionellen Trauerbegleitung, durch offene Gespräche, Information und Kommunikationsplanung wurde für ausgesprochen wichtig erachtet.

"Es war also hilfreich, dass die meisten vorab informiert waren und wussten, was los war, als ich wieder ins Büro zurückkehrte", erklärte auch Anna. Ihr wäre es sehr schwergefallen, immer wieder neu von Davids schrecklichem Unfall erzählen zu müssen.

Auch bei scheinbar wiederhergestellter Normalität war es für viele Betroffene gut zu erfahren, dass Tränen noch gezeigt werden durften, Rückzug noch möglich war, Anteilnahme und Empathie vorhanden waren, dass geringere Belastbarkeit zugegeben werden konnte.

Das wäre wünschenswert gewesen

Andere Umfrageteilnehmer hätten sich noch mehr persönlichen Kontakt mit den Kollegen, Trost, Unterstützung, Flexibilität, Akzeptanz, Wissen sowie Kondolieren und Kommunikation gewünscht.

Oft wünschten sich Betroffene mehr Anteilnahme von Chefs und Vorgesetzten, Nachfragen, Anerkennung, Unterstützung sowie offizielles Kondolieren, so wie Magdalena: "Ich hätte mir mehr Einfühlungsvermögen meiner Chefin gewünscht, dass sie mich auch versteht, wenn ich nicht so ›gut funktioniere‹, dass sie auch mal nachfragt, wie es mir geht."

Andere Arbeitnehmer hätten sich in dieser schweren Zeit Unterstützung durch reduzierte Arbeitszeit, allgemeine Schonung und eine schrittweise Einarbeitung bei gleichbleibender Bezahlung gewünscht.

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Dazu gehört auch, dass der Wiedereinstieg vorbereitet wird: Die verschiedenen Stellen wie Betriebsrat, Betriebsarzt, Personalabteilung, Vorgesetzte etc. sollten koordiniert werden und gut miteinander kommunizieren. Am ersten Tag wären ein persönlicher Empfang und kleine Aufmerksamkeiten schön gewesen, darüber hinaus wurde mehr Sachlichkeit und Fairness gewünscht.

Das war besonders schmerzhaft oder schwer

Die intensivsten negativen Empfindungen wurden durch Ignorieren, Totschweigen, Wortlosigkeit, Sprachlosigkeit, Lieblosigkeit und Isolation ausgelöst. Aussagen wie diese waren leider keine Seltenheit: "Obwohl die Kollegen, mit denen ich eng zusammenarbeitete, bei der Beerdigung meines Sohnes dabei waren, wurde das Thema so gut wie totgeschwiegen."

"Von Kollegen wurde ich nicht unterstützt, manche wussten gar nichts davon und waren dann total geschockt, als sie von mir davon erfuhren, aber haben das Thema dann auch gleich beiseitegelegt, einige begegneten mir mit dem Wissen, was geschehen war, vermieden aber ein Gespräch darüber."

"Einige fragten die ganzen Jahre nie nach. Das fand ich traurig und manchmal war ich deswegen auch wütend." "Du musst ja ein schlimmes Karma haben!" Für viele Betroffene war es auch schwer auszuhalten, wenn Chefs, Vorgesetzte und/oder Kollegen nicht bei der Beerdigung waren oder nicht offiziell kondoliert haben.

"Die einzigen Worte meines Chefs waren, dass er das mit meinem Sohn wisse, aber darüber nicht rede und damit war das Thema für ihn erledigt."

"Selbst mein Chef ist mir aus dem Weg gegangen, obwohl wir in all den Jahren ein sehr gutes und vertrauensvolles Arbeitsverhältnis hatten."

Auch der zu frühe Wiedereinstieg und der Druck von außen bewirken eher das Gegenteil: "Mein Umfeld drängte mich, möglichst bald wieder arbeiten zu gehen. Das würde mir sicher helfen. Ich habe es versucht, es war die Hölle." Es ist schwer, der Erwartung, wieder voll leistungsfähig zu sein, zu entsprechen.

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"Mein Sohn ist jetzt seit vier Monaten tot und die meisten Menschen erwarten jetzt, dass ich wieder funktioniere. Bei mir fängt die Trauer aber erst richtig an", berichtet eine Umfrageteilnehmerin.

Am schlimmsten wird es empfunden, wenn zu dem ertragenen Verlust auch noch Mobbing und schlussendlich Kündigung hinzukommen: "Später wurde mir mitgeteilt, dass ich mich zusammenreißen solle und man mit mir in ein paar Monaten noch einmal ein Gespräch führen würde, wie ich mich bis dahin ›gemacht habe‹. Sechs Monate später wurde ich erneut zum Abteilungsleiter gebeten, der mir diesmal, ohne ein weiteres versprochenes Gespräch geführt zu haben, die Kündigung mit sofortiger Wirkung ausgesprochen hat. Dies hätte ich mir alles selbst zuzuschreiben, da ich meine Trauer ›zelebrieren‹ würde."

Am meisten hilft Anteilnahme

Sowohl die Umfrage als auch langjährige Erfahrungen in den Selbsthilfegruppen der Verwaisten Eltern und Erlebnisse bei vielen Begleitungen trauernder Arbeitnehmer zeigen ganz deutlich, dass der hilfreichste Faktor am Arbeitsplatz die persönliche Anteilnahme, Unterstützung, Empathie und Akzeptanz durch Kollegen und Vorgesetzte ist. Raum, Zeit und Verständnis für die Trauer bereiten den fruchtbaren Boden für einen geglückten Neustart.

Eine gute Vorbereitung des Wiedereinstiegs zur angemessenen Zeit ermöglicht die effektive und gesunde Tätigkeit des trauernden Arbeitnehmers. Wichtig dabei ist eine individuelle Planung unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Betroffenen und der Kollegen. Natürlich sind die wenigsten Trauernden stark druckbelastbar.

Besonders verletzt werden Trauernde am Arbeitsplatz durch Schweigen, Sprachlosigkeit und Ignoranz ihres Schicksals. Glücklicherweise gibt es auch positive Erfahrungen, und in vielen Bereichen ist menschliche Zuwendung eine Selbstverständlichkeit.

Vielleicht kann es hilfreich sein, die positiven Absichten noch besser zu koordinieren und zu bündeln. Möglicherweise ist es auch nötig, Überzeugungsarbeit dafür zu leisten, dass es sich in vielfältiger Weise lohnt, Energie in die Begleitung und Unterstützung Trauernder am Arbeitsplatz zu investieren.

"Im Leben geht es nicht nur darum, gute Karten zu haben, sondern auch darum, mit einem schlechten Blatt gut zu spielen."

(Robert Louis Stevenson)

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Wenn Kollegen trauern von Dr. Franziska Offermann.

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