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11/12/2015 04:26 CET | Aktualisiert 11/12/2016 06:12 CET

"Wir müssen unsere Freiheit und Werte mehr schätzen"

Adam Berry via Getty Images

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Das Jahr 2015 wird den Deutschen unter anderem mit den furchtbaren Bildern von Vertreibung und Verfolgung in Syrien und im Irak und den zu uns Flüchtenden im Gedächtnis bleiben. Sie zeigen: Wir müssen uns noch mehr als bisher bewusst werden, wie hoch unsere Freiheit und unsere Werte zu schätzen sind und was sie konkret für unser Zusammenleben bedeuten. Dazu gehört auch die grundlegende Kenntnis über die Wurzeln unserer demokratischen Grundwerte.

Die ersten Artikel des Grundgesetzes beispielsweise zur Würde des Menschen, zur Selbstverwirklichung und damit eingehender Eigenverantwortung, zur Meinungs- sowie Glaubens- und Gewissensfreiheit basieren auf den geistigen Wurzeln des christlich-jüdischen Wertefundaments. Widerspricht das nicht der Trennung von Kirche und Staat?

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Zivilgesellschaftlicher Konsens unseres Zusammenlebens

Nein. Denn abseits der institutionellen Trennung von Staat und Kirche beziehungsweise Religion stellte der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht, Ernst-Wolfgang Böckenförde, fest, dass der säkulare Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Ob Nächstenliebe, Rücksichtnahme oder moralische Hemmschwellen - keine noch so umfangreiche Gesetzessammlung könnte diesen auf christlichen Werten und Traditionen aufbauenden zivilgesellschaftlichen Konsens unseres Zusammenlebens bis in kleinste Verästelungen allgemeingültig und neutral regeln.

Nur wenn wir uns mutiger als bisher auf diese Wurzeln besinnen und sie (selbst-)bewusster annehmen, können wir denjenigen, die zu uns kommen, die Herkunft unserer Grundwerte vermitteln - egal ob und welcher Religion sie angehören.

Dabei können uns auch die Menschen helfen, die als Fremde zu uns kamen und längst zum „Wir" gehören. Diejenigen, die vor Jahren nach Deutschland gekommen sind und mit Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft und Offenheit eine neue Heimat bei uns gefunden haben. Eine Frau mit erfolgreicher Migrationsgeschichte in Deutschland, die der Religionsgemeinschaft der Jesiden angehört, sagte kürzlich: „Eigentlich habe ich zwei Väter: meinen biologischen Vater und das deutsche Grundgesetz. Ohne die Werte des Grundgesetzes wäre ich nicht hier, und dafür bin ich dankbar."

Diese Stimmen sind immens wichtig - ihnen müssen wir mehr Gehör verschaffen, speziell auch, wenn es um die Frage der Integration der Flüchtlinge geht. Besondere Bedeutung erhalten sie im Konzert derjenigen, die Grundrechte wie Selbstverwirklichung, Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung vielmehr als Bedrohung denn als Errungenschaft betrachten.

In Deutschland haben sich vor allem vier weltliche islamische Verbände positioniert, die ihre materielle und ideelle Basis häufig zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus dem Ausland beziehen. Diese finanzielle, kulturelle und politische Abhängigkeit erschwert nicht nur deren Mitgliedern - wiederum religiöse Moscheegemeinden - eine unabhängige Befassung mit ihrer Theologie.

Konglomerat aus Staat, Religion und Außenpolitik

Auch die Ansprechpartner auf politischer Seite befinden sich in der Zwickmühle, dieses Konglomerat aus Staat, Religion und Außenpolitik sauber zu trennen. Ganz zu schweigen von der Herausforderung damit umzugehen, dass Verbände einzelne Verbindungen zu Organisationen unterhalten, die auf der Beobachtungsliste der Verfassungsschutzbehörden standen oder stehen.

Mangels Alternativen wurden den Verbänden Mitspracherechte auf vielen Ebenen eingeräumt, die in keinem Verhältnis zur relativ geringen Zahl der Mitglieder stehen. Diese Meinungsführerschaft einer kleinen, jedoch in der Außenwirkung maßgeblichen Gruppe mag in Teilen zu dem diffusen Bild über Muslime in Deutschland beigetragen haben, das Sorgen und Ängste in der Bevölkerung angesichts der neu ankommenden Flüchtlinge schürt.

Hierin - und nicht im Kopftuch - drückt sich das Grundrecht auf Religionsfreiheit aus

Die künftige Chance liegt in einem deutlichen Mehr an Transparenz, Offenheit und Unabhängigkeit der Verbände und in einer klaren Trennung zwischen weltlichen Interessen und Religion. Vor allem diejenigen muslimischen Glaubens, die sich zu unserem Land, unseren Grundrechten und unserer Kultur bekennen, sollten eine von (fremd-)staatlichen Einflüssen unabhängige Religionsausübung in deutscher Sprache einfordern.

Hierin - und nicht im Kopftuch - drückt sich das Grundrecht auf Religionsfreiheit aus. Der deutsche Staat hat von seiner Seite die Voraussetzungen hierfür bereits geschaffen.

Dies wäre ein Baustein für eine erfolgreiche Integration auch der neu ankommenden Flüchtlinge.

Ich wünsche Ihnen ein friedliches, gesundes und gesegnetes Jahr 2016.

Flüchtlinge zeigen Gegenstände aus ihrer Heimat

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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